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Prozess gegen Amische: Hohe Haftstrafen für Bartklau

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Die Amischen: Geschichte eines nächtlichen Bartraubs Fotos
AP

Verurteilt wurden sie bereits vor fünf Monaten, nun haben 16 Mitglieder einer Splittergruppe der Amisch-Sekte auch die Höhe ihrer Strafen erfahren. Dass sie Glaubensbrüder überfielen und mit Gewalt rasierten, wertete das Gericht als "Hassverbrechen". Entsprechend fielen die Urteile aus.

Cleveland/Hamburg - Der Anführer einer Splittergruppe der Amisch-Sekte, die für die gewaltsame Rasur von Glaubensbrüdern verantwortlich war, wurde zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt. Ein Gericht in Cleveland verurteilte zudem 15 seiner Anhänger von Samuel Mullet zu Haftstrafen zwischen einem und sieben Jahren. Die zehn Männer und sechs Frauen waren bereits im vergangenen September schuldig gesprochen worden.

"Jeder einzelne von Ihnen hat mehr gemacht, als nur die Opfer zu terrorisieren, zu traumatisieren und zu entstellen", sagte Richter Dan Aaron Polster laut der Tageszeitung "Cleveland Plain Dealer": "Sie haben auf der Verfassung herumgetrampelt." Zuvor hatte Mullets Anwalt das Gericht noch um Gnade gebeten.

Eigentlich sollten Amischen Konzepte wie Gewalt und Rache wesensfremd sein. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen sie fast synonym für eine archaische, streng pazifistisch geprägte Form des Christentums. Sie beteiligen sich nicht an den Querelen der Welt, schotten sich ab von "neuen" Errungenschaften wie Elektrizität oder Massenmedien. Stattdessen leben sie in eng definierten Gemeinden, zwar verteilt über 16 US-Bundesstaaten, aber letztlich konzentriert in einigen wenigen Bezirken von Ohio, Pennsylvania, Indiana, Wisconsin und Michigan nahezu abgeschottet unter sich - auf Inseln des Gestern in der modernen Welt.

Doch auch dieses freundlich-kauzige Image hat durch die Bartattacken und den anschließenden Prozess Risse bekommen. Längst nicht alle Amische leben so streng wie angenommen, einige Gemeinden erlauben von anderen verpönte Modernitäten.

Kaum überraschend gibt es darum auch unter Amischen Dispute, und in diesem Fall sogar gewalttätige: Im Herbst 2011 schickte Samuel Mullet Sr., Vorsteher einer als extrem fundamentalistisch geltenden Amisch-Splittergruppe, Angehörige seiner Gemeinde hinaus, um andere Amische, die Mullet als Gegner sah, zu bestrafen. Mullet selbst soll das strenge Regiment über seine Gemeinde in den vergangenen Jahren in sektenhaft-exzessiver Weise ausgebaut haben.

Der Mullet-Gemeinde wird nicht nur nachgesagt, dass dort Prügelstrafen zur Disziplinierung üblich seien. Der autokratisch herrschende Samuel Mullet selbst soll sich gegenüber den Frauen der Gemeinde auch sexuelle Privilegien herausgenommen haben - begründet damit, sie so "vom Teufel reinigen" zu wollen. Die Gemeinde selbst bestreitet das.

Mit Bartklau Reife und Würde genommen

Unbestritten ist hingegen, dass Mullets Wort für die Gemeindemitglieder Gesetz war und ist. Fünfmal überfielen die von Mullet entsandten fundamentalistischen Rächer ihre nichts ahnenden Opfer in ihren Häusern, schoren ihnen die Haare ab und rasierten den Männern die Bärte. Es wurde weltweit berichtet, weil es so unglaublich skurril wirkte.

Für die Betroffenen war es das ganz und gar nicht, sondern ein beispielloser Gewaltakt. Auch das Gericht in Cleveland, Ohio, folgte dieser Argumentation: Die Haartracht der Frauen und die Bärte der Männer haben für die Amischen eine ganz besondere Wichtigkeit. Einen erwachsenen Mann zu rasieren bedeutet, ihm das Zeichen seiner Reife und Würde zu nehmen. Einer Frau den Kopf zu scheren, bedeutet, sie zu entehren.

Die Staatsanwaltschaft sah in den Attacken darum kapitale Vergehen: Anklage erhoben wurde im August 2012 wegen einer Entführung, wegen religiös motivierter "Hassverbrechen" mit Körperverletzung, Beweismittelvernichtung und Verabredung zu kriminellen Taten. Im Monat darauf erging das Urteil gegen die 16 Angeklagten. Sie wurden schuldig gesprochen. Zehn Männer wurden bis zur Urteilsverkündigung in Haft genommen, sechs Frauen gegen Kaution zunächst entlassen.

