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Umstrittene Hinrichtung in Texas: 10.000 Dollar und eine Falschaussage

Polizeifoto von Cameron Todd Willingham: Umstrittene Hinrichtung Zur Großansicht
AP/ Texas Department of Criminal Justice

Polizeifoto von Cameron Todd Willingham: Umstrittene Hinrichtung

Cameron Todd Willinghams drei Töchter starben 1991 bei einem Feuer in Texas. Brandstiftung, urteilte die Jury und ließ den Vater hinrichten. Nun widerruft der wichtigste Zeuge seine Aussage.

Corsicana - Cameron Todd Willingham lag noch im Bett, als aus dem Kinderzimmer seines Hauses Rauch auf den Flur quoll. Es war kurz vor Weihnachten, seine Frau war unterwegs, um Geschenke zu kaufen. "Papa, Papa", rief die älteste Tochter, die zweijährige Amber, aus dem Zimmer, in dem auch die einjährigen Zwillinge Karmon und Kameron schliefen. Willingham versuchte noch, die Mädchen zu retten, doch das Feuer hatte sich schon ausgebreitet. Als seine Haare Feuer fingen und Teile der Decke herunterbrachen, floh der Vater allein nach draußen. Amber, Karmon und Kameron starben.

Das ist die eine Version des Vorfalls, der vor knapp 23 Jahren die Kleinstadt Corsicana im US-Bundesstaat Texas erschütterte. Es ist die Version des Vaters. So schilderte er den Vorfall der Polizei.

Die zweite Version geht anders: Willingham verteilte Brandbeschleuniger in dem Kinderzimmer, in dem seine drei Töchter schliefen. Dann setzte er das Haus in Flammen und brachte sich in Sicherheit. So soll es Willingham nach seiner Festnahme seinem damaligen Zellengenossen Johnny Webb geschildert haben. Mit der Tat habe er vertuschen wollen, dass seine Frau eines der Kinder vorher misshandelt habe.

Gerichtsmediziner fanden keine Spuren für eine vorherige Misshandlung. Doch Webb, der wegen Raubüberfalls im Gefängnis saß, blieb vor Gericht bei seinen Angaben. Willingham beteuerte seine Unschuld, das Gericht glaubte ihm nicht und verhängte wegen dreifachen Mordes die Todesstrafe. Im Februar 2004 wurde er mit der Giftspritze hingerichtet.

"Der Typ ist schuldig"

Der Fall ist schon lange umstritten, doch nun kommen neue Beweise hinzu, die das "Innocent Project" aus Gerichtsakten und Interviews zusammengetragen hat. Demnach gab es zwischen Webb und dem damals zuständigen Staatsanwalt John Jackson einen Deal - was die Anklagebehörde stets bestritten hatte. Im Prozess etwa fragte Jackson den Zeugen: "Johnny, habe ich Ihnen jemals etwas für Ihre Aussage in diesem Fall angeboten?" "Nein, Sir, haben Sie nicht", lautete die Antwort. Und weiter: "Sie haben gesagt, niemand könne irgendetwas für mich tun."

Nun hat Webb jedoch seine Aussage öffentlich widerrufen. Die "Washington Post" berichtet ausführlich über die neuen Erkenntnisse.

Jackson habe ihm Bilder der verbrannten Kinderleichen gezeigt, erinnert sich Webb. "Das könnten deine Kinder sein", habe der Staatsanwalt gesagt. "Der Typ ist schuldig". Jackson habe ihm versprochen, die Verurteilung wegen des Raubüberfalls revidieren zu lassen. Webb müsse nur aussagen, dass Willingham die Tat gestanden habe. "Sonst lassen wir hier einen Mörder in unseren Straßen herumlaufen", schob der Ankläger angeblich noch hinterher.

Als Gegenleistung für die belastende Aussage soll der Staatsanwalt sich dafür eingesetzt haben, dass Webb in ein Gefängnis in der Nähe seines Heimatorts verlegt wird. Mithilfe eines reichen Ranchbesitzers soll er ihm auch Geldbeträge zur Verfügung gestellt haben - von einem 10.000-Dollar-Scheck soll sich Webb nach seiner Haftentlassung ein Auto gekauft haben. Doch die Lüge habe ihn 22 Jahre lang belastet, räumte Webb nun ein. Die Wahrheit sei: Willingham habe ihm gegenüber nichts gesagt. Schon 2000 soll Webb seine Aussage in einem Brief an die Staatsanwaltschaft widerrufen haben, doch das Schreiben taucht nicht in seiner Gerichtsakte auf.

