Reker-Attentäter vor Gericht "Ein Duell wäre mir lieber gewesen"

Mit Bier trank er sich Mut an, dann stach er zu: Vor Gericht hat Frank S. ausführlich über seinen Messerangriff auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Reker gesprochen. Seiner schiefen Logik ist kaum zu folgen.

Angeklagter Frank S. (Archiv)
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Angeklagter Frank S. (Archiv)

Von , Düsseldorf


Es ist nicht so, dass man Frank S. aus der Nase ziehen müsste, wie es war am Morgen jenes 17. Oktobers, an dem er die parteilose Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker beinahe getötet hätte. Im Gegenteil. Der Mann im pechschwarzen Hemd mit dem Ziegenbart spricht wie jemand, der endlich eine Bühne gefunden hat für all das, was es aus seiner Sicht zu sagen gibt: über eine Diktatur namens Deutschland, über die verfehlte Einwanderungspolitik, den "millionenfachen Rechtsbruch", begangen von einer "irren Kanzlerin". Und über Henriette Reker, die Frank S. als "linksradikale Schickimicki-Ideologin" bezeichnet.

Doch zunächst geht es an diesem zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Düsseldorf um den Ablauf dieses 17. Oktobers. Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza will wissen, welche Erinnerung Frank S. daran hat.

Seinen eigenen Angaben zufolge hatte sich Frank S. die Wahlkampftermine aus dem Internet gesucht, den Wecker gestellt und sich am Morgen eine lederne Messerscheide ums Hosenbein geschnallt, für das Bowiemesser. Ein Butterflymesser steckte er in die Hosentasche. Bevor er sich auf den Weg zum Braunsfelder Wochenmarkt machte, trank er eine Halbliter-Dose Bier leer, die noch im Kühlschrank stand.

"War das Ihr Standardfrühstück?", fragt die Vorsitzende. "Nein", sagt Frank S. "Ich musste mich irgendwie enthemmen, damit ich die Tat begehen kann."

Auf dem Weg zu Rekers Kundgebung trank er noch zwei weitere Bier. Bis kurz vor der Tat sei er nicht sicher gewesen, ob er die Hemmschwelle überschreiten würde.

Die Richterin hält das Messer in die Luft

Er habe die parteilose Kandidatin Reker nicht töten wollen, wie die Anklage behauptet, sondern nur ein Zeichen setzen gegen die Arroganz der Politiker. Die Vorsitzende zieht das Bowiemesser, Klingenlänge 30 Zentimeter, unter ihrem Tisch hervor und hält es in die Luft, wie Justizia ihr Schwert: "Wir sprechen über diese Waffe?" Das Messer sei stumpf, sagt Frank S: "Das ist kein Mordinsturment, eher so ne Dekowaffe. Es sollte aber martialisch aussehen. Ich wollte Theatralik reinbringen."

Dann steht Frank S. auf und demonstriert dem Gericht, wie er Henriette Reker verletzt haben will: Mit einem Stich - "so, zack" - seine Hand zielt auf eine imaginäre Körpermitte. "Dann hab ich das Messer sofort weggeworfen. Damit war für mich die Sache erledigt."

Tatsächlich rammte er ihr die Klinge tief in den Hals. Dafür hat Frank S. keine Erklärung. Nur so viel: "Sie lag dann ja wehrlos vor mir. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich noch ein-, zweimal zustechen können, dann wäre sie jetzt tot. Aber sie lebt."

Erst als ein "Mob" auf ihn zugekommen sei, als er keine Gesichter mehr gesehen habe, sondern nur noch eine Masse, habe er aus Angst, gelyncht zu werden, das Butterflymesser gezogen und sich gewehrt. "Ich hatte doch ein politisches Motiv. Warum hätte ich da sonst auf unschuldige Menschen einstechen sollen? Ich kannte die doch gar nicht."

"Und die Frau Reker war nicht unschuldig?", fragt die Vorsitzende.

"Nein. Sie hat Schuld auf sich geladen."

