Letzte Worte der Angeklagten im Höxter-Prozess "Ich hatte nichts zu melden"

Kurz vor dem Urteil im Prozess zum "Horrorhaus von Höxter" breitet die Angeklagte Angelika W. noch mal ihr Leben als Opfer aus. Für die Zuhörer ist der Auftritt befremdlich, für die Nebenkläger unerträglich.

Angelika W. im Landgericht Paderborn (Archivfoto)
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Angelika W. im Landgericht Paderborn (Archivfoto)

Von , Paderborn


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Fast anderthalb Stunden lang hat Angelika W. schon ohne Punkt und Komma gesprochen, es ist der 59. Verhandlungstag im Prozess um die tödlichen Quälereien in einem Haus in Höxter-Bosseborn. Bald soll das Urteil fallen, doch zuvor steht den Angeklagten das letzte Wort zu.

Die meisten letzten Worte fallen kurz aus. Angelika W. setzt zu einem letzten Wortschwall an: "Ich habe 15 Seiten Stichpunkte mitgebacht." Was folgt, ist ein Lamento über ihr schweres Leben mit Wilfried W., ihrem Ex-Mann. Kein Wort des Bedauerns über die tote Susanne F. und über Anika W., die Angelika W. nach eigenem Bekunden schlug, verbrühte und am Heizkörper ankettete. Deren Leiche sie einfror, zersägte, im Ofen verbrannte und ihre Asche auf der Straße verstreute.

Über Jahre lockten Angelika und Wilfried W. Frauen in ihr Haus, überzogen sie mit Psychoterror und quälten sie nach einem perfiden System von Strafe und Gehorsam. Zwei der Frauen starben, Wilfried und Angelika W. halfen ihnen nicht. Die Anklage lautet auf Mord durch Unterlassen. Nach dem Willen des Staatsanwalts sollen beide lebenslang hinter Gitter - Angelika W. ins Gefängnis, Wilfried W. in die Psychiatrie.

"Ich hatte nichts Schönes mehr"

Von Anfang an hatte die Frage im Raum gestanden, wer die treibende Kraft hinter den Quälereien war. Eine psychiatrische Gutachterin hatte Angelika W. als dominante, überdurchschnittlich intelligente Persönlichkeit beschrieben, Wilfried W. hingegen als geistig minderbemittelten Partner, unfähig, sich gegen seine herrische Ex-Frau durchzusetzen.

Angelika W. gibt sich alle Mühe, dieses Bild zu zerstören. Punkt für Punkt arbeitet sie sich an ihrer Ehehölle ab: Zu Anfang habe die Beziehung funktioniert. Wilfried W. habe eigens für sie ein Feuerwerk abgebrannt. Doch nach und nach habe er ihr alles genommen: "Mein Geld, meine Arbeit, meinen eigenen Willen... Ich hatte nichts Schönes mehr." Er habe sie brutal misshandelt, ihr Kiefer und Nase gebrochen, sie nicht zum Zahnarzt gehen lassen.

Unter "Meine Ängste", zählt Angelika W. auf: "Angst vor der Todesangst, Angst, meine Aufgaben nicht zu schaffen, Angst, Wilfried zu verlieren. Angst, dass er mich vergisst. Angst, dass er mich mal aus Versehen umbringt. Angst, dass ich mir bei der Vielweiberei 'ne Krankheit hole." Alles habe sie getan, um ihn zufriedenzustellen. Zu Beginn ihrer Beziehung habe sie ihre geliebte Katze in den Trockner gesteckt, einen Rottweiler erwürgt, "alles, um ihm zu beweisen: Ich kneife nicht."

"Dass das als Mord angeklagt wird, hätte ich nie gedacht"

Wilfried habe sie immer auf Trab gehalten. Ruhe habe er ihr nur gelassen, wenn eine andere Frau im Haus war. Deswegen habe sie gewollt, dass die Frauen blieben. Und sich Strafen für sie ausgedacht, wenn sie vergaßen, Wilfried den Tee hinzustellen oder eine falsche Antwort gaben: Schlagen, Verbrühen, Haare scheren, nicht aufs Klo gehen lassen... "Ich wollte sie erziehen", beteuert Angelika W. Nie habe sie geglaubt, dass alles so enden werde: "Dass das als Mord angeklagt wird, hätte ich nie gedacht. Ich habe nie vorgehabt, dass jemand stirbt."

