Hildesheim Tippgemeinschaft streitet um Millionengewinn

Sie waren Freunde, Kollegen - und spielten gemeinsam Lotto. Mit sechs Richtigen und der Zusatzzahl landete eine Tippgemeinschaft aus Hildesheim einen Gewinn von 1,7 Millionen Euro. Jetzt verklagen sie einander vor Gericht. Streitfrage: Wem gehört das Geld?

Aus Hildesheim berichtet Zacharias Zacharakis


Hildesheim - Seit vielen Jahren stehen sie an der gleichen Fertigungslinie: Waldemar S., Adam B. und Jerzy S. Sie setzen Autoteile zusammen am Fließband für den Zulieferer Bosch. Manchmal haben sich die drei Kollegen aus dem niedersächsischen Hildesheim auch privat getroffen, bei gutem Wetter im Schrebergarten, zu Weihnachten und anderen Gelegenheiten. Doch diese Zeiten gehören seit einem Jahr der Vergangenheit an.

Lotto-Streit: In Hildesheim streiten ehemalige Freunde und Mitglieder einer Tippgemeinschaft über einen Gewinn von 1,7 Millionen Euro
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Lotto-Streit: In Hildesheim streiten ehemalige Freunde und Mitglieder einer Tippgemeinschaft über einen Gewinn von 1,7 Millionen Euro

Jetzt sitzen sich die einstigen Kumpel im engen Saal 142 des Landgerichts Hildesheim gegenüber. Auf der einen Seite: Waldemar S. und Adam B. Beide haben ihre schweren Arbeiterhände auf den Tisch gelegt, ihre Blicke richten sie starr auf die gegenüberliegende Seite. Dort hat Jerzy S. Platz genommen. Dessen sommerlich pfirsichfarbenes Hemd passt nicht recht zu seinem versteiften Gesichtsausdruck.

Zu Beginn des Zivilprozesses erklärt Richter Michael Meyer-Lamp die Ausgangslage: "Es geht hier im Kern um die Frage: War Herr Jerzy S. in der Tippgemeinschaft dabei, ja oder nein?"

S.' Kollegen bestreiten dies vehement. Sie hätten zwar seit Jahren zusammen in einem Tippsystem gespielt, doch an diesem entscheidenden 2. Juli 2008 soll S. nicht mit von der Partie gewesen sein. Anders als sonst hätten sie sich damals den nur zu bestimmten Terminen ausgegebenen Spielschein über das "Lotto Superding" gekauft, für 62,50 Euro. Jerzy S. soll dabei nicht in den Pott eingezahlt haben. Was S. bestreitet.

Der Vorsitzende Meyer-Lamp versucht zunächst etwas Ordnung in die verworrene Situation zu bringen. "1, 9, 12, 22, 23, 27 und die schöne Zusatzzahl 6", das seien die Nummern gewesen, die bei der Mittwochsziehung um 19.30 Uhr aus der Kugel gefischt wurden. "Dafür schon mal herzlichen Glückwunsch", sagt der Richter. Mehr als 1,7 Millionen Euro landeten kurze Zeit später auf dem Konto von Adam B., der sich das Geld mit Waldemar S. teilte. "Für jeden waren das 876.745 Euro", resümiert Meyer-Lamp.

"Der Grat ist relativ schmal"

Jerzy S. bekam nichts ab - und erstattete daraufhin Strafanzeige gegen seine beiden Kollegen, weil er sich um seinen Anteil betrogen sah. Die Staatsanwaltschaft Hildesheim ermittelte und pfändete schließlich den gesamten Gewinn. Auch mündliche Verträge seien wirksam, lautete die Begründung. Eine Entscheidung in der Strafsache ist noch nicht gefallen. Nun aber hat Adam B. auf dem Weg des Zivilrechts geklagt. Zusammen mit Waldemar S. will er den eingezogenen Gewinn zurückfordern und dazu noch eine Entschädigung für die Pfändung.

Nach den ersten Erläuterungen in Saal 142 schlägt Richter Meyer-Lamp den einstigen Freunden vor, sich doch gütlich über eine Summe zu einigen. 670.000 für die beiden Kläger, knapp 400.000 für den Beklagten. Das seien doch trotzdem noch ganz beträchtliche Summen, sagt der Richter. Nach einer kurzen Bedenkpause für beide Parteien lehnt der Verteidiger der Kläger den Vergleich ab. Jerzy S. allerdings hätte das Angebot angenommen, signalisiert sein Anwalt.

Schließlich beginnt der Richter, die drei Arbeitskollegen nacheinander zu befragen. "Wir haben hier nur Indizien", sagt Meyer-Lamp. "Der Grat ist relativ schmal." Dennoch ließen die SMS- und Gesprächsprotokolle der beschlagnahmten Handys interessante Rückschlüsse zu. Denn nur wenige Minuten nach der Auslosung begann zwischen den drei Beteiligten ein wirres Hin und Her an Anrufen und Textnachrichten.

"Wir haben gewonnen, Sechser mit Zusatzzahl", soll Waldemar S. genau 20 Minuten nach der Ziehung zu Jerzy S. am Telefon gesagt haben. Beide bestätigen diese Aussage, doch Waldemar S. behauptet, dass damit nur Adam B. und er selbst gemeint waren. Warum er trotzdem auch den vermeintlich unbeteiligten Kollegen angerufen habe, kann er nur so erklären: "Die Freude, die Aufregung waren so groß. Ich bin fast vom Sofa gefallen."

"Haben Sie schon von Hawaii geträumt?"

Auch Adam B. sagt, er habe unter Schock gestanden. "Haben Sie schon von Hawaii geträumt?", fragt ihn der Richter. Nachdem er sich wieder einigermaßen gefangen habe, so B., habe er Jerzy S. klarmachen wollen, dass er doch nicht gewonnen habe. Jerzy S. sei da aber schon ziemlich aufgeregt gewesen, obwohl er keine Kopie des Tippscheins hatte, womit er die Gewinnzahlen hätte nachprüfen können.

Adam B., gibt S. an, habe ihm keinen Schein aushändigen können, da B. kurz nach der Vereinbarung zum gemeinsamen Spiel in den Urlaub gefahren war.

Am Ende der Verhandlung dreht sich alles um diesen einen Tag der Vereinbarung, fast genau einen Monat vor der Ziehung. "Adam hat mich beim Schichtwechsel gefragt, ob ich mitspielen will", behauptet Jerzy S. Er habe B. zugesagt und am nächsten Tag seinen Anteil bezahlt: "Ich habe ihm die 21 Euro gegeben, einen Zwanziger-Schein und ein Eurostück, das weiß ich genau."

Am 24. Juni will Richter Meyer-Lamp verkünden, wie es in dem Lottostreit weitergehen soll. Ein Urteil kann man sich nach dem ersten Prozesstag bereits erlauben: Wo es um Geld geht, hört die Freundschaft auf.



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