Urteil zum Doppelmord von Herne "Hang zu Tötungsdelikten"

Marcel H. hat einen Neunjährigen und einen Bekannten getötet, dafür verurteilte ihn das Landgericht Bochum zu lebenslanger Haft. Die Richter fürchten, dass der 20-Jährige für andere gefährlich bleibt.

Aus Bochum berichtet


Vergeltung und eine gerechte Strafe für Marcel H. - darauf hatten die Mütter der beiden Mordopfer des 20-Jährigen gehofft. Und mit ihnen zahlreiche Freunde und Bekannte. Stunden vor der Urteilsverkündung im Fall des Doppelmordes von Herne drängten sie sich vor dem Sitzungsaal des Bochumer Landgerichts, um mitzuerleben, wie das Urteil gegen Marcel H. ausfallen würde. Viele hatten den Prozess über fast fünf Monate verfolgt und deutlich gemacht, dass sie auf die Höchststrafe hofften. Sie wurden nicht enttäuscht.

Das Gericht verurteilte Marcel H. wegen Mordes in zwei Fällen sowie erpresserischen Menschenraubs und schwerer Brandstiftung in einem Fall zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Stefan Culemann stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest und verhängte das Urteil unter dem Vorbehalt einer anschließenden Sicherungsverwahrung.

Marcel H. muss damit möglicherweise den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Das Gericht folgte damit im Wesentlichen den Forderungen der Staatsanwaltschaft.

H. hatte im März 2017 den neunjährigen Nachbarsjungen Jaden unter einem Vorwand in einen Keller gelockt und dort mit mehr als 50 Messerstichen getötet. Danach machte er von sich und der Leiche Fotos. Diese verschickte er per WhatsApp, um sich damit in Internet-Foren zu brüsten. Kurz darauf brachte H. seinen Ex-Schulfreund um, den 22-jährigen Christopher. Ihn hatte Marcel H. erpresst, um Christophers Handy-Pin zu bekommen. Nach dem Mord legte H. Feuer, um Spuren zu verwischen. Wenige Tage später stellte er sich der Polizei, gab die Taten zu und wiederholte das Geständnis über seinen Anwalt gleich am ersten Prozesstag.

Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht?

Von Anfang an bestand damit kein Zweifel, dass der Angeklagte zwei Menschen auf grausame Weise getötet hatte. Seit September bemühte sich das Gericht jedoch herauszufinden, was Marcel H. zu den Taten trieb, was er für ein Mensch ist, ob sich irgendein Umstand schuldmindernd auswirken könnte und vor allem: ob der Angeklagte nach Jugend- oder Erwachsenstrafrecht zu verurteilen sei. Das sei die entscheidende Frage gewesen, sagte Culemann in seiner rund zehnminütigen Urteilsbegründung. Davon hing maßgeblich das Strafmaß ab.

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H. war zur Tatzeit 19 Jahre alt. Eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht gilt in der Justiz in so einem Fall als Ausnahme. Das Gericht entschied sich dennoch dafür, denn "von einer Jugendverfehlung kann bei diesen Taten keine Rede sein", sagte der Richter. Man könne bei dem Angeklagten auch keine Reifeverzögerung feststellen. Damit folgte das Gericht dem Sachverständigengutachten.

Der Angeklagte habe seine Schule abgeschlossen, sich bei der Bundeswehr beworben und nach einer Absage bei einer Berufsschule angemeldet. "Er war fähig und bereit, sich an der Lebenswelt junger Erwachsener zu beteiligen", sagte Culemann. "Er interessierte sich für Philosophie, Buddhismus und zeigte eine unauffällige geistige Entwicklung." In sittlicher Hinsicht habe H. gravierende Auffälligkeiten gezeigt, die aber nicht auf Unreife, sondern auf frühzeitig ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen seien.

Regellosigkeit, Gefühlskälte, Tierquälereien

Zwei Gutachterinnen hatten Marcel H. eine "dissoziale Persönlichkeit mit sadistischen und narzisstischen Anteilen" bescheinigt. Richter Culemann bezog sich darauf und sagte, H. habe schon in seiner Kindheit Regellosigkeit und Gefühlskälte gezeigt sowie Tiere gequält. "Diese Charakterzüge spiegeln sich in den Taten wider."

H. hatte in dem Verfahren fast bis zum Schluss keine Reue gezeigt. Erst in einem Brief an seine Mutter im Januar fand sich erstmals ein Gefühl des Bedauerns. "Wir wissen aber nicht, ob dieses Bedauern authentisch ist", sagte der Richter. Vielmehr ist nach der Auffassung des Gerichts nicht auszuschließen, dass H. für andere Menschen gefährlich bleibt. "Wir bejahen einen Hang zu Tötungsdelikten. Dafür spricht die völlig anlasslose Tötung Jadens. Dafür spricht auch eine Tötungsfantasie des Angeklagten in der Untersuchungshaft."

H. nahm das Urteil reglos auf. Erstmals war er nicht nur im karierten Hemd, sondern mit schwarzem Sakko im Gerichtssaal erschienen. Ansonsten saß er wie sonst mit gesenktem Blick neben seinem Verteidiger Michael Emde, ließ sich nach dem Urteil die Handschellen anlegen und abführen. "Nach jetziger Lage will er keine Revision einlegen, sondern das Urteil annehmen, obwohl ich ihm zum Gegenteil geraten habe", sagte Emde. "Ich finde das Urteil falsch."

Genugtuung bei vielen Zuschauern

Der Verteidiger ist der Auffassung, H. hätte nach Jugendstrafrecht verurteilt werden sollen. Marcel H. sei schon früh als Sonderling aufgefallen, habe keine sozialen Kontakte gehabt und sich in die Welt von Ballerspielen am Computer geflüchtet.

Er habe keinerlei Verständnis für H.s Taten und könne die Gefühle der Angehörigen nachvollziehen, sagte Emde, aber sein Mandant tue ihm auch leid. "Wenn jemand in diesem Alter schon so ist und als letzte Option nur das Töten zweier Menschen sieht, dann ist das bedauernswert." Laut Gutachten war H. in "instabile Verhältnisse" geboren worden, wohnte mal beim Vater, mal bei der Mutter, die aber beide eine psychotherapeutische Behandlung ihres Sohnes nur halbherzig oder gar nicht verfolgten.

Viele Zuschauer dagegen zeigten Genugtuung. Auf die Frage, wie es ihr jetzt gehe, antwortete Jadens Mutter Jeanette R.: "Gut, sehr gut." Sie erstritt vor Gericht ein Schmerzensgeld in Höhe von 40.000 Euro. Christophers Angehörigen wurden 50.000 Euro zugesprochen.

Emotionen kochten auch nach der Urteilsverkündung hoch. "Wenn mir einer deiner Brüder entgegenkommt, dann niete ich ihn um", sagte ein junger Mann mit hasserfüllter Stimme nach dem Prozess zu Marcel H.s Schwester Sandy, die in dem Verfahren als Zeugin aufgetreten war. Mit feuchten Augen sagte sie daraufhin zu ihrer Freundin: "Ich verstehe ihn."

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