Das alles habe nur geschehen können, weil Wilfried alles in ihrem Leben bestimmt habe. "Was ich esse, wann ich mit wem zu telefonieren hatte, wie lange ich meine Mutter besuchen durfte, ob und wann die Hühnereier verkauft wurden, ob ich das Kind abtreibe, wann ich den Müll rausstelle. Er wollte die Zeiten bestimmen, wann ich Anika zerlegte und in den Ofen tat. Ich hatte nichts zu melden."

Wilfried W. ist aufgebracht, flüstert mit seinem Verteidiger, macht sich Notizen. Kopfschütteln im Saal über so viel Selbstmitleid. Angelika W.s Verteidiger Peter Wüller sitzt mit starrem Blick und mahlendem Kiefer neben seiner Mandantin, machtlos. Ihr nächster Stichpunkt: "Namen, mit denen Wilfried mich belegt hat: Trampelmonster, Klotz am Bein, Sadistenschwein, Moppel, Stoppelhopser..."

Nebenklägerin verlässt den Saal

Um 10.45 Uhr kreist Angelika W. noch immer um das eigene Leid. Da hat Anika W.s Mutter, Nebenklägerin in dem Verfahren, genug. Schweigend steht sie auf und verlässt gemeinsam mit den drei Anwälten der Opfer-Angehörigen den Saal.

Angelika W. schaut nicht hin, redet einfach weiter, den Blick fest auf den Vorsitzenden Bernd Emminghaus gerichtet. "Frau W.", unterbricht der sie, "Sie haben jetzt schon ziemlich lange geredet, ich glaube, wir machen mal eine Pause." Nach einer halben Stunde strömt das Publikum wieder in den Saal. Offenbar hat Verteidiger Wüller die Zeit genutzt: Drei Punkte hakt Angelika W. noch ab, in resigniertem Ton. Dann blättert sie in ihren Stichpunktzetteln zum Schluss: Ein gerechtes Urteil könne es nicht geben.

"Zwei Menschen sind tot, das ist unentschuldbar. Aber zu sagen, ich hätte kein Mitleid, wäre falsch. Ich kann einfach keins empfinden." Das habe die Gutachterin ganz richtig festgestellt. Der Mutter der toten Anika - "schade, jetzt ist sie schon weg" - hätte sie gern gesagt, dass es ihr leid tue und dass sie wünschte, sie könne alles ungeschehen machen.

Angelika W. entschuldigt sich beim Vorsitzenden dafür, ihm in den vergangenen zwei Jahren wiederholt ins Wort gefallen zu sein. Bei Christel und Kati, zwei Opfern, die das Haus in Bosseborn lebend verließen, für Brutalitäten und Beleidigungen.

Im Video: Die Morde von Höxter (SPIEGEL TV vom 8.5.2016)

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Dann der Dank, an Mutter und Schwester, an die Gutachterin, an die Verteidiger, an Polizei und Beamte der Justizvollzugsanstalt, ans Gericht. "Sie werden mir alle unvergessen bleiben."

In die Stille hinein macht sich Wilfried W. mit heftigem Winken beim Vorsitzenden bemerkbar. Sein Verteidiger Detlev Binder erhält noch mal das Wort. Vor ein paar Tagen, so trägt er für seinen Mandanten vor, seien Angelika und Wilfried W. im gleichen Gefangenentransport zum Gericht gebracht worden.

Es habe in einem unbeaufsichtigten Moment eine Gelegenheit zum Gespräch gegeben, Wilfried habe notiert, was Angelika zu ihm gesagt habe: "Ich vermisse Dich. Tut mir leid, dass ich Dich beim letzten Wort schlecht machen muss. Das muss ich machen, damit ich weniger Strafe bekomme."

Am 5. Oktober soll Wilfried W. seine letzten Worte sprechen. Noch am gleichen Tag könnte das Urteil fallen.


Zusammengefasst: Im Prozess zum "Horrorhaus von Höxter" hat die Angeklagte Angelika W. ihre letzten Worte gesprochen. In ihren mehrstündigen Ausführungen beschrieb sie sich als Opfer ihres Ex-Mannes Wilfried W., des zweiten Angeklagten in dem Fall. Aus Protest verließen Nebenkläger den Saal. Vor dem für den 5. Oktober geplanten Urteil stehen in dem Verfahren nur noch Wilfried W.s letzte Worte aus.

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