Jackson hat laut "Washington Post" nicht bestritten, dass er sich für den Häftling eingesetzt hat. Aber er habe es getan, so der frühere Staatsanwalt, weil Webb nach seiner Zusammenarbeit mit dem Staat im Gefängnis einen schweren Stand gehabt habe. Auf eine detaillierte Anfrage der Zeitung wollte er sich nun nicht mehr äußern.

Auch andere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass mit Willingham womöglich ein Unschuldiger hingerichtet worden ist. Experten entkräfteten Jahre nach der Exekution mehrere forensische Ergebnisse, auf die sich das Gericht neben Webbs Aussage hauptsächlich gestützt hatte.

Unter anderem hatten Fahnder drei verschiedene Orte im Haus ausgemacht, an denen der Brand ausgebrochen sein sollte und werteten dies als klares Indiz für Brandstiftung. Andere Brandexperten stellten später jedoch klar: Bei großer Strahlungshitze können Möbel auch dann in Brand geraten, wenn sie nicht direkt mit der Flamme in Berührung kommen. Mehrere Brandherde deuten nicht automatisch auf ein Verbrechen hin (mehr dazu lesen Sie hier).

Dessen ungeachtet weigert sich der US-Bundesstaat Texas bislang, im Fall Willingham einen Justizirrtum auszumachen. Das werden wohl auch die neuen Erkenntnisse nicht ändern. Der republikanische Gouverneur Rick Perry gilt als überzeugter Verfechter der Todesstrafe. Der bisher letzte Antrag auf eine postume Begnadigung wurde im April abgelehnt.

Hinrichtungen seit 1976

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Filmreif
konbaum 04.08.2014
Mein Gott, die bloße Vorstellung, dass es in den USA so zugeht, ist abscheulich und eine Schande für den ach so zivilisierten Westen. Möchte gar nicht wissen, wie viele solche Fälle es noch gibt.
2. Noch Gegenargumente?
boingdil 04.08.2014
Allein die Möglichkeit das so etwas passieren könnte zeigt deutlich wie falsch die Todesstrafe ist. Urteile werden von Menschen gesprochen. Menschen können irren. Menschen können lügen. Jede Gefängnisstrafe ist zumindest finanziell kompensierbar. Der Tod ist endgültig und unumkehrbar. Ich hoffe nur die Jury, Staatsanwälte und Richter aus dem Fall erfahren, was sie da gemacht haben und haben keine ruhige Nacht mehr. Aber bei stockkonservativen bibeltreuen republikanischen Texanern unwahrscheinlich.
3.
TS_Alien 04.08.2014
Das ist kein Fehlurteil, das ist ein weiterer Justizskandal. Gegen konstruierte Indizien und fachlich falsche Gutachten ist ein Richter bzw. sind die Geschworenen machtlos. Das Problem in US-Rechtssystem ist nicht die Todesstrafe, denn viele Schuldige haben diese durchaus verdient. Das Problem sind die vielen Skandale, die Unschuldige zu Schuldigen machen. In diesem Fall hat der Staatsanwalt gewusst, dass die Zeugenaussage falsch ist. Der Staatsanwalt hat das Leben eines Unschuldigen auf dem Gewissen. Dafür sollte es die Todesstrafe geben.
4. Geständnis gegenüber Mithäftlingen...
edgarzander 04.08.2014
...ist ja in Amerika ziemlich häufig das Hauptbelastungsmerkmal. Schon seltsam, dass angebliche Verbrecher ausgerechnet bei Mithäftlingen in aller Ausführlichkeit redselig werden. Dass sowas nicht Richter stutzig macht?
5. Schlimm
Müller123456 04.08.2014
Von der Todesstrafe halte ich eh nichts und auch, wenn ich natürlich nicht weiß, was in diesem Fall genau gewesen ist - die bloße Vorstellung, dass ein Staatsanwalt so etwas für seine Statistik tut, widert mich dermaßen an, dass mir beim Lesen dieses Artikels wahrhaftig schlecht geworden ist.
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