Hilflose Justiz Wenn Kinder zu Tätern werden

Wie soll eine Gesellschaft mit Kindern umgehen, die brutale Gewalttaten begehen? In England sind schon die Jüngsten strafmündig. Jetzt ist der damals 10-jährige Täter in einem spektakulären Mordfall wieder straffällig geworden - und geriet ins Fadenkreuz der britischen Skandalpresse.

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London - Ein kleiner Junge, noch etwas unsicher auf den Beinen, wird von einem größeren Jungen an die Hand genommen und zum Ausgang des Einkaufszentrums gelotst. Doch was die Überwachungskameras an jenem Februarnachmittag um 15.42 Uhr aufzeichnen, ist kein gemeinsamer Gang auf den Spielplatz. Es sind die letzten Bilder des zweijährigen James Bulger. Wenige Stunden später liegt sein Körper auf einem Bahngleis in der Nähe von Liverpool - tot geprügelt von zwei Zehnjährigen.

Die grausame Hinrichtung liegt 17 Jahre zurück, doch sie erregt die Briten bis heute. So wie Deutschland von den beiden 13-Jährigen schockiert ist, die eine 83-jährige Rentnerin in München halbtot gefoltert haben, erinnert sich England gerade wieder an den Fall Bulger.

Die alten Wunden brachen wieder auf, als das britische Justizministerium bekanntgab, Jon Venables sei zurück im Gefängnis. Der Name ist den meisten Briten ein Begriff, er ist der Nation von den Boulevardblättern regelrecht eingehämmert worden. Jon Venables und Robert Thompson, das sind die "Wilden", die "Söhne Satans", die den kleinen James Bulger auf dem Gewissen haben. Als jüngste Mörder Europas gingen sie 1993 in die Geschichte ein.

Beide Fälle werfen die Frage auf, wie kindliche Täter bestraft und am besten rehabilitiert werden können. Die Schläger von München werden straffrei ausgehen, sie sind zu jung für das deutsche Strafrecht. Die noch jüngeren Bulger-Mörder hingegen waren damals zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Im Unterschied zu Deutschland, wo Kinder erst mit 14 Jahren schuldfähig werden, sind in England bereits Zehnjährige strafmündig, in Schottland sogar Achtjährige. Die Jury sah es als erwiesen an, dass den beiden die Schwere ihrer Tat bewusst war.

Venables und Thompson verbrachten acht Jahre in Jugendstrafanstalten, wurden nach Verbüßung ihrer Mindesthaftzeit 2001 aus dem geschlossenen Vollzug entlassen. Seither mussten sie sich regelmäßig bei ihren Bewährungshelfern melden. Die Rehabilitation schien erfolgreich, jahrelang hörte man nichts von ihnen.

"Justice for James"-Kampagne, 17 Jahre nach der Tat

Um sie vor Übergriffen durch einen Lynch-Mob zu schützen, bekamen sie neue Identitäten. Nur wenige Justizbeamte kannten ihre Namen und Aufenthaltsorte. Zu den Bewährungsauflagen gehörte, sich nicht gegenseitig zu kontaktieren und sich vom Tatort in Liverpool fernzuhalten. Die Regierung schaffte es sogar, unter Androhung drakonischer Strafen die unerbittlichen britischen Boulevardmedien zum Verstummen zu bringen: Bislang hat niemand die Identität der beiden gelüftet.

Nun jedoch verstieß der inzwischen 27-jährige Venables gegen seine Bewährungsauflagen und ist zurück im Gefängnis. Was genau er getan hat, darüber hüllt sich Justizminister Jack Straw in Schweigen. Es gehe nicht um Tod oder schwere Körperverletzung, versicherte er, aber die Vorwürfe seien "sehr ernst". Details wollte er nicht bekanntgeben, um die neue Identität Venables' und einen möglichen Prozess nicht zu gefährden.

