Doppelmord von Höfen Schläge mit dem Schraubenzieher

Zwei Menschen wurden getötet, eine 77-Jährige überlebte nur knapp: In München hat der Prozess wegen des grausigen Raubmords von Höfen begonnen. Tippgeberin für die Täter soll eine Pflegerin gewesen sein.

Malgorzata L. mit ihrem Anwalt
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Malgorzata L. mit ihrem Anwalt

Von , München


Waltraud P.* hatte der 50-jährigen Frau aus Polen vertraut. Vier Monate lang pflegte Malgorzata L. den Mann der 77-Jährigen im gemeinsamen Haus in Höfen, einem Weiler im südlichen Oberbayern. P. war froh gewesen, dass sie überhaupt eine Pflegerin bekommen hatte. Denn nicht nur im Voralpenland sind häusliche Altenpfleger kaum zu finden.

Im Herbst 2016 starb der schwerkranke Senior schließlich. Wenige Monate später hätte Waltraud P. ihr Vertrauen in Malgorzata L. beinahe mit dem Leben bezahlt - so sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft München. Drei mutmaßliche Komplizen der Pflegerin sollen im Februar 2017 in das Haus eingebrochen sein, zwei Besucher getötet und die alte Dame fast umgebracht haben.

Vor dem Münchner Landgericht hat nun der Prozess in dem Fall begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft Malgorzata L. gemeinschaftlichen versuchten Mord vor. Ihre drei mutmaßlichen Komplizen, darunter ihr Sohn und ihr Bruder, sitzen wegen gemeinschaftlichen Mordes auf der Anklagebank.

Die Beschuldigten folgen den Ausführungen von Staatsanwältin Ines Wießner mit teils gesenktem Kopf. Der Anklage zufolge wollte Malgorzata L. in der zwischen Starnberger See und Tegernsee gelegenen Touristenregion mit hoher Millionärsdichte das große Geld machen. Schnell habe sie im Jahr 2016 gemerkt, "dass das Ehepaar P. sehr wohlhabend war", sagt Wießner. Stets lagerte Waltraud P. eine hohe Summe Bargeld sowie Gold in einem Waffenschrank, den sie zu einem Safe umfunktioniert hatte.

Angeklagter Robert P.
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Angeklagter Robert P.

Die Pflegerin soll bei ihrer Arbeit das Haus ausgekundschaftet und in der Folge mit ihrem Bruder den Plan gefasst haben, die Witwe auszurauben.

In einer Februarnacht drang der 44-jährige Robert P. gemeinsam mit einem Kumpel und dem Sohn der Pflegerin in das Anwesen der Witwe ein. Was sie offenbar nicht wussten: Die Rentnerin hatte Besuch von Freunden - einer 76-Jährigen aus Eschborn und einem 81-Jährigen Hagener.

Was dann geschehen sein soll, nannte die örtliche Polizei später ein in seiner Brutalität in der Region "einzigartiges Verbrechen". Bewaffnet mit einem schweren Gegenstand zum Schlagen sowie einem Schraubenzieher stürmten die Täter laut Ermittlern zunächst in das Schlafzimmer der Hausbesitzerin.

Einer der Eindringlinge soll sich auf die alte Frau gesetzt haben. Dann schlugen sie laut Anklage mit den Fäusten auf den Kopf des Opfers ein, stießen mit dem Schraubenzieher durch die Kopfhaut. Dabei erlitt die Frau lebensgefährliche Verletzungen. Irgendwann sei sie bewusstlos geworden und verstummt, führt Anklägerin Wießner aus.

Die Rentnerin wurde mit einem Abschleppseil gefesselt. Die beiden Gäste der alten Dame hatten sich aufgeschreckt durch den Lärm in ihrem Zimmer eingesperrt. Doch einer der Einbrecher, so die Staatsanwaltschaft, brach die Tür mit der Schulter auf. Mit einer schweren Taschenlampe und anderen Gegenständen soll das Trio auf die beiden Senioren eingeprügelt haben.

Den Ermittlern zufolge schleifte das Trio anschließend die blutüberströmten Körper über zwei Steintreppen ins Kellergeschoss, die Köpfe seien dabei mehrfach gegen die Stufen geschlagen.

Um an den Schlüssel für den Safe zu gelangen, sollen sie den 81-jährigen Hagener noch gequält haben. Letztlich mussten sie den Ermittlern zufolge den Safe aufbrechen, um an das Gold und die 60.000 Euro Bargeld zu gelangen.

Spurensicherung am Tatort
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Spurensicherung am Tatort

Waltraud P. wurde einige Tage später lebensgefährlich verletzt aufgefunden, ein Nachbar hatte sich Sorgen gemacht. Für ihre Besucher kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Der Verdacht fiel schnell auf die frühere Pflegekraft. Die polnische Polizei nahm sie Anfang März 2017 fest. In den darauffolgenden Wochen wurden auch ihre mutmaßlichen Komplizen nach Deutschland ausgeliefert.

Vor Gericht schweigt Malgorzata L. Aber ein Gefängnispsychologe, mit dem sie gesprochen hatte, berichtet, Malgorzata L. sei früh schwanger gewesen, habe daher keine Ausbildung gemacht und später als Aushilfe im Verkauf gearbeitet. Oft sei sie arbeitslos gewesen. Vor gut fünf Jahren habe ein Bekannter ihr dann erzählt, dass ein polnischer Vermittler dringend Pflegekräfte suche. Malgorzata L. ergriff ihre "Chance". Der Psychologe berichtet: "Sie arbeitete bei vielen Familien, machte viele pflegerische Tätigkeiten, auch Hausarbeit."

In der Regel habe sie sieben Tage die Woche, bis zu 20 Stunden pro Tag gearbeitet. Auch in Höfen habe sie Tag für Tag von 7 Uhr bis 23 Uhr geschuftet - für gut 350 Euro pro Woche. Sie wohnte im Haus. Zuletzt klagte die 50-Jährige zunehmend über Schmerzen am Rücken und an den Armen - der Körper wollte offenbar nicht mehr so wie sie.

Irgendwann soll sie dann beschlossen haben, auf andere Weise zu Geld zu kommen. Ihr Sohn und ihr Bruder schweigen vor Gericht ebenfalls. Der vierte Angeklagte hat eine Aussage angekündigt.


*Name geändert



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