Hinrichtung in Texas: Gouverneur Perry auf Mission Todesstrafe

Von , New York

Er hält den Spitzenplatz bei den Todesurteilen in den USA: Kein Gouverneur hat mehr Hinrichtungen durchgesetzt als der Texaner Rick Perry, Favorit im Republikaner-Wahlkampf. Jetzt droht dem Häftling Steven Woods die Vollstreckung - dabei gibt es erhebliche Zweifel an seiner Schuld.

Texanischer Gouverneur: Perry lässt erneut Häftling hinrichten Fotos
REUTERS

Rick Perry hält einen schaurigen Rekord - und er ist mächtig stolz darauf. "Ihr Staat hat 234 Todeszellen-Insassen hingerichtet", erinnerte NBC-Moderator Brian Williams den Gouverneur von Texas bei der Kandidaten-Debatte der Republikaner am Mittwoch. Damit habe Perry mehr Menschen exekutieren lassen "als sonst ein Gouverneur in modernen Zeiten".

Bevor Williams aussprechen konnte, brandete Applaus durchs Auditorium. Einige Zuschauer pfiffen begeistert, als begrüßten sie den Killer-Rekord aus vollem Herzen. Nachdem Rick Perry versichert hatte, er habe keine Bedenken, auch mal Unschuldigen die Giftspritze zu versetzen, fragte Williams ihn, was er von dem Beifall halte. Perry grinste zufrieden: "Ich glaube, dass die Amerikaner Gerechtigkeit verstehen."

Dieser groteske Moment ging in der späteren Berichterstattung unter. Für einen aber war er ein schlechtes Omen: Steven Michael Woods.

Woods, 31, sitzt im Polunsky-Todestrakt in Livingston, vier Autostunden östlich der texanischen Hauptstadt Austin. Er soll am Dienstag kommender Woche - einen Tag nach der nächsten Republikaner-Debatte - wegen Doppelmordes hingerichtet werden. Es wäre in Texas die zehnte Exekution in diesem Jahr.

Bis heute beharren Woods, seine Anwälte und seine Freunde darauf, dass er unschuldig sei. Tatsächlich bestehen berechtigte Zweifel am Urteil. Marcus Rhodes, ein Bekannter Woods', hat die Bluttat gestanden und wurde deshalb sogar längst verurteilt - zu lebenslang. Die DNA-Spuren Rhodes' fanden sich an den Tatwaffen, nicht aber die von Steven Woods.

Dennoch haben alle Instanzen Woods' Berufungsanträge abgelehnt. Selbst der Supreme Court weigerte sich, die Sache anzunehmen. Woods' Anwalt Alex Calhoun hat nun als letzte Chance ein Gnadengesuch an Perry gerichtet. Woods sei seiner Grundrechte beraubt und aufgrund von Falschaussagen verurteilt worden, schreibt Calhoun in dem 20-seitigen Appell. Auch habe die Staatsanwaltschaft Indizien unterschlagen.

"Zur falschen Zeit am falschen Ort"

"Ich bin sicher, dass der Gnadenausschuss die Ungerechtigkeit erkennen wird", sagt Calhoun SPIEGEL ONLINE. Sein Zweckoptimismus ist offensichtlich: Seit seinem Amtsantritt vor elf Jahren hat Perry in Todesstrafenfällen noch kein einziges Gnadengesuch bewilligt. Alle wurden hingerichtet - manche trotz Bedenken an ihrer Schuld. Woods wäre nicht der erste.

Woods' Schicksal begann mit einem grausigen Kriminalfall. Am 2. Mai 2001 wurden in einem Feld nördlich von Dallas zwei Menschen brutal ermordet: Ronald Whitehead, 21, und Bethena Brosz, 19. Whitehead wurde sechsmal in den Kopf geschossen, Brosz zweimal sowie einmal ins Knie. Beiden Opfern wurden außerdem die Kehlen durchgeschnitten.

Whiteheads Leiche fand man Stunden nach der Tat. Brosz lebte noch, starb aber 36 Stunden später in einem Krankenhaus. Whitehead war ein Drogendealer, Brosz eine Zufallsbekanntschaft. Die 19-Jährige wollte einmal Astronomie studieren. Sie war, wie ihre Mutter Janet Shires auf einer Gedenk-Website schreibt, "zur falschen Zeit am falschen Ort".

Woods und Rhodes, die damals mit Whitehead in Drogengeschäfte verwickelt gewesen waren, wurden in Texas und Kalifornien verhaftet. Ihnen wurde getrennt der Prozess gemacht. Im August 2002 verurteilte ein Gericht den damals 21-jährigen Woods zum Tode, unter anderem aufgrund von Zeugenaussagen, wonach er sich mit den Morden gebrüstet habe. Woods' Anwälte hatten seine Anwesenheit am Tatort nicht bestritten, aber Rhodes als tatsächlichen Mörder benannt.

Bevor Rhodes' Prozess im Januar 2003 begann, bekannte er sich schuldig: Er habe Whitehead und Brosz alleine umgebracht. Im Gegenzug für sein Geständnis bekam er lebenslang.

Seither versucht Woods, sein Urteil zu kippen - vergeblich. Selbst, wenn er weder den Abzug betätigt noch die Messer geschwungen hätte, wäre er nach texanischem Recht als Komplize so schuldig wie der eigentliche Täter.

"Sie bringen die falsche Person um"

Der Polunsky-Todestrakt, in dem Woods sitzt, ist berüchtigt für seine menschenunwürdigen Zustände. 2004 traten Dutzende Häftlinge nach dem Selbstmord eines Todeskandidaten in den Hungerstreik, darunter auch Woods.