Die britischen Medien geben sich damit nicht zufrieden und laufen seit über einer Woche Sturm. Die "Sun" startete eine "Justice for James"-Kampagne und fordert "die volle Wahrheit" von der Regierung. Über 85.000 Leser haben bisher unterschrieben. Unter Berufung auf anonyme Quellen wird berichtet, Venables sei ein Alkoholiker, drogenabhängig, in Schlägereien verwickelt. Auch der Besitz von Kinderpornos wird ihm vorgeworfen.

Die Vergangenheit scheint Venables nicht loszulassen

Eines scheint relativ sicher: Venables hat das Doppelleben in der Freiheit nicht ertragen. Zwar hatte ihm ein psychologisches Gutachten vor der Entlassung bescheinigt, ein anderer Mensch geworden zu sein. Außer einer Reihe von Wutausbrüchen im Jahr 1999 war er in der Jugendstrafanstalt Red Bank nicht aufgefallen. Dreimal die Woche bekam er Besuch von seiner Familie, durch Ausgänge wurde er behutsam an die Freiheit gewöhnt, er schien auf dem Weg in ein normales Erwachsenenleben. Sogar über ein IT-Studium dachte er nach.

Doch die Vergangenheit scheint ihn nicht loszulassen. Nun fragen die Besonnenen, was schief gelaufen ist in seinem Leben nach der Entlassung. Wo war die Familie, wo der Staat? Der Rest ist froh, dass er wieder hinter Gittern ist. Zwei Drittel der Briten sind laut einer Umfrage der Meinung, er hätte nie freikommen sollen. "Die traurige Wahrheit ist, dass viele Sexverbrecher nicht rehabilitiert werden können", kommentierte das Boulevardblatt "Daily Mail".

Der über Jahre sorgfältig errichtete Schutzschirm um Venables droht einzustürzen. Die "Sun" weiß nach eigenen Angaben bereits, in welchem Gefängnis er sitzt - in Einzelhaft, um vor Mithäftlingen geschützt zu sein. Noch hält das Berichterstattungsverbot die Chefredaktion in Schach. Wer dagegen verstößt, riskiert eine Gefängnisstrafe.

Mary Bell, 11, strangulierte einen Drei- und einen Vierjährigen

Doch ist der Damm auch in der Vergangenheit schon gebrochen. Wie sehr die Jagd der Sensationsmedien ausarten kann, hat die erste berühmte Kindsmörderin des Königreichs erfahren. Die elfjährige Mary Bell hatte 1968 innerhalb von drei Monaten erst einen Drei- und dann einen Vierjährigen zu Tode stranguliert. Aufgrund mangelnder Zurechnungsfähigkeit wurde sie nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags verurteilt.

Bell saß zwölf Jahre ihrer lebenslangen Haftstrafe ab, bekam danach eine neue Identität. Der High Court verbot jegliche Berichterstattung. Dennoch wurde Bell 1994 und 1998 von Reportern aufgespürt und musste noch zweimal ihren Namen wechseln. Inzwischen ist die 52-Jährige Großmutter, die Anonymität erstreckt sich auch auf ihre Tochter und ihr Enkelkind.

Bell gilt als Beispiel einer geglückten Resozialisierung. Auch der zweite Bulger-Mörder Thompson ist nicht wieder aufgefallen. Venables hingegen droht nun ein weiterer Prozess. Sollte es zur Anklage kommen, wird die Verhandlung unter allergrößter Geheimhaltung stattfinden. Die Entscheidung fällt erst in den nächsten Wochen.

Das niedrige Strafmündigkeitsalter in England führt dazu, dass hier deutlich mehr Kinder im Gefängnis sitzen als im Rest Europas. Der Sinn dieser frühen Kriminalisierung wird von Experten bestritten. Die gemeinnützige Organisation Prison Reform Trust etwa fordert seit Jahren die Heraufsetzung der Strafmündigkeit auf europäisches Niveau. Doch zeigt der Sturm der Empörung über den Bulger-Mörder, wie schwer eine Änderung des Strafrechts sein dürfte.



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