Jugendkriminalität: Erfolgreiches Projekt für Intensivtäter vor dem Aus

Von Patrick Kremers

Eine Kölner Initiative verhindert, dass junge Intensivtäter neue Straftaten begehen. Experten schwärmen von dem Projekt, die Rückfallquote ist vergleichsweise winzig. Doch nun müssen die Sozialarbeiter die Arbeit einstellen: Niemand will dafür zahlen.

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Jugendhilfe Köln: "Schon wieder so ein Pädagogenquatsch"

Zwei Jahre und neun Monate wartete er auf die Freiheit. Vollzugsbeamte bestimmten, wann er essen, duschen und welche Kleidung er tragen sollte. Dann kam der Tag, an dem die Tür des Gefängnisses im nordrhein-westfälischen Heinsberg hinter ihm ins Schloss fiel. "Und dann bist du wieder ganz auf dich allein gestellt", sagt Hakan, 20, der in Wirklichkeit anders heißt.

"Entlassungsloch" nennen Experten die erste Zeit nach dem Gefängnis. "Viele Jugendliche sind damit überfordert", sagt der Direktor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft, Bernd Maelicke, ein Experte für den Strafvollzug. Kaum einer schaffe es, sein Leben neu auszurichten. Es dauere meist nicht lange, bis die jungen Leute mit ihrer alten Clique loszögen. Etwa sieben von zehn Jugendlichen, die 2004 verurteilt oder entlassen wurden, sind innerhalb der folgenden drei Jahre erneut verurteilt worden. Etwa jeder Dritte landete sogar wieder im Gefängnis.

Hakan ist schon seit zwei Jahren wieder draußen - und nicht rückfällig geworden. Dabei schien er einer der schlimmsten Fälle zu sein: Als er mit 16 in den Jugendknast kam, machte ihn die Polizei für 216 Taten verantwortlich. Er hat Autos geklaut, ist in Büros und Wohnungen eingestiegen. Er nahm Drogen und schlug im Rausch zu. Die Kölner Boulevardzeitungen waren voll mit Geschichten über ihn. "Ich habe fast alles gemacht, aber nie getötet oder vergewaltigt", sagt Hakan.

"Schon wieder so ein Pädagogenquatsch"

Drei Monate vor seiner Entlassung bekam er Besuch von Christoph Niegemann, einem Sozialarbeiter. "Schon wieder so ein Pädagogenquatsch", dachte Hakan. Aber Niegemann wollte ihn nicht nur belehren. Er sagte: "Wenn Du keine Scheiße erzählst, helfe ich dir wieder auf die Beine." Heute ist Niegemann für Hakan guter Freund, großer Bruder und Vaterersatz in Personalunion. Wenn mal wieder ein Brief vom Jobcenter gekommen ist, den Hakan nicht versteht, übersetzt Niegemann das Beamtendeutsch. Er hilft, wenn Hakan Ärger mit der Familie hat. "Ich bin ein braver Junge geworden", sagt der 20-Jährige.

Niegemann, 45, ist einer von sechs Sozialarbeitern des Kölner Projekts "Resozialisierung und Soziale Integration" (Resi). In Fachkreisen ist die Initiative hoch angesehen. "Es gibt in ganz Europa kein vergleichbares Projekt", sagt Maelicke.

Zwei Forscher der Universität Lüneburg haben für das nordrhein-westfälische Justizministerium versucht, den Erfolg von Resi zu messen. Das Resultat überraschte selbst die Wissenschaftler: Von den 26 Intensivtätern, die Resi bislang betreut hat, mussten nur zwei zurück ins Gefängnis, nur 13 Prozent wurden wieder straffällig, üblich sind 60 bis 70 Prozent. "Es gibt meines Wissens in Deutschland kein Projekt, das auch nur vergleichsweise so gute Ergebnisse erzielt", sagt der Leiter der Untersuchung, Strafrechtsprofessor Hans-Joachim Plewig.

Doch schon bald soll Resi die Arbeit einstellen. Es fehlt schlicht an Geldgebern.