Mit der Findung des rechten Strafmaßes ließ sich das Gericht danach reichlich Zeit. Die Staatsanwaltschaft hatte für die Täter der Attacken bis zu zehn Jahre Haft gefordert, für den Drahtzieher aber, den selbsternannten Bischof Samuel Mullet Sr., forderte sie lebenslänglich.

"Bösartige, gefährliche Person"

Es gibt nicht wenige Amische, die sich dem anschlossen. Vierzehn Zeugen wandten sich teils in Briefen, teils auch mit öffentlichen Statements an das Gericht. Sie baten um harte Strafen, vor allem für Samuel Mullet, vor dem etliche noch immer gehörige Angst zu haben scheinen. Mullet sei eine "bösartige, gefährliche Person", man habe Angst um die Sicherheit der eigenen Kinder.

Myron Miller, eines der Opfer der Rasur-Attacken, machte in der "New York Times" klar, dass er "diese Leute hinter Gittern" sehen wolle. Seine Frau Arlene bezeichnete die Mullet-Gemeinde öffentlich als "Kult". Mullet habe seinen Gemeindemitgliedern das Hirn gewaschen, sie manipuliert. Deshalb sollten die eigentlichen Täter kürzere Haftstrafen bekommen können, wenn sie sich einverstanden erklärten, sich therapieren zu lassen. Ungewöhnliche Worte: Normalerweise verzichten Amische auf die weltliche Gerichtsbarkeit und regeln ihre Konflikte unter sich.

Die Betroffenen und ihre Familien baten derweil um Milde. Über 50 Amisch-Kinder, berichteten US-Medien im Vorfeld des Urteils, müssten sonst bald auf ein oder mehrere Elternteile verzichten, die Mullet-Gemeinde sei mit der Aufgabe, sie alle angemessen zu betreuen, möglicherweise überfordert.

Sollten auch Behörden zu diesem Schluss kommen, könnten die Urteile von Cleveland noch ein Nachspiel haben, das zu einer Deeskalation der Situation zwischen der Mullet-Gemeinde und den Amischen im Bergholz-Bezirk kaum beitragen dürfte: Als eine der wenigen nachvollziehbaren Wurzeln des sich über Jahre aufschaukelnden Konflikts zwischen Mullet und anderen Gemeindevorstehern identifizierte das Gericht einen Sorgerechtsstreit zwischen Mullet und einer seiner Töchter. Als Resultat dieses Verfahrens hatten die Behörden Mullet zwei seiner Enkel entzogen.

Mehrere seiner wohl mehr als 17 Kinder, die er mit mehreren Frauen seiner Gemeinde gezeugt hat, hatten sich in den vergangenen Jahren aus der Gemeinde abgesetzt. Darunter auch sein Sohn Bill, der in einer Nachbargemeinde, bei Bischof Myron Miller, Unterschlupf fand - die Bartattacke gegen ihn entpuppte sich so als ganz profane Straf- oder Racheaktion. Das Gericht erkannte darin niedere Motive.

