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Attentat auf Kölns OB-Kandidatin: Messerstecher hat rechtsextreme Vergangenheit

Von , Köln

"Ich tue es für eure Kinder", rief Frank S., ehe er auf einem Markt in Köln die Lokalpolitikerin Henriette Reker niederstach. Der Arbeitslose soll aus fremdenfeindlichen Motiven gehandelt haben. S. bewegte sich bereits vor 20 Jahren in der Neonazi-Szene.

Es war am Samstagmorgen um kurz nach 9 Uhr, als in der Leitstelle der Kölner Feuerwehr ein Notruf einging. Auf dem Wochenmarkt im Stadtteil Braunsfeld gebe es eine verletzte Person, es sei ein Messer eingesetzt worden, sagte eine Frau. Zunächst habe es sich um einen Routinevorgang gehandelt, "wie wir ihn alle sechs bis acht Minuten erleben", so der Leiter der Rettungskräfte. Doch als die Sanitäter wenig später am Ort des Geschehens eintrafen, sahen sie, dass dieser Einsatz alles andere als Routine sein würde.

Mit einem sogenannten Bowie-Messer hatte der arbeitslose Frank S., 44, kurz zuvor die Kölner Lokalpolitikerin Henriette Reker angegriffen. Die parteilose Kandidatin tritt - unterstützt von CDU, Grünen und FDP - bei der Oberbürgermeisterwahl an diesem Sonntag gegen den örtlichen SPD-Chef Jochen Ott an.

"Ich tue es für eure Kinder", soll S. gerufen haben, ehe er Reker in den Hals stach. Eine weitere Frau wurde ebenfalls schwer verletzt, drei andere Personen erlitten leichtere Verletzungen. Ein Bundespolizist, der privat in der Nähe war, konnte S. festnehmen.

Video: Augenzeugen berichten von der Messerattacke

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Nach Angaben der Ermittlungsbehörden handelte S. aus fremdenfeindlichen Motiven. In seinen Einlassungen soll er Reker, die als Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen in Köln zuständig ist, für angebliche Fehler in der Einwanderungspolitik verantwortlich gemacht haben.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen gab Frank S. in einer Vernehmung rechte Parolen zu Protokoll: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg", soll er etwa gesagt haben. Bereits nach seiner Festnahme hatte S. offenbar Polizisten seine Furcht eröffnet, dass bald die Scharia in Deutschland gelten werde.

Die Sicherheitsbehörden konnten Frank S. in ihren Datenbeständen bislang nicht finden. "Wir haben keine Erkenntnisse zu seiner Person", so Kölns Kripochef Norbert Wagner. S. selbst soll in seiner Vernehmung ausgesagt haben, er sei vor 20 Jahren in der rechten Szene aktiv gewesen, seither aber nicht mehr. Zuletzt fiel S. jedoch mit ausländerfeindlichen Kommentaren im Internet auf, wie aus den Behörden verlautete.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen bewegte sich der aus Bonn-Beuel stammende S. Anfang der Neunzigerjahren in den Reihen der rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), die später verboten wurde. Sowohl 1993 als auch 1994 soll Frank S. an Rudolf-Hess-Gedenkmärschen in Fulda und Luxemburg teilgenommen haben. Das geht aus Veröffentlichungen der Antifa Bonn/Rhein-Sieg hervor. Die FAP galt als besonders aggressive Neonazi-Partei, aus deren Reihen auch rassistische Gewalttaten verübt wurden. Zu ihren Mitgliedern zählte auch die Dortmunder Szenegröße Siegfried Borchardt, genannt "SS-Siggi".

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Fotostrecke: Angriff auf OB-Kandidatin Reker
Nach Einschätzung der Ermittler hat der allein lebende Frank S. bislang keine Anzeichen für eine seelische Erkrankung erkennen lassen. Gleichwohl werde er nun psychiatrisch begutachtet, sagte Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn am Nachmittag auf einer Pressekonferenz. Attentate auf Politiker hätten "nicht selten einen psychiatrischen Hintergrund", so Willuhn.

Reker "noch nicht über den Berg"

Henriette Reker, 58, befindet sich nach einer Operation inzwischen in einem stabilen Zustand, wie Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers mitteilte. Sie sei aber "noch nicht über den Berg". NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) sprach von "einem verabscheuungswürdigen Attentat". Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nannte den Anschlag eine "abscheuliche und feige Tat".

Augenzeugen zufolge soll Frank S. die Politikerin auf dem Wochenmarkt erst um eine Rose gebeten haben, ehe er zustach. Ein anderer Lokalpolitiker, der den Angriff beobachtet hatte, berichtete Journalisten, S. habe während der Attacke gerufen: "Ich rette den Messias. Das ist alles falsch, was hier gemacht wird. Ich befreie euch von solchen Leuten."

Als Sozialdezernentin stand Reker in der Flüchtlingsdebatte immer wieder in der Kritik. Zuletzt hatte SPD-Kandidat Ott die Verwaltung aufgefordert, die mit Migranten belegten Turnhallen im Stadtgebiet zu räumen. Der Anwurf zielte auch auf seine politische Gegnerin Reker. Daraufhin veröffentlichte die eine Pressemitteilung, deren Titel lautete: "Flüchtlingsnot eignet sich nicht als Wahlkampfinstrument."

Die OB-Wahl in Köln wird trotz des Attentats wie geplant am Sonntag stattfinden. Für eine Verschiebung fehle eine gesetzliche Grundlage, sagte eine Verantwortliche. Die schwer verletzte Henriette Reker will ihre Stimme auf der Intensivstation abgeben.

Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Mitarbeit: Fidelius Schmid, David Walden

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