Die Gerichte ließen sich auch nicht davon beeindrucken, dass inzwischen eine breite Interessenkoalition für Woods' Begnadigung kämpft. Darunter ist auch die Studentin Tali Kaluski, 25, aus Los Angeles, die auf den Fall aufmerksam wurde, als sie für eine Woods-Gruppe T-Shirts druckte. Woods bedankte sich per Brief bei ihr persönlich, worauf sie ihn im Januar dieses Jahres im Gefängnis besuchte.

"Sie bringen die falsche Person um", sagt Kaluski über die drohende Hinrichtung. "Er ist eine sehr schüchterne, stille Person." Woods habe ihr gesagt, dass er zur Tatzeit zwar mit Rhodes im Auto gewesen sei, doch nie geahnt habe, dass dieser die Morde geplant habe. "Wie kann der Mörder lebenslang bekommen", fragt sie sich, "und Steven die Todesstrafe?"

Mittlerweile beschäftigt sich auch das Office of Capital Writs (OCW), ein staatliches Büro zur Betreuung von Todeskandidaten in Texas, mit dem Fall. OCW-Chefanwalt Brad Levenson hat parallel zum Gnadengesuch einen neuen Appellationsantrag an den Supreme Court gestellt. Auf 44 Seiten listet er auf, was in dem Fall damals alles schief gelaufen sei. So hätten die Verteidiger damals versagt. Auch seien die Geschworenen voreingenommen gewesen.

Insider haben freilich wenig Hoffnung. "Das Konzept der Gnade ist in diesem Proletenstaat eine hohle Illusion", sagt einer der beteiligten Juristen, der seinen Namen nicht zu nennen wagt, weil er die Gerichte nicht verstimmen will. "Ich fürchte, dass Mr. Woods' Fall ohne jedes Wimpernzucken abgelehnt werden wird."

Auch die Medien haben sich kaum für den Fall interessiert. Die Todesstrafe gilt in den USA nicht mehr als Reizthema. "Die Öffentlichkeit ist viel ambivalenter geworden", klagte Richard Dieter, der Chef der Aktivistengruppe Death Penalty Information Center, auf der Website "Politico". "Sie sehen es als eine Grauzone."

"Der Kampf ist nicht vorbei", schwört die Songwriterin Emily O'Halloran, die sich für Woods einsetzt. "Wir werden weiterkämpfen und alles tun, was in unserer Macht steht."

Die Hinrichtung ist für Dienstag um 18 Uhr Ortszeit anberaumt. Tali Kaluski, die sich inzwischen als "Verlobte" Woods' bezeichnet, befindet sich bereits in Livingston, um ihm in den letzten Tagen zumindest näher zu sein.

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1. Texas
mitbestimmender wähler 09.09.2011
Kollateral-Opfer (unschuldige), gibt es halt, aber was bei weitem mehr zählt ist die Abschreckung bei der Möglichkeit einer Hinrichtung als Strafe und so gesehen ist die Todesstrafe absolut in Ordnung. Täglich sterben unschuldige im Strassenverkehr, bei der Arbeit deren leben sicherer machen ist sinnvoller als die Todesstrafe in Frage zu stellen.
2. .
alexbln 09.09.2011
Zitat von mitbestimmender wählerKollateral-Opfer (unschuldige), gibt es halt, aber was bei weitem mehr zählt ist die Abschreckung bei der Möglichkeit einer Hinrichtung als Strafe und so gesehen ist die Todesstrafe absolut in Ordnung. Täglich sterben unschuldige im Strassenverkehr, bei der Arbeit deren leben sicherer machen ist sinnvoller als die Todesstrafe in Frage zu stellen.
selten was dümmeres gelesen. staatlich legitimierter mord ist für sie also in ordnung ? da wünscht man sich fast sie kommen auf die todesliege, obs sie es dann begreifen?
3. Vor was wird abgeschreckt? Gibt es Erfolgsmeldungen?
bosemil 09.09.2011
Zitat von mitbestimmender wählerKollateral-Opfer (unschuldige), gibt es halt, aber was bei weitem mehr zählt ist die Abschreckung bei der Möglichkeit einer Hinrichtung als Strafe und so gesehen ist die Todesstrafe absolut in Ordnung. Täglich sterben unschuldige im Strassenverkehr, bei der Arbeit deren leben sicherer machen ist sinnvoller als die Todesstrafe in Frage zu stellen.
Sie, lieber mitbestimmender Wähler, und der Texaner Rick Perry sind ja auch schon zum Tode verurteilt. Nur wissen sie nicht genau wann die Vollstreckung stattfindet.
4. ...
m0wlwUrf 09.09.2011
Zitat von mitbestimmender wählerKollateral-Opfer (unschuldige), gibt es halt, aber was bei weitem mehr zählt ist die Abschreckung bei der Möglichkeit einer Hinrichtung als Strafe und so gesehen ist die Todesstrafe absolut in Ordnung. Täglich sterben unschuldige im Strassenverkehr, bei der Arbeit deren leben sicherer machen ist sinnvoller als die Todesstrafe in Frage zu stellen.
Und wenn Zweifel an der Schuld bestehen, sind Sie dafür im Zweifelsfall zu exekutieren?
5. Perry macht nur seinen Job!
heitjer 09.09.2011
"Woods' Anwälte hatten seine Anwesenheit am Tatort nicht bestritten, aber Rhodes als tatsächlichen Mörder benannt." "Selbst, wenn er weder den Abzug betätigt noch die Messer geschwungen hätte, wäre er nach texanischem Recht als Komplize so schuldig wie der eigentliche Täter." Wo sind hier denn dann die Zweifel an seiner Unschuldigkeit? "Gouverneur Perry auf Mission Todesstrafe" Warum versucht der Spiegel dies dem Gouverneur von Texas anzuhaengen. Er hat schliesslich nicht das Urteil verhaengt & ausgesprochen.
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