Vertuschter Genickschuss Autounfall in Hessen erweist sich als Mord - nach 21 Jahren

1997 fand die hessische Polizei einen Mann tot am Steuer seines BMW. Zwei Jahrzehnte lang gingen die Ermittler von einem Unfall aus. Jetzt stellt sich heraus: Alles war ganz anders.

Polizeipräsidium Mittelhessen / DPA

Es ist ein Polizeieinsatz, wie es ihn leider häufig gibt in Deutschland: Am frühen Morgen des 4. April 1997, gegen 4.30 Uhr, eilen Ermittler zum Ort eines tödlichen Verkehrsunfalls in der hessischen Wetterau. Dort finden die Beamten an einer Landstraße einen schwarzen BMW an einem Baum - und im Wrack des Wagens eine Leiche: Adem Bozkurt, 45 Jahre alt, Familienvater.

Die Ermittler gehen bald davon aus, dass in der Wintersteinstraße in Ober-Mörlen, nahe der Autobahnraststätte Wetterau, ein tödliches Unglück geschah. 21 Jahre lang ist das die offizielle Version - bis jetzt: Inzwischen bestehe der Verdacht, heißt es nun in einer Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft, "dass Adem Bozkurt tatsächlich erschossen und das Tötungsdelikt als Verkehrsunfall getarnt worden war".

Ins Rollen gekommen waren die neuen Ermittlungen Ende 2014, nachdem sich ein Zeuge bei der Polizei gemeldet hatte. Die Staatsanwaltschaft Gießen und die Kriminalpolizei im hessischen Friedberg rollten den Fall noch einmal auf. Ermittler rekonstruierten das Geschehen rund um den vermeintlichen Unfall, holten das Gutachten eines Kfz-Sachverständigen ein, befragten diversen Zeugen.

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Vermeintlicher Autounfall: Der Fall Adem Bozkurt

Im April ordnete ein Richter schließlich an, den Leichnam Bozkurts zu exhumieren. Dafür mussten Experten in die Türkei reisen: Der türkische Staatsangehörige Bozkurt hatte vor seinem Tod in Bad Nauheim gelebt, war jedoch in seinem Heimatland bestattet worden. Rechtsmediziner stellten fest, dass Bozkurt offenbar durch einen Genickschuss ums Leben gekommen war.

Doch wie konnten die Ermittler am Unfallort 1997 eine Schusswunde übersehen? "Wir gehen davon aus, dass der Täter eine kleinkalibrige Waffe verwendet hat", sagte Staatsanwalt Hauburger lokalen Medienberichten zufolge. Das Einschussloch sei nur wenige Millimeter groß gewesen und habe sich unter Haaren befunden. Zudem sei die Kugel entweder im Kopf steckengeblieben oder durch den Mund wieder ausgetreten. Die blutigen Verletzungen des Opfers hätten sich mit dem Unfall erklären lassen.

Einen Mordverdacht habe es auf den ersten Blick nicht gegeben, sagte Hauburger demnach. Nur bei Anhaltspunkten auf ein Fremdverschulden dürfe aber überhaupt eine Obduktion angeordnet werden. Alles habe damals für die Polizei jedoch so ausgesehen wie bei einem Unfall.

10.000 Euro Belohnung

Die späteren Ermittlungen ergaben, dass Bozkurt möglicherweise wegen eines geschäftlichen Streits ermordet wurde: Die Ermittler sprechen von einer "Konkurrenzsituation im Bereich der Bewirtschaftung von Toilettenanlagen an Autobahnraststätten".

Demnach gibt es auch mehrere Verdächtige, die Wohnungen von drei Beschuldigten wurden Ende 2016 durchsucht. Mangels dringenden Tatverdachts sind die Männer jedoch wieder frei. Trotz aufwändiger Ermittlungen, auch im Ausland, konnte die Polizei den Mordfall bislang nicht aufklären.

Die Ermittler rufen daher nun mögliche Zeugen auf, sich bei den Behörden zu melden - insbesondere geht es um den Tattag und das Auto, in dem die Leiche gefunden wurde. Die Ermittler haben eine Belohnung in Höhe von insgesamt 10.000 Euro ausgelobt. Hinweise nimmt die Polizei in Friedberg unter der Telefonnummer 06031-601234 entgegen.

mxw

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