Getötete Frauen in Höxter Das Haus der Qualen

Sie war ihm angeblich hörig und quälte auf seinen Befehl andere Frauen: In Höxter soll ein Paar eine 33-Jährige und eine 41-Jährige getötet haben. Wie kam es zu den fatalen Dreiecksbeziehungen?

Hof in Höxter
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Hof in Höxter

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Erfahrene Polizisten sollen ziemlich mitgenommen sein, der Leiter der Mordkommission spricht von "Abgründen, die sich auftaten": Zwei Frauen wurden auf einem Gehöft in Höxter brutal misshandelt und starben, einige weitere könnten ebenfalls über Wochen gequält worden sein.

Die Rede ist von Schlägen, Tritten, büschelweise ausgerissenen Haaren, Fesselungen, über Nacht, an der Heizung oder in der Badewanne.

Wer tut so etwas?

Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen der 46-jährige Wilfried W. und seine ein Jahr ältere Ex-Frau Angelika W. Gemeinsam sollen sie die Taten geplant und begangen haben. Um sexuellen Missbrauch ging es Ermittlern zufolge dabei wohl weniger.

Sexualität habe in dem Haus eine untergeordnete Rolle gespielt, sagt Oberstaatsanwalt Ralf Meyer zu SPIEGEL ONLINE. Es ging wohl eher um sadistische Machtspiele, um rohe Gewalt.

Zentrale Erkenntnisse der Ermittler stützen sich auf die Aussage von Angelika W. Die 47-Jährige, eine gelernte Gärtnerin aus Herford, war vermutlich abhängig von Wilfried W. Sie sei selbst von ihm misshandelt worden, sagte sie aus, aber bei ihm geblieben, weil sie ihm hörig gewesen sei. Meist sei sie es gewesen, die den Frauen Schmerzen zufügte, wenn sie nicht spurten - aber auf seinen Befehl hin. Das Wort des Mannes sei Gesetz gewesen, so die Ermittler.

Annoncen in ganz Deutschland - und Tschechien

Wilfried W. bestreitet die Vorwürfe, er schiebt die Schuld auf seine Ex-Frau. Ein Psychiater soll nun beide begutachten. "Wir gehen aber nicht davon aus, dass sie schuldunfähig sind", sagt Oberstaatsanwalt Meyer. Auch seien beide bislang noch nie in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung gewesen.

Wilfried W. war bereits 1995 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, weil er seine damalige Partnerin mehrfach gefoltert hatte - schon damals unter Beteiligung einer Komplizin. Vor Gericht hatte er als Beruf Hundeführer angegeben.

Kaum aus der Haft entlassen, lernte der gebürtige Bochumer 1999 die jetzt beschuldigte Angelika W. kennen, schon wenige Wochen später heiratete das Paar. Was in den folgenden Jahren geschah, ist noch weitgehend unbekannt, da sich die Ermittler laut Oberstaatsanwalt Meyer derzeit nur schrittweise in die Vergangenheit vorarbeiten.

Im Video: Grausame Details im Fall Höxter

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Möglicherweise begann für das Paar aber schon damals jenes Leben, das sie den Ermittlungen zufolge seit mindestens fünf Jahren führten: Wilfried W. schaltete demnach in ganz Deutschland und sogar in Tschechien Kontaktanzeigen, um Frauen zu sich zu locken.

Das Paar wohnte in mehreren Orten Ostwestfalens, bis es vor etwa fünf Jahren ein weißverputztes Gehöft in Höxters 500-Einwohner-Stadtteil Bosseborn mietete. Dort lebten Wilfried W. und Angelika W. laut Oberstaatsanwalt Meyer von Hartz IV, dort sollen sie ihre brutalen "Dreiecksbeziehungen" mit wechselnden Partnerinnen geführt haben - der Tod ihres letzten Opfers führte die Polizei vor einigen Tagen zu ihnen.

Andere Opfer haben die Zeit in dem Haus überlebt. Erst am Dienstag vernahmen die Ermittler eine Frau aus dem Großraum Berlin, die ihren mutmaßlichen Peinigern in Höxter entkommen war. "Wir können auch nicht völlig ausschließen, dass möglicherweise dort noch eine andere Frau gestorben ist", sagt Mordkommissionsleiter Ralf Östermann. Konkrete Hinweise auf weitere Todesopfer gibt es derzeit aber nicht.

Mordermittler Östermann, Oberstaatsanwalt Meyer
DPA

Mordermittler Östermann, Oberstaatsanwalt Meyer

Das Leben in dem Haus bestand offenbar aus einem Wechsel von unauffälligem Alltag und Gewaltausbrüchen. "Die gingen auch einkaufen und führten das ganz normale Leben eines Hartz-IV-Empfängers", sagt Meyer, "allerdings lebten sie ziemlich abgeschottet." Vieles in dem Haus habe sich nachts abgespielt.

Nachdem einer Frau büschelweise Haare ausgerissen wurden, sollen die Verdächtigen ihr den Kopf komplett rasiert haben, um die Misshandlung zu kaschieren.

Nachbarn hatten das Paar mit fremden Frauen im Dorf gesehen. Eine Flucht sei aber unmöglich gewesen, sagt Oberstaatsanwalt Meyer. "Auch wenn sie mal nach draußen gingen, standen sie unter ständiger Kontrolle."

Ein Wendepunkt in der Beziehung des Paars scheint das Jahr 2013 gewesen zu sein. Binnen weniger Monate ließ sich Wilfried W. scheiden, lernte über eine Annonce Annika W. kennen, holte die 33-Jährige in das Haus in Höxter und heiratete sie.

Leiche eingefroren, zerstückelt und verbrannt

Daraufhin sollen er und Angelika W. die junge Frau aus Niedersachsen so sehr malträtiert haben, dass sie im August 2014 starb. Die beiden froren ihre Leiche in einer Tiefkühltruhe ein, zerstückelten und verbrannten sie im Kamin des Wohnzimmers, dann verteilten sie die Asche im Umland - so sagte es zumindest Angelika W. aus. Beweise dafür hat die Spurensicherung noch nicht gefunden. Aber auch hier passt das Geständnis zu Schilderungen von Nachbarn, die im fraglichen Zeitraum eine Frau bei dem Paar gesehen haben wollen, die dann plötzlich verschwunden sein soll.

Die mutmaßlichen Täter gingen offenbar planvoll vor. So sollen sie nach dem Tod von Annika W. Kurznachrichten an deren Mutter geschickt und damit Lebenszeichen vorgetäuscht haben. Außerdem meldeten sie die Frau laut den Ermittlern mit dem Hinweis "in die Niederlande/Amsterdam verzogen" beim Einwohnermeldeamt ab; die Mutter habe erst jetzt vom Tod ihrer Tochter erfahren.

Das Haus in Höxter wird nun Zentimeter für Zentimeter nach etwaigen Spuren weiterer Opfer durchsucht, das Paar sitzt derweil in Untersuchungshaft. Wie auch immer das Verfahren ausgehen wird, auf ihren Hof in Höxter werden Wilfried W. und Angelika W. nicht mehr zurückkehren: Den hatte das kinderlose Duo eigentlich kaufen wollen, so Oberstaatsanwalt Meyer: "Aber daraus wird jetzt aus nachvollziehbaren Gründen nichts mehr."

Mit Material von dpa

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