Herne-Prozess Eine Mutter rechnet ab

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Doppelmörder Marcel H. hat die Mutter des getöteten Kindes ausgesagt und schwere Vorwürfe erhoben - gegen die Mutter des Angeklagten. Aus ihrer Sicht trägt sie eine Mitschuld.

Marcel H. (l.) mit seinem Anwalt Michael Emde
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Marcel H. (l.) mit seinem Anwalt Michael Emde

Von , Bochum


Sie würdigt den mutmaßlichen Mörder ihres Kindes keines Blickes. Fast zwei Stunden lang sagt Jeannette R., 41, vor dem Bochumer Landgericht gegen den Angeklagten Marcel H. aus - und straft ihn dabei mit Missachtung und spöttischen Bemerkungen. Aus "Mordlust" soll er am 6. März 2017 ihren neunjährigen Sohn Jaden in Herne in den Keller gelockt und mit mehr als 50 Messerstichen getötet haben. Kurz darauf tötete er demnach noch einen 22-jährigen Freund.

Vor der Polizei und vor Gericht hat Marcel H. die Taten bereits zugegeben. Von Reue keine Spur. Es scheint ihn nicht zu kümmern, was er den Familien angetan hat. Jeannette R. hat das in den vergangenen Prozesstagen tapfer ertragen: die emotionslose Miene des 19-jährigen Angeklagten, die Schilderungen der grausigen Details der Tat. Jetzt legt sie einen starken Auftritt hin.

Gefasst, konzentriert und mit fester Stimme schildert sie nicht nur, wie sie Marcel H. als Nachbarn kennengelernt hat, sondern auch warum seine Mutter aus ihrer Sicht eine Mitschuld an dem Mord trägt: Weil sie nicht sehen wollte, wie gefährlich ihr Sohn ist.

Schwester warnte vor "Psychopath"

Rund fünf Jahre hat Jeannette R. mit Marcel H. und seiner Familie in direkter Nachbarschaft gewohnt, Tür an Tür im Reihenhaus. Die Mutter sei öfter zum Kaffeetrinken gekommen, Marcels ältere Schwester sei zeitweise fast täglich bei ihr gewesen, und die habe sehr eindeutig vor ihrem Bruder gewarnt, sagt die 41-Jährige, die fast ganz in Schwarz gekleidet ist. Auch die Haare sind schwarz gefärbt.

"Die Schwester hat ihn als Psychopaten beschrieben, gefährlich, unberechenbar", sagt Jeannette R. "Sie hat ihrer Mutter gesagt, dass sie ihn wegtun muss, wegsperren muss, weil er eine Gefahr für sich und andere ist, vor allem für andere." Aber die Mutter habe nicht darauf hören wollen - auch nicht, als er der Schwester ein blaues Auge schlug und mit einem Füller auf eine Freundin der Schwester losging.

Marcel sei schon von Kindesbeinen an anders gewesen als andere Kinder, sagt Jeannette R. Ein Sonderling, der sich abkapselt, ständig vor dem Computer sitzt und in seiner eigenen, virtuellen Welt lebt. So hat ihn der Zeugin zufolge zumindest seine Schwester immer wieder beschrieben. "So wie man sich einen Amokläufer vorstellt", sagt die Mutter.

Marcel H. habe sie in all den Jahren nie gegrüßt, sondern immer den Blick nach unten gesenkt. Seine Mutter habe ihre eigenen Söhne, etwa auch Jaden, öfter mal gebeten, ihr zu helfen, zum Beispiel im Garten, "denn ihr eigener Sohn war ja den ganzen Tag damit beschäftigt, am Computer zu sitzen und zu zocken."

"Urschreie", weil das Internet weg war

Einmal seien "Urschreie" von nebenan zu hören gewesen. Jeannette R. berichtet von kaum vorstellbarem Gebrüll. "Das war Marcel. Seine Mutter hatte ihm das Internet gekappt. Da ist er durchgedreht." Marcel habe auch ständig die Schule geschwänzt, sei einfach zu Hause geblieben. Deshalb hätten immer wieder Sozialarbeiter, Schulpsychologe und Klassenlehrer bei der Familie geklingelt. "Aber die Mutter wollte die Hilfe nicht annehmen", sagt die Zeugin, selbst Mutter von acht Kindern.

Auch sie selbst habe öfter versucht, der Mutter klarzumachen, dass sich ihr Sohn auffällig verhalte. "Aber sie hat das immer wieder belächelt, schöngeredet - der Marcel sei eben so." Sie versucht das auch als Mutter zu verstehen, geht immer wieder darauf ein, wie sie ihren Kindern selbst Grenzen setzt. Marcels Mutter habe das eben nicht getan.

Den 19-jährigen Angeklagten entlastet das aus ihrer Sicht allerdings nicht. Ja, sie spüre Hass auf ihn, sagt sie später am Rande der Verhandlung. In ihrer Aussage hat sie gegen ihn ausgeteilt, etwa indem sie seine angeblichen, asiatischen Kampfkünste als "Stöckchenspiele" ins Lächerliche zieht und über seinen "Sex vor dem Computer" spottet - Lacher aus dem Zuschauerraum.

Jeannette R. liefert schließlich noch mögliche Erklärungen dafür, dass gerade ihr Sohn Jaden zum Opfer von Marcel H. wurde. "Er war eifersüchtig auf Jaden", glaubt Jeannette R. , weil ihr Sohn so beliebt und gut in der Schule gewesen sei. Und: In einem Computerspiel, das der 19-Jährige immer wieder spielte, habe es im Rollenspiel zwei Protagonisten gegeben: den beliebten Jaden und den Außenseiter Marcel.

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