"Die ganz große Volksverarschung"

Der Angeklagte zieht nun einen Zettel hervor, von dem er abliest, was er seinem Opfer zur Last legt. So schnell liest er, dass er sich verhaspelt und neu ansetzen muss: Reker sei eine Marionette der Grünen , ins Wahlrennen geschickt als "trojanisches Pferd einer Politik der humanitären Selbstzerstörung Deutschlands". Alles habe sich nur noch um Flüchtlinge gedreht, die Kandidatin habe Wahlbetrug betrieben, "die ganz große Volkverarschung". Das hätte die Bevölkerung durch seine Tat erfahren sollen.

Wieso erfahren? Henriette Reker sei doch ganz offiziell von den Grünen unterstützt worden, wendet die Vorsitzende ein, genauso wie von der CDU und der FDP . "Genau", sagt Frank S., "die Politiker sind alle eine Einheitspartei, wie in der DDR ".

"Warum stellen Sie sich nicht einfach auf eine Kiste und sagen, liebe Leute, was die Frau Reker hier macht, ist Volksverdummung?" Frank S. schüttelt den Kopf: "Friedlicher Widerstand ist in Deutschland unmöglich geworden." Der Grund: die Antifa. Sie scheint sein eigentliches Feindbild zu sein.

Am ersten Verhandlungstag hatte er berichtet, als junger Rechter in Bonn hätten ihn deren vermummte Trupps gejagt . Das sei zwar lange her, aber heute bedrohe diese terroristische Vereinigung die gesamte Bevölkerung. Die Antifa, bringt Frank S. nun ans Licht, sei das Rollkommando der Grünen, die wiederum mit der SPD und der CDU unter einer Decke steckten, auch der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Piraten steckten mit unter dieser Decke. Und für all das sei Henriette Reker die Symbolfigur.

"Es ist nicht besonders ehrenvoll, auf eine wehrlose Frau einzustechen", räumt Frank S. ein. "Ein klassisches Duell, Mann gegen Mann, wäre mir lieber gewesen. Aber es war meine einzige Chance, ein Zeichen zu setzen und um Schlimmeres zu verhindern."

Die Vorsitzende schaut ungläubig. "Haben Sie ernsthaft geglaubt, dass Sie mit Ihrer Tat irgendetwas verhindern können, was die Flüchtlingspolitik angeht?" - "Natürlich, sonst hätt ichs ja nicht gemacht - auch wenn ich wahrscheinlich zum falschen Mittel gegriffen habe." "Streichen Sie mal 'wahrscheinlich'", sagt Barbara Havliza. "Sie wissen, dass zur Veränderung politischer Umstände Wahlen da sind."

Aber was bedeutet schon ein Wahlschein, wenn man bereit ist zu politischen Zwecken nicht nur fremdes Leben zu opfern, sondern sogar sein eigenes? Frank S., so sagt er es an diesem Tag, rechnete damit, bei seiner Tat erschossen zu werden, wie die palästinensischen Messerattentäter, von denen er in der "Tagesschau" gehört hat. "Die werden zu hundert Prozent erschossen. Ich hatte mir mindestens 50 Prozent Wahrscheinlichkeit ausgerechnet."

Eine kluge Frage lässt ihn stutzen

An der Tat des Frank S. besteht kein Zweifel. Die entscheidende Frage im Prozess wird sein, ob hier ein politischer Extremist handelte oder ein psychisch Kranker.

Er hat kein Bekennerschreiben verfasst. Nie hat er vor der Tat irgendwo oder irgendwem auch nur ein Fitzelchen seiner Befürchtungen mitgeteilt - über Flüchtlinge, Totalüberwachung, TTIP, Europa, gefälschte Wahlen.

Die Vorsitzende Richterin zielt mit einer Frage auf die Logik seines Handelns: "Wenn es Ihnen darum ging, auf diese Umstände aufmerksam zu machen, und Sie wären erschossen worden, dann wäre ihre Botschaft nie gehört worden", sagt Havliza. "Die Botschaft wäre gewesen: Durchgeknallter ehemaliger Rechtsradikaler bringt OB-Kandidatin um. Sie wären nicht in die Situation gekommen, sich vor Gericht zu äußern. Wäre Ihre Tat dann nicht umsonst gewesen?"

Frank S. stutzt und schweigt. "Gute Frage", sagt er dann.



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