Hochstapler Top-Agent mit der Lizenz zum Lügen

Eine Elite-Einheit der Bundeswehr im Sabotageeinsatz in der DDR: Mit seinem Sachbuch "Todeszone" wollte der Autor Thomas Sanders die Geschichte des Kalten Krieges neu schreiben. Alles gelogen - der Bestseller ist das Werk von Thomas B. aus Berlin. Auf der Spur eines Hochstaplers.

Von Jens Todt


Berlin - Gefangene macht einer wie Thomas Sanders nicht. Er ist vielmehr Spezialist in der Kunst des lautlosen Tötens. "Ich hörte deutlich, wie Muskeln und Bänder vom Rückgrat abrissen, dann knackte es direkt unter der Schädelbasis. Ich wartete, bis der Tote schwer in meine Arme sank, dann ließ ich ihn sanft zu Boden gleiten."

Buchcover: Geheimdienst- Schmonzette statt Tatsachenbericht

Buchcover: Geheimdienst- Schmonzette statt Tatsachenbericht

Der gefährliche Einsatz des "Elitekommandos Ost" soll 1981 im Ost-Berliner Gefängnis Rummelsburg stattgefunden haben. Das schreibt Sanders in seinem Buch "Todeszone". Seine Bundeswehr-Spezialeinheit habe bei der Aktion einen Wissenschaftler aus der Haft befreit und in den Westen geschleust.

Die Sache hat nur einen Haken: Thomas Sanders heißt in Wahrheit Thomas B., und 1981 steht er einige hundert Kilometer weiter westlich in Diensten einer weit profaneren Macht. Sein wahres Einsatzgebiet beschränkt sich auf die Region Düsseldorf. Sein Auftraggeber: ein Kurierdienst. Seine Mission: Pakete zustellen.

Fast nichts in "Todeszone" entspricht der Realität. Auf 431 (stilistisch auffallend holprigen) Seiten werden Einsätze einer Bundeswehr-Eliteeinheit in der DDR geschildert, die frei erfunden sind. Mit seinem dreisten Lügenwerk hat B. es geschafft, zunächst den englischen Verlag Random House zum Narren zu halten und kurze Zeit später dessen deutsche Tochter Heyne.

Die Geschichte des Hochstaplers B. beginnt mit der Begeisterung bei Random House, als der Autor Sanders seine sensationellen Augenzeugenberichte avisiert. Der renommierte Verlag schließt mit ihm einen Vertrag gleich über zwei Bücher ab. Das Honorar ist eines Top-Agenten durchaus würdig: insgesamt eine Million britische Pfund, gestückelt in sechs Zahlungen.

Allerdings werden die Briten nach Prüfung der Fakten offenbar nervös. Sie entscheiden sich, "The Playground" nicht zu veröffentlichen - so sollte das Buch auf Englisch heißen. "Wir haben den Vertrag 2003 in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst", sagt Random House-Sprecherin Clare Harrington SPIEGEL ONLINE. Zu diesem Zeitpunkt ist jedoch wohl bereits ein Teil des Honorars an den zwielichtigen Autor geflossen.

Eine Million Pfund für den deutschen James Bond

Der Verlag habe "Grund zu der Annahme, dass es sich bei dem an den Verlag gelieferten Buch in Wahrheit um Fiktion handelt", heißt es in einem Schriftsatzentwurf der renommierten Rechtsanwaltskanzlei Simons, Muirhead and Burton an das Londoner Handelsgericht. Random House habe für ein Sachbuch bezahlt - nicht für einen Agententhriller. 405.000 Pfund der vereinbarten Million seien schon an den Deutschen gegangen, heißt es in dem Entwurf vom 26. Januar 2004. Eingereicht wurde der Schriftsatz allerdings nie.

