Urteil gegen Grönemeyer-Fotografen Falle am Flughafen

Zwei Fotografen gerieten mit Herbert Grönemeyer in handfesten Streit. Die Verantwortung liege bei ihnen, urteilt das Kölner Landgericht. Sie hätten den Sänger provoziert und hinterher falsch beschuldigt.

Angeklagte mit Anwältinnen (Archiv)
DPA

Angeklagte mit Anwältinnen (Archiv)

Von Christian Parth, Köln


Der Vorsitzende Richter Achim Hengstenberg ist schon etwas erzürnt. "Ich warne Sie", sagt er zu dem Angeklagten Kadir I. "Lassen Sie das besser, sonst kriegen wir Sie richtig dran."

Hengstenberg bezieht sich damit auf Worte, die Kadir I. im Prozess um Paparazzi-Bilder von Herbert Grönemeyer selbst gesagt hatte. "Irgendwann werden wir Herrn Grönemeyer wegen einer solchen Tat drankriegen", drohte er am vorletzten Verhandlungstag. Kadir I. und der Mitangeklagte Jens K. beteuerten bis zuletzt, dass der Popstar sie damals geschlagen habe, als sie ihn am Flughafen Köln/Bonn fotografierten. Aber gegen einen solchen Prominenten hätten sie vor Gericht keine Chance, sagte Kadir I. "Das ist David gegen Goliath".

Das Kölner Gericht kommt am Donnerstagvormittag zu einer anderen Auffassung. Die beiden Paparazzi hätten das Gericht getäuscht, belogen und sich in "ein dichtes Netz von Widersprüchen verstrickt". Die Konsequenz: Jeweils ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen falscher Verdächtigung und Falschaussage. Damit liegt die Kammer über dem Strafmaß der Staatsanwaltschaft, die für beide jeweils acht Monate forderte. Die Verteidigung wollte einen Freispruch.

Gericht geht von Falle aus

Richter Hengstenberg verhängt außerdem empfindliche Geldstrafen. Kadir I. muss 6750 Euro bezahlen, für den mittlerweile arbeitslosen und angeblich frühverrenteten Jens K. sind es 900 Euro. Es hat den Anschein, als wollte das Kölner Landgericht eine deutliche Botschaft senden: Prominente und ihre Begleiter, die privat unterwegs sind, sind kein Freiwild für Paparazzi. Zumal nicht für solche, die sich, wie das Gericht meint, besonders übler Methoden bedienen.

Der Vorfall vom 21. Dezember 2014 beschäftigt die Gerichte seit Jahren. Damals, am vierten Advent, hatten Kadir I. und Jens K. den Sänger, der in privater Angelegenheit mit seiner Lebensgefährtin und seinem Sohn reiste, am Köln/Bonner Flughafen abgepasst, in einem Verbindungsgang zwischen Terminal und Mietwagenstation gestellt und gegen dessen Willen fotografiert. Der Sänger wehrte sich, beschimpfte die Paparazzi, drückte zuerst die Kamera von Jens K. nach unten und holte dann mit seiner Reisetasche aus, um Kadir I. zu treffen. "Es gab keinen Ausweg", ein "Kesseltreiben" sei das gewesen, rechtfertigte Grönemeyer als Zeuge vor Gericht sein Verhalten.

Herbert Grönemeyer am 20. Februar
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Herbert Grönemeyer am 20. Februar

Richter Hengstenberg ist überzeugt, dass die Angeklagten den Popstar in eine Falle lockten. Sie hätten durch das Fotografieren der Lebensgefährtin den Sänger provozieren und zu einer wütenden Reaktion führen wollen. Durch dieses Vorgehen aber hätten die beiden eine Notwehrsituation geschaffen, die das Vorgehen Grönemeyers gerechtfertigt habe. Der Sänger habe für seine Lebensgefährtin, von der es zu diesem Zeitpunkt noch keine öffentlichen Aufnahmen gab, ein hohes Rechtsgut verteidigt: Das Recht am eigenen Bild. "Die Familie Grönemeyer wurde übel in die Zange genommen", so der Richter.

Die Blaupause für das Handeln der Fotografen habe der Auftraggeber selbst geliefert, sagt Hengstenberg. Der szenebekannte Promijäger Hans Paul, der Kadir I. am Vormittag des 21. Dezember über die Ankunft der Familie Grönemeyer am Flughafen unterrichtete, hatte vor Jahren einen Leitfaden für Paparazzi veröffentlicht und darin detailliert beschrieben, wie man Prominente durch das Fotografieren nahestehender Personen zum Ausrasten bringt. An dieses Muster hätten sich die beiden Angeklagten gehalten, sagt Hengstenberg. "Das ist kein Zufall."

Besonders perfide

Anderthalb Stunden arbeitet sich der Vorsitzende durch seine Begründung und nimmt das Verhalten der beiden Angeklagten schonungslos auseinander. Sie hätten gelogen, getäuscht, dem Gericht sogar Beweismaterial vorenthalten. 85 Bilder habe Kadir I. damals aufgenommen, aber nur vier Fotos vorgelegt. Das Beweisvideo sei zudem um eine entscheidende Szene gekürzt worden. In einer längeren Version, die erst im Verlauf des Strafverfahrens auftauchte, sagt Kadir I. zu seinem Kollegen nach dem Vorfall: "Hast du alles aufgenommen?"

Der Richter wirft ihnen außerdem vor, sie hätten sich die meisten Verletzungen, die sie durch die Attacke Grönemeyers erlitten haben wollen, selbst zugefügt oder zufügen lassen. Das sei besonders perfide, sagt er und blickt zu Kadir I. "Dieses Vortäuschen ist von besonders hoher krimineller Energie getragen."

Um aufzuklären, ob die Angeklagten tatsächlich ernsthaft geschlagen wurden, beauftragte das Gericht gleich mehrere Gutachter. Der Befund ist eindeutig: Würgemale, Schwellungen im Gesicht, Schürfungen, ein umgeknickter Finger - all das lasse sich mit dem Ablauf auf dem Video nicht in Deckung bringen, sagt Hengstenberg. Der Schlag mit der Tasche gegen Kadir I. habe - wenn überhaupt - eine kaum erwähnenswerte Bagatellverletzung verursacht.

Mit dem Urteil ist der Fall, der inzwischen vier Zivilgerichte, eine Strafkammer und zahlreiche Sachverständige beschäftigt hat, wohl noch immer nicht zu Ende. Die beiden Verteidigerinnen haben bereits Revision angekündigt.

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