Ins Leben gerufen wurde Resi vor vier Jahren von der Kölner Spendenaktion "wir helfen", die 600.000 Euro als Startkapital beisteuerte. Bis die Summe aufgebraucht war, sollte die Initiative neue Finanziers gefunden haben. Doch Gespräche mit Stiftungen und dem nordrhein-westfälischen Justizministerium blieben bislang erfolglos - obwohl Gutachter Plewig "eine Weiterförderung des Projekts dringend" empfiehlt.

Es ist nicht das erste Mal, dass in Deutschland ein funktionierendes Hilfsangebot für junge Strafentlassene eingestellt wird, weil die Mittel fehlen. Genau diese Kurzsichtigkeit empört die Experten: "Jetzt wird wieder was eingestampft und der Nächste muss vorne anfangen", sagt eine Sozialarbeiterin, die jugendliche Straftäter betreut. Denn zu tun gibt es genug: Im Raum Köln/Leverkusen, in dem die Resi-Mitarbeiter tätig sind, hielten Anfang Oktober 272 jugendliche Intensivtäter die Polizei auf Trab.

So nah an den Leuten dran sein, dass Rückfälle kaum möglich sind

Das Justizministerium in Düsseldorf verweist auf seine eigenen Leute: Bewährungs- und Jugendgerichtshelfer kümmern sich um Jungs wie Hakan. Das Problem: Ein Bewährungshelfer betreut in Köln 66 Klienten. Niegemann nur drei. "Wenn es sein muss, stehe ich auf der Matte", sagt der Resi-Sozialarbeiter, auch mal an einem Samstag kurz vor Mitternacht. Denn die Philosophie des Projekts lautet: So nah an den Leuten dran sein, dass Rückfälle kaum möglich sind.

Dass sich dieser Aufwand lohnt, davon sind die Wissenschaftler überzeugt. Einen Jugendlichen wie Hakan intensiv zu betreuen, kostet etwa 8.300 Euro im Jahr, rechnet der Lüneburger Forscher Plewig vor, ein Jahr Gefängnis dagegen 40.000 Euro. "Projekte wie Resi sind viel günstiger und somit auch volkswirtschaftlich sinnvoll", urteilt der Strafrechtler.

Für Hakan geht es jetzt um alles. Er hat inzwischen einen Job, als Staplerfahrer in einem Fabriklager, und verdient eigenes Geld, ganz legal. Er will für die Zukunft planen, denn er ist Vater geworden. Wenn Resi ausläuft, verliert er seinen Betreuer. Doch ohne den, so glaubt er, schaffe er das alles nicht.

Hakan sagt: "Ich bin noch nicht so weit."

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insgesamt 101 Beiträge
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1. CDUCSUFDPSPDGrüne meinen aber einfach ...
Pinin 22.11.2012
... unser Geld sei in Griechenland viel besser angelegt ...
2. Sparen wir,...
greentiger 22.11.2012
...koste eswas es wolle!
3. Na ja ...
mimi_kry 22.11.2012
Zitat von sysopGoogle Street ViewEine Kölner Initiative verhindert, dass junge Intensivtäter neue Straftaten begehen. Experten schwärmen von dem Projekt, die Rückfallquote ist vergleichsweise winzig. Doch nun müssen die Sozialarbeiter die Arbeit einstellen: Niemand will dafür zahlen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hilfe-fuer-junge-intensivtaeter-koelner-projekt-resi-fehlt-das-geld-a-868664.html
... weshalb nur 8.300 Euro erfolgreich investieren, wenn man auch 40.000 versenken kann, ohne nennenswerte Resultate? Das hat hier doch inzwischen Tradition - traurig, aber wahr.
4. So könnte eine gute Gesellschaft aussehen !
Surgeon_ 22.11.2012
Jeder kümmert sich um jeden ! Aber das verhindern die Bösen, das Geld und der Kapitalismus.
5. Krank
Why77 22.11.2012
Wir vergeben Bürgschaften in schwindeleregender Höhe,blasen
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