Anders die Lage im Heyne-Verlag. Dort sind die Bedenken im Jahr 2003 nicht so groß wie bei Random House: Die Münchner veröffentlichen "Todeszone" im April. Die Marketingabteilung des Verlags lässt sich nicht lumpen ob des vermeintlichen Scoops: Der "reale Thriller" enthülle "eine wahre Geschichte, die alles in Frage stellt, was wir über das Nachkriegseuropa zu wissen meinen" - so tönt Heyne bis heute auf der Verlags-Homepage. "Er wird Regierungen zu peinlichen Rechtfertigungen zwingen und Historiker dazu, die Geschichtsbücher umzuschreiben."

Das Buch avanciert schnell zum Verkaufsschlager - Beurteilungen von Experten fallen jedoch überwiegend vernichtend aus, offizielle Stellen dementieren eindeutig. "Frei erfunden" heißt es beim Bundesnachrichtendienst (BND). Das Kanzleramt und die Bundeswehr beteuern, nie etwas von einem "Elitekommando Ost" gehört zu haben. "Das ist ein Geheimdienstroman, aber kein Sachbuch", sagt der ehemalige Geheimdienstkoordinator und heutige BND-Chef Ernst Uhrlau dem SPIEGEL.

Der Heyne-Verlag windet sich bei der Beurteilung des Buches und der Glaubwürdigkeit des Autors: "Nach dem Erscheinen gab es heftige Diskussionen und unterschiedliche Meinungen über den dargestellten Sachverhalt und zur Person Sanders, die letztlich unseres Wissens nach weder in die eine noch andere Richtung belegt werden konnten", sagt Pressesprecherin Ute Bierwisch SPIEGEL ONLINE. Eine juristische Auseinandersetzung zwischen Heyne und Sanders habe es allerdings bis zum heutigen Tag nicht gegeben.

Hauptschüler statt Mathe-Genie

Fest steht: Faktentreue ist nicht die Stärke des angeblichen Super-Spions - und auch Bescheidenheit gehört nicht unbedingt zu seinen hervorstechenden Charaktereigenschaften. "Auf Grund meines Talents für Mathematik und Physik", behauptet Sanders, habe man ihn bei der Bundeswehr für geeignet gehalten, "eine Ausbildung zum Navigator" zu absolvieren.

An einer Hauptschule im Berliner Stadtteil Tempelhof erinnert man sich wohl ein wenig anders an den Schüler Thomas B.: In seinem Abschlusszeugnis für die 9. Klasse, ausgestellt am 10. März 1972, bekommt er in den Fächern Mathematik und Physik jeweils die Note vier.

In den folgenden Jahren irrlichtert der spätere Bestsellerautor B. zwischen verschiedenen Städten, Jobs und Frauen hin und her, nirgendwo hält er es lange aus. Von 1975 bis 1978 wird er bei einem großen Berliner Unternehmen zum Speditionskaufmann ausgebildet, später macht er sich kurzzeitig als Versicherungsvertreter selbstständig und gründet mit anderen Gesellschaftern eine Autovermietung in Mainz. Diese wird jedoch nach kurzer Zeit "wegen Vermögenslosigkeit" aus dem Handelsregister gelöscht.

Im Frühjahr 1978 ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung gegen ihn. Das Verfahren wird gegen Zahlung einer Geldstrafe eingestellt. Von 1981 bis 1984 arbeitet B. als Transport-Manager bei einem großen deutschen Unternehmen. Ein Jahr lang organisiert er für seinen Arbeitgeber die Lastwagenflotte auf Baustellen in Jordanien und im Irak. Möglich, dass seine Aufenthalte im Nahen Osten sein Faible für Geheimdienst-Schmonzetten erst richtig aufblühen lassen.

Irgendwann muss in B. die Idee gereift sein, mit vermeintlichen Augenzeugenberichten aus dem Geheimdienst-Milieu die Öffentlichkeit zu suchen - vermutlich Mitte der neunziger Jahre, als er in Birmingham lebt.

