Kindstötung in Herne "Das Smartphone ist der einzige Zeuge"

Der mutmaßliche Mörder eines Neunjährigen aus Herne brüstete sich im Internet mit seiner Tat. Der Fall mache selbst Ermittler fassungslos, sagt NRW-Innenminister Jäger. Der Verdächtige ist auf der Flucht.

Polizist in Herne
DPA

Polizist in Herne

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Es ist ein Dokument des Grauens. Im Internet kursiert das Chatprotokoll eines jungen Mannes, der sich angeblich das Leben nehmen will, dann schreibt, er habe das Kind des Nachbarn getötet. Er schickt auch Fotos, die klarmachen, dass das kein schlechter Scherz ist, sondern blutiger Ernst. Dann verabschiedet er sich von seinem verunsicherten Chatpartner mit den Worten, dieser solle morgen die Nachrichten lesen.

Wenig später findet die Polizei im Keller eines Reihenhauses in Herne die Leiche eines Neunjährigen. Der Junge wurde mit mehreren Messerstichen getötet.

Der mutmaßliche Täter ist der junge Mann aus dem Chatprotokoll: Marcel Heße, 19 Jahre alt, ein schlanker Teenager mit kurzen Haaren und Brille. Er soll Kampfsport betreiben und nur wenige soziale Kontakte haben. Die Polizei fahndet inzwischen öffentlich nach ihm, denn er soll angedeutet haben, möglicherweise weitere Taten zu begehen. Wer ihn sieht, soll ihn nicht ansprechen, sondern umgehend den Notruf wählen.

Fahndungsfoto
Polizei Bochum/dpa

Fahndungsfoto

Abstoßendes, Rassistisches, Pornografisches

Ein selbsternannter Bekannter des 19-Jährigen hatte das schreckliche Protokoll auf "4chan" veröffentlicht, einer frei zugänglichen Website. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Imageboard, wo Bilder veröffentlicht und diskutiert werden - allerdings anonym und unmoderiert. Entsprechend wild und anarchisch geht es zu, was je nach thematischer Unterkategorie nur schwer zu ertragen ist.

Nutzer posten bei "4chan" als Anonymous, hier hat auch die gleichnamige Netzbewegung ihren Ursprung, wie so viele Internetphänomene. Was hier wahr ist und was Fake, ist nicht immer auszumachen.

Im Bereich /b/, über den die Nutzer nach einem ungeschriebenen Gesetz eigentlich nicht sprechen, findet sich Abstoßendes, Skurriles, Rassistisches, Pornografisches - und jetzt, so scheint es, auch ein Mordfall mitten in Deutschland.

"Wir gehen davon aus, dass es sich um authentische Bilder handelt", sagte ein Polizeisprecher dem SPIEGEL. "Auf einem Bild sieht man den mutmaßlichen Täter mit offensichtlich blutverschmierten Händen." Man könne davon ausgehen, dass die Fotos von dem Gesuchten gemacht wurden. Ob auch der Chatverlauf echt ist, sei nicht gesichert, so der Sprecher.

Der Polizei liegt nach eigenen Angaben weiteres Material vor, das der 19-Jährige selbst im Darknet veröffentlicht haben soll, einem besonders abgeschirmten Teil des Webs: Dabei soll es sich um ein Video sowie Fotos von sich und der Leiche des Jungen handeln. Ein Nutzer dieses Internetbereichs, der Heße kennt, hatte laut Polizei das Video gesehen und die Ermittler informiert.

Der Fall weist in eine dunkle Ecke des Internets, in die sich vergleichsweise wenige Nutzer verirren. Dennoch gab es in der Vergangenheit immer wieder Fälle, in denen junge Gewalttäter auch Internetforen nutzten, um ihre Fantasien oder sogar ihre Taten zu dokumentieren. Andere Nutzer feierten später das Material. So werden etwa die Amoktäter von Winnenden und München im Netz von einer kleinen Szene für ihre Gewalttaten bewundert.

Der Fall zeigt auch, wie die neue Technik Verbrechern die Möglichkeit bietet, ihren Taten eine eigene mediale Realität zu verschaffen. Entsetzen löste in jüngerer Vergangenheit etwa eine Vergewaltigung in Schweden aus, die live im Internet gestreamt worden sein soll. Oder der brutale Angriff mehrerer junger Männer auf einen 18-Jährigen mit geistiger Behinderung in Chicago.

Der Film macht auch die Ermittler fassungslos

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) appellierte an Internetnutzer, das Tatvideo von Herne nicht zu verbreiten. Der Film mache auch die Ermittler fassungslos, sagte Jäger. Die Beamten hätten geschildert, so etwas noch nicht erlebt zu haben. Er könne sich an keinen Fall erinnern, bei dem der Täter den Mord filmt und veröffentlicht habe, sagte Jäger. Das sei für die Angehörigen besonders perfide.

Der mutmaßliche Täter und sein Opfer lebten Tür an Tür in einer Arbeitersiedlung zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher. Marcel Heße wohnte dort zuletzt offenbar allein, seine Eltern seien woanders gemeldet gewesen, sagte ein Polizeisprecher.

Nach derzeitigem Ermittlungsstand hat niemand in dem ockergelben Reihenhaus die Tat mitbekommen. "Das Smartphone ist der einzige Zeuge", sagte der Polizeisprecher. Und mit eben jenem Smartphone stellte Marcel Heße offenbar sicher, dass das nicht so bleibt.

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