Urteil in Mordprozess Der Alptraum von Höfen

Eine Rentnerin wird in ihrem Haus überfallen, zwei ihrer Gäste sterben: Die Staatsanwaltschaft sah im Doppelmord von Höfen den "Alptraum eines jeden von uns". Nun ist das Urteil gefallen.

Angeklagter Robert P. vor Gericht (Archivbild)
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Angeklagter Robert P. vor Gericht (Archivbild)

Von , München


Es ist nur ein kurzer Moment, aber er lässt erahnen, wie unbeherrscht Robert P. ist. Noch während der Vorsitzende Richter Thomas Bott das Urteil verkündet, springt der 44-Jährige plötzlich auf. Zwei Wachleute gehen schnell in die Nähe des vorbestraften Gewalttäters. "Sie müssen für die laufende Verhandlung sitzen bleiben", ermahnt ihn der Richter. Anschließend könne er in Ruhe mit seinem Anwalt reden.

Dazu sieht Robert P. offenbar regen Bedarf, schließlich wurde er unter anderem wegen zweifachen Mordes und besonders schweren Raubes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem sah das Münchner Landgericht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld - damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren äußerst unwahrscheinlich.

Sein Verteidiger, der später ankündigte, in Revision zu gehen, legt ihm die Hand auf die Schulter, beruhigt ihn. Der Hüne setzt sich wieder.

Das Gericht folgte der Darstellung der Staatsanwaltschaft, die P. als die treibende Kraft beim Doppelmord an zwei Rentnern im oberbayerischen Höfen gesehen hatte. Außerdem verhängte Bott eine anschließende Sicherungsverwahrung gegen P.

Robert P. gerät nicht das erste Mal in Rage

Es ist nicht das erste Mal, dass P. in Rage geriet. Anfang September mussten ihn die Sicherheitsbeamten während des laufenden Verfahrens nach einem Tumult mit Handschellen aus dem Verhandlungssaal bringen. Kurz bevor P. an jenem Tag abgeführt wurde, schrie er Richtung Bott: "Ich verlange, dass Sie mich respektieren!"

Hintergrund
Lebenslange Freiheitsstrafe

Die höchste Strafe, die ein Gericht in Deutschland verhängen kann. Bei Mord ist sie zwingend vorgeschrieben. Aber auch bei anderen besonders schlimmen Verbrechen, etwa Vergewaltigung mit Todesfolge, kann das Urteil „lebenslang“ lauten. Im strengen Wortsinn wird der Täter damit endgültig eingesperrt. Mit Blick auf die Menschenwürde muss er aber eine konkrete Chance haben, später wieder freizukommen. Die lebenslange Freiheitsstrafe kann daher nach frühestens 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Täter kommt aber nur frei, wenn man ihn dann als nicht mehr gefährlich ansieht. Dafür wird ein Gutachter hinzugezogen und das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung berücksichtigt.

Besondere Schwere der Schuld

Die vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren scheidet in der Regel aus, wenn das Gericht im Urteil die „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt hat. Die Richter müssen hierzu Tat und Persönlichkeit des Täters würdigen. Sie prüfen, ob Umstände vorliegen, die das Aussetzen der lebenslangen Freiheitsstrafe nach 15 Jahren unangemessen erscheinen lassen. Das können etwa ein besonders brutales Vorgehen, sadistische Motive des Täters oder die Ermordung mehrerer Menschen durch eine Tat sein. Wird die besonders schwere Schuld festgestellt, muss die Strafvollstreckungskammer nach 15 Jahren die weitere Mindesthaftdauer festlegen. Auch in diesem Fall kommt der Verurteilte erst dann frei, wenn er nicht mehr als gefährlich gilt - vorausgesetzt, er selbst will freikommen.

Sicherungsverwahrung

Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Gericht neben einer Freiheitsstrafe anschließende Sicherungsverwahrung anordnen. Sie kommt sowohl bei lebenslangem als auch bei kürzerem Freiheitsentzug in Betracht. Dies dient allein dem Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Tätern. Sicherungsverwahrte müssen getrennt von den Gefangenen untergebracht werden. Sie haben bessere Alltagsbedingungen und werden intensiv betreut. Es wird regelmäßig geprüft, ob die Unterbringung noch erforderlich ist.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe wirkt eigentlich überflüssig. Denn solange der Täter gefährlich ist, muss er im Gefängnis bleiben. Und ist er nicht mehr gefährlich, kommt er nicht in Sicherungsverwahrung, sondern nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung frei. Die Entscheidung ist trotzdem nicht sinnlos: Dem Täter muss dann schon im Gefängnis eine umfassende therapeutische Betreuung angeboten werden. Außerdem kann er nach seiner möglichen Entlassung länger und intensiver überwacht werden.

