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Hilferuf beim Jugendamt: Kinder lebten fast ein Jahr allein in Berliner Wohnung

Polizisten haben in einer völlig verdreckten Wohnung in Berlin vier Kinder zwischen acht und zwölf Jahren entdeckt, die dort seit Monaten allein lebten. Die Mutter soll die Kinder dort zurückgelassen haben, als sie zu ihrem Freund zog. Der älteste Sohn wandte sich in seiner Not ans Jugendamt.

Berlin - Die Polizei fand die Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg, in der die vier Kinder lebten, in grauenhaftem Zustand, mit Spinnweben, Müll und Dreck übersät, vor. Die Kinder sind acht, neun, elf und zwölf Jahre alt. Ersten Angaben zufolge lebten sie dort offenbar seit Sommer 2006 allein ohne Erwachsene. Jetzt werde wegen der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht ermittelt, sagte ein Polizeisprecher. Die zwei Mädchen und zwei Jungen wurden vom Jugendamt in Obhut genommen.

Das Jugendamt hatte zuvor die Polizei um Amtshilfe gebeten, da die Mitarbeiter von einem zwölfjährigen Jungen erfahren hatten, dass er seit dem vergangenen Sommer seine drei Geschwister - einen achtjährigen Jungen sowie zwei neun- und elfjährige Mädchen - versorgen müsste. Die Mutter Gabriele B. lebe bei ihrem Freund. Der Junge gab zudem an, es sei ihm peinlich, wie die Wohnung aussehe, und er fühle sich mit der Situation völlig überfordert.

Die 46-jährige Mutter der Kinder war den Angaben zufolge nicht in der Wohnung, als die Beamten eintrafen. In allen Räumen befanden sich durchgängig Spinnweben an den Decken, die bis in Kopfhöhe herunter hingen. Auch die Möbel waren von Spinnweben überzogen. Im Kühlschrank entdeckten die Polizisten eine undefinierbare, verfaulte Masse und sowohl lebende als auch tote Fliegen.

Die Küche wurde dem Augenschein nach seit Monaten nicht mehr benutzt. Die Toilette war total verdreckt und mit Kot bedeckt. Der Fußboden war von Müll, Unrat, verschmutzter Wäsche und Lebensmittelresten bedeckt. Ein Zimmer war kaum zu öffnen, da sich hinter der Tür nur Müll und Unrat befanden.

Im Flur entdeckten die Beamten Margarine und Toastbrot. Möglicherweise haben sich die Kinder davon ernährt. Die Mutter sei wohl ab und zu erschienen und habe den Kleinen fünf Euro zugesteckt, sagte ein Polizeisprecher. Von der Frau fehlt bislang jede Spur.

Berlin ist das einzige Bundesland mit einem eigenen Fachkommissariat für Delikte an Schutzbefohlenen. Die Zahl der Fälle in diesem Bereich steigt seit Jahren: Während 2004 noch 554 Fälle von Misshandlung von Schutzbefohlenen erfasst wurden, waren es ein Jahr später 672 und im Jahr 2006 bereits 753.

Auch bei der Verletzung der Fürsorgepflicht explodieren die Fallzahlen: Im Jahr 2006 wurden 582 Delikte erfasst, das sind 85,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Ermittler führen diese Entwicklung darauf zurück, dass die Anzeigebereitschaft durch Plakataktionen, Schulungen und die Einrichtung eines Hinweistelefons (030 - 4664 912 555 ) stark gestiegen ist.

ffr/jto/ddp/AP

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