Messerattacke auf Kölns OB-Kandidatin Reker NRW-Innenminister spricht von politisch motivierter Tat

Erschütterung in Köln: Henriette Reker, Spitzenkandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl, ist bei einer Messerattacke schwer verletzt worden. "Die ersten Anzeichen sprechen für eine politisch motivierte Tat", sagt NRW-Innenminister Ralf Jäger.


Es ist ein trostloses Bild: ein Gemüsestand, abgesperrt mit rot-weißen Plastikbändern, auf dem Boden davor ein grüner Sonnenschirm, zusammen mit Laub und Plastiktüten trudelt er im Wind. Vor wenigen Stunden hat hier ein Mann auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker eingestochen und sie schwer verletzt.

Die "Rheinische Post" und der "Kölner Stadtanzeiger" berichten, der Messerstecher habe seine Tat nach seiner Festnahme gegenüber den Polizisten mit der Flüchtlingspolitik von Reker und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) begründet. "Die Ermittlungen der Kölner Polizei und des LKA laufen auf Hochdruck. Die ersten Anzeichen sprechen für eine politisch motivierte Tat", sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger.

Die Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Köln hatte auf dem Wochenmarkt im Stadtteil Braunsfeld Stimmen für die morgige Wahl gewinnen wollen. Sie ist parteilos, wird aber von CDU, FDP und Grünen unterstützt. Um kurz nach 9 Uhr stand sie am Infostand der CDU, als der mit einem Messer Bewaffnete auf sie zustürmte. Sie wurde am Hals verletzt, in der Uniklinik Köln musste sie operiert werden. "Aktuell ist sie stabil, aber nicht über den Berg", sagte der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers.

Vizekanzler Gabriel: "Schockiert über hinterhältige Gewalt"

Der Kölner CDU-Chef Bernd Petelkau war bei der Attacke dabei. Der "Rheinischen Post" sagte er, der Täter sei nach dem Angriff ruhig stehen geblieben und habe gesagt: "Ich musste es tun. Ich schütze euch alle." Der etwa 40 Jahre alte Mann habe sich ohne Widerstand von der Polizei festnehmen lassen. Er sei offenbar deutscher Herkunft.

Auch CDU-Ratsmitglied Jürgen Strahl sprach von einem "gezielten Angriff" auf Reker. Helfer hätten versuchten, den Täter mithilfe von Partei-Sonnenschirmen zu überwältigen. Gelungen sei dies schließlich einem Beamten der Bundespolizei: Er war privat auf dem Wochenmarkt. "Ich danke dem Beamten vor Ort für sein beherztes Eingreifen und die Überwältigung des Täters", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Laut Polizei wurden bei dem Handgemenge vier weitere Personen verletzt.

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Fotostrecke: Angriff auf OB-Kandidatin Reker

Politiker reagierten über die Parteigrenzen hinweg entsetzt über den Angriff. "Diese feige und verabscheuungswürdige Tat ist auch ein Anschlag auf die Demokratie in unserem Land und damit auf uns alle", sagte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich bestürzt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel schrieb auf seiner Facebook-Seite, er sei "schockiert über die hinterhältige Gewalttat".

Grünen-Chef Cem Özdemir sagte auf einem Parteitag der bayerischen Grünen in Bad Windsheim: "Das macht einen schon ziemlich fassungslos, wenn man sieht, wie viel Gewaltpotenzial bei manchen Leuten in der Gesellschaft vorhanden ist." NRW-CDU-Chef Armin Laschet zeigte sich "tief entsetzt", FDP-Chef Christian Lindner "schockiert".

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki sprach von einem "unfassbaren Angriff": "Es ist erschütternd, dass eine solch sinnlose Gewalttat den Wahlkampf überschattet."

Die Wahl an diesem Sonntag wird trotz des Angriffs wie geplant stattfinden. Reker, derzeit Sozialdezernentin in Köln, gilt als Favoritin. Wahlleiterin Gabriele Klug appellierte an die Kölner, nach dem Angriff auf jeden Fall wählen zu gehen.

vet/dpa

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