Sonderfall bei Heranwachsenden

Wer bei einer Straftat schon volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt war, muss sich als sogenannter Heranwachsender in einem Jugendstrafverfahren verantworten. Stellt das Gericht fest, dass der Täter in seiner Entwicklung einem Jugendlichen gleichstand, kann es höchstens zehn Jahre Jugendstrafe verhängen, bei einem Mord und besonders schwerer Schuld bis zu 15 Jahre. Wenn die Richter keine Reifeverzögerung sehen, wenden sie normales Erwachsenenstrafrecht an. Selbst dann dürfen sie den Täter bei Mord statt zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu zehn bis fünfzehn Jahren verurteilen. Sicherungsverwahrung darf bei Heranwachsenden nicht neben der Strafe angeordnet werden, dass Gericht darf sich diese lediglich „vorbehalten“. Die eigentliche Entscheidung wird dann erst kurz vor Ende des Strafvollzugs getroffen.

Seine beiden Mordkomplizen bleiben während des Verfahrens dagegen weitgehend ruhig. Das Gericht verurteilt beide Männer aus Polen wegen Mordes und besonders schweren Raubes zu lebenslangen Haftstrafen. Im Fall eines 25-Jährigen sah das Gericht die besondere Schwere der Schuld - bei einem 34-jährigen Mittäter wertete die Kammer dagegen vor allem dessen Geständnis strafmildernd.

Das Trio hatte im Februar 2017 die 77 Jahre alte Waltraud K.* in einem Haus in Höfen ausgeraubt und fast umgebracht sowie zwei Besucher der alten Dame äußerst brutal getötet. Die Tat sei der "Alptraum eines jeden von uns", hatte Staatsanwältin Ines Wießner während des Prozesses vorgetragen. Die Verteidiger der Angeklagten hatten jegliche Mordabsichten ihrer Mandanten unisono zurückgewiesen. Man habe nur geplant, einzubrechen. Die Tat sei "aus dem Ruder gelaufen", sagte ein Verteidiger.

In seiner Brutalität "einzigartiges Verbrechen"

Malgorzata L., die Schwester von Robert P., muss wegen Raubes acht Jahre hinter Gittern. Die 50-Jährige hatte Waltraud K.s Mann in dem Haus in Höfen gepflegt, 2016 starb er.

In den Monaten, die sie in dem idyllisch gelegenen Haus zubrachte, merkte Malgorzata L. bald, dass es dort viel Geld zu holen gab. Mit ihrem Bruder, ihrem Sohn, 25, und dem 34-jährigen Bekannten heckte sie deshalb den Überfall aus, so die Überzeugung des Gerichts.

Die Kammer geht davon aus, dass Malgorzata L. zumindest einkalkulierte, ihre Komplizen könnten bei dem Einbruch auch Gewalt anwenden. Doch was in jener Februarnacht 2017 geschah, war weit schlimmer, als es die Pflegerin sich offenbar vorstellen konnte. Die örtliche Polizei sprach später von einem in seiner Brutalität in der Region "einzigartigen Verbrechen".

Das Trio stürmte in Waltraud K.s Schlafzimmer. Einer der Eindringlinge setzte sich auf die alte Frau, die sich mehrere Rippen brach. Dann schlugen die Täter mit den Fäusten auf den Kopf des Opfers ein, stießen mit dem Schraubenzieher durch die Kopfhaut. Dabei erlitt die Frau lebensgefährliche Verletzungen. Irgendwann wurde sie bewusstlos.

Gold und Zehntausende Euro Bargeld geraubt

Die Rentnerin wurde mit einem Abschleppseil gefesselt. Die beiden Gäste der alten Dame hatten sich aufgeschreckt durch den Lärm in ihrem Zimmer eingesperrt. Einer der Einbrecher brach die Tür mit der Schulter auf. Mit einer schweren Taschenlampe und anderen Gegenständen soll das Trio auf die beiden Senioren eingeprügelt haben.

Den Ermittlern zufolge schleifte man anschließend die blutüberströmten Körper ins Kellergeschoss. Um an den Schlüssel für den Safe zu gelangen, sollen die Gewalttäter einen 81 Jahre alten Gast noch gequält haben. Letztlich mussten sie den Tresor jedoch aufbrechen, um an Gold und mehrere zehntausend Euro Bargeld zu gelangen.

Waltraud K.. wurde einige Tage später lebensgefährlich verletzt aufgefunden, ein Nachbar hatte sich Sorgen gemacht. Für ihre Besucher kam jedoch jede Hilfe zu spät. Der Verdacht fiel schnell auf die frühere Pflegekraft. Die polnische Polizei nahm sie und das Mördertrio 2017 fest.

Bis heute leidet Waltraud K. massiv unter den Folgen der Tat. "Der Schwindel ist ganz schlimm. Ich kann oft nicht alleine gehen", sagte sie fast eineinhalb Jahre nach der Tat. Natürlich leide sie psychisch massiv unter dem Angriff, berichtete die Rentnerin, als sie vor einigen Wochen per Videoschalte dem Gericht Auskunft gab.

Malgorzata L. hatte sich kurz vor Ende des Verfahrens entschuldigt - sie habe das Vertrauen missbraucht, das andere in sie gesetzt hätten. Waltraud K. hätte dafür beinahe mit dem Leben bezahlt.


* Name geändert



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