Er schreibt sein Buch "Todeszone" über das "Elitekommando Ost", das im Auftrag der CIA und des Bundesnachrichtendienstes verdeckte Operationen jenseits des Eisernen Vorhangs ausführt. Dank seines Buches findet B. endlich europaweit die Beachtung und Anerkennung, die er sich wünscht. Er gibt Zeitungs-Interviews und wird zu Talkshows eingeladen, wo er als Schattenfigur hinter einer Wand Fragen beantwortet.

Fast habe er das DDR-Regime ins Wanken gebracht

In seiner Geheimdienstwelt muss er keine Pakete ausliefern, obwohl er dem Transportwesen in gewisser Weise treu bleibt - mit Thomas Sanders an der Spitze soll die Bundeswehr-Spezialeinheit Dissidenten, Wissenschaftler und ihre Familien in den Westen geschleust haben.

Sanders beschreibt, wie er fast das gesamte DDR-Regime ins Wanken gebracht habe. Gleich zwei Sabotageakte in einer Chemieanlage bei Halle sollten 1979 die Energieversorgung jenseits des Eisernen Vorhangs gefährden und den Unmut über die Regierung bis hin zu einem Aufstand befeuern. Sanders berichtet von einer Explosion, die den nächtlichen Himmel über Halle erleuchtet. Dumm nur, dass sich nach dem Fall der Mauer niemand an einen derartigen Vorfall erinnern will und kein einziges Dokument die Aktion belegt.

In dem Buch schreibt Sanders auch über Schattenseiten des Agentenlebens. Nach der geglückten Mission im Ost-Berliner Gefängnis Rummelsburg sei er leichtsinnig geworden. Anstatt mit den anderen Mitgliedern der Einheit schnellstmöglich in den Westen zu entwischen, habe sich der Spion Bier und Schnaps in einer Fernfahrerkneipe gegönnt. "Ich hatte eben vier junge Männer mit bloßen Händen getötet. Aber der Erfolg schwemmte Adrenalin in meine Adern", heißt es in "Todeszone".

Sein Übermut sei ihm schließlich zum Verhängnis geworden. Stasi-Offiziere hätten ihn kassiert und wochenlang gefoltert: "Unter allen Fingernägeln ragten Zahnstocher heraus. Sie waren mehrere Millimeter tief hineingetrieben worden." Doch Sanders wäre nicht der Anführer der gefährlichsten Spezialtruppe der Bundeswehr, wenn er körperliche Schmerzen nicht aushalten könnte. Er habe dichtgehalten, behauptet der angebliche Geheimagent: Den Stasi-Leuten sei es nicht gelungen, seine wahre Identität zu ermitteln. Entnervt hätten sie ihn eines Nachts im Westteil Berlins aus einem Transporter geworfen.

Heute lebt er in einer kleinen Wohnung im Süden Berlins

Ganz anders das wahre Leben des vermeintlichen Helden. B.s Beziehung mit einer Engländerin scheitert. Er kehrt von Großbritannien nach Deutschland zurück. Heute lebt der mittlerweile 50-Jährige in einer kleinen Wohnung im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Trotz mehrmaliger schriftlicher Anfragen will er sich nicht zu seinem Buch äußern. "Meines Wissens nach ist er momentan gar nicht in Deutschland", sagt eine Bekannte.

Ein einziges Mal in seinem Leben stand B. übrigens tatsächlich kurz davor, seinen Traum von Abenteuern, Waffen und riskanten Einsätzen für das Wohl des Landes zu verwirklichen: Von 1972 bis 1975 absolvierte er einen Lehrgang an der Berliner Schule der Schutzpolizei. Lautloses Töten und Sondereinsätze standen damals nicht auf dem Lehrplan, doch immerhin ist vermerkt: Am 3. August 1972 bestand Thomas Sanders alias Polizeiwachtmeister Thomas B. die Freischwimmerprüfung.



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