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1. Erfahrungsbericht
Hans_Mustafa_Schimanski 08.02.2013
Ich bin selbst mit den Amisch betraut und bekannt. Harbe vor längerer Zeit einige in den Staaten besucht und den Lebens-Stil mit gepflegt. Die besonnene Lebendsweise sollte ein Vorbildt für die restliche Gesellschaft sein. Ich selbst pflege hierzulande einen ähnlichen Lebens-Stil, wenn auch weitauz weltlicher geprächt. Die Strarfen halte ich für jerechtferticht.
2. unjerechtferticht.
motorholer 08.02.2013
typisch amerikanisch...eine unverhältnismäßig drakonische strafe...es wurden hier - ganz klar zu verurteilen, damit keine mißverständnisse aufkommen- Bärte, die nachwachsen!, abgeschnitten... hier hätte es dafür vielleicht max. 6 monate auf bewährung gegeben...hätten es 1 jahr ohne bewährung nicht auch getan? 15 (sic!) jahre für einen bartabschnitt...da stimmt doch was nicht...
3.
campl3r 08.02.2013
Zitat von motorholertypisch amerikanisch...eine unverhältnismäßig drakonische strafe...es wurden hier - ganz klar zu verurteilen, damit keine mißverständnisse aufkommen- Bärte, die nachwachsen!, abgeschnitten... hier hätte es dafür vielleicht max. 6 monate auf bewährung gegeben...hätten es 1 jahr ohne bewährung nicht auch getan? 15 (sic!) jahre für einen bartabschnitt...da stimmt doch was nicht...
es wurden eben nicht nur irgendwelche Bärte abgeschnitten, es wurden systematisch Hassverbrechen begangen.
4. Wie kaputt ist diese Welt???
kamaloka 08.02.2013
Von mir aus soll doch jeder seinen religiösen Irrsinn ausleben wie er will (solange es niemand anderem schadet), aber dass dieses absurde Strafmaß durch die individuellen Befindlichkeiten gerechtfertigt wird, ist mit einem modernen Rechtsverständnis überhaupt nicht vereinbar. USA - ihr seid echt krank! Konsequenterweise müsste die Todesstrafe folgen, wenn man einem Vegetarier ein Stück Fleisch unterjubelt...
5. Vorsicht, Fangfrage
KnoKo 08.02.2013
Zitat von campl3res wurden eben nicht nur irgendwelche Bärte abgeschnitten, es wurden systematisch Hassverbrechen begangen.
Geben Sie mir doch mal die Definition von "Hassverbrechen".
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Die Amish
Die Wurzeln der fundamentalchristlichen Sekte
Die Bezeichnung Amish geht auf Jakob Amman zurück, einen Gemeindevorsteher, dem die Regeln und Bibel-Auslegungen der meisten Mennoniten-Gemeinden nicht streng genug waren. Die Glaubensgemeinschaft entstand 1693 als Abspaltung von den Mennoniten, beide haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung. Sie sind eine streng christliche Glaubensrichtung, bilden aber keine formelle Kirche: Die Gemeinden sind autonom und definieren ihre Regeln grundsätzlich selbst - es gibt darum zahlreiche kleine Unterschiede. Die strenggläubigen Amish folgen aber einem Kanon gemeinsamer Grundsätze und werden oft unter dem Begriff Old Order Amish zusammengefasst.
Lebensweise und Kirche
Sie leben nicht in Städten oder Dörfern, sondern in Streugemeinden ohne Zentrum. Jedes Amish-Haus wird für die Gemeinde in einem festgesetzten Turnus zur Kirche, in der der sonntägliche, sich über mehrere Stunden hinziehende Gottesdienst stattfindet. Trotzdem kennt die Glaubensgemeinschaft ein hierarchisch organisiertes Priesteramt: Jedem Distrikt steht ein Bischof vor, der gegenüber einer Reihe von Pfarrern und Diakonen weisungsbefugt ist.
Die Amish in Nordamerika
Ursprünglich in der Schweiz, im Elsass, Lothringen, dem heutigen Saarland und der Pfalz beheimatet, sahen sich die Amish im beginnenden 18. Jahrhundert einer zunehmenden Verfolgung vor allem durch das katholische Frankreich ausgesetzt. Wie viele fundamentalistisch-reformatorische Sekten suchten auch die Amish Zuflucht in Nordamerika.

Dort leben variierenden Schätzungen zufolge rund 250.000 Amish verteilt über 19 US-Bundesstaaten und Kanada, vor allem in ländlichen Kleingemeinden. Ihre Sprache beruht auf dem sogenannten Pennsylvania Dutch, das heute aber nur noch selten in Reinform gesprochen wird - vor allem in den letzten Jahrzehnten kam es zu einem vermehrten Import englischen Vokabulars.

Die meisten Amish pflegen zwar eine Lebensweise, die der vergangener Jahrhunderte ähnelt, sind jedoch wohl keine bedrohte Kultur: Mit einem Bevölkerungswachstum von sechs Prozent gehören sie in den USA zu den schnellstwachsenden Bevölkerungsgruppen.

Rumspringa: Amish wird man erst als Erwachsener
Junge Amish werden vor ihrer im Erwachsenenalter erfolgenden Taufe vor die Wahl gestellt, ob sie der Gemeinschaft weiter angehören wollen: Dem geht eine Rumspringa genannte Zeit voraus, in der sie sich in der Welt umsehen sollen. Wer sich für die Gemeinschaft entscheidet, unterwirft sich damit einem strengen, religiös begründeten Regelwerk (der "Ordnung"), das vom Geschlechterverhältnis über Verhaltensweisen bis zur äußeren Erscheinung alle Bereiche des Lebens umfasst.
Die Sache mit den Bärten: sichtbarer Ausdruck der "Ordnung"
Dazu gehört auch die eigentümliche Barttracht der Männer: Das Vorderkinn und die Oberlippe werden rasiert, junge Männer tragen den übrigen Bart gestutzt. Nach der Heirat wird der Bart - so wie die Haare der Frauen - dagegen nicht mehr geschnitten: Am wild wuchernden Rauschebart erkennt man also ein etabliertes Gemeindemitglied mit eigener Familie. Auch Kleidungsmaterialien und Farben unterliegen Vorschriften, züchtiges Auftreten ist Pflicht, Frauen sind Kopftücher vorgeschrieben, die unter anderem ihren Familienstand signalisieren, und jeglicher Schmuck verboten.
Reibungsflächen: Glauben und Neuzeit
Amish erkennen allein die Bibel als religiöses Buch an, in ihren sozialen Regeln berufen sie sich vor allem auf das Neue Testament und besonders die Bergpredigt. Hier liegt der Grund für ihren kategorischen Pazifismus, Amish lehnen jede Gewalt und jede Form von Kriegsdienst ab.

Grundprinzipien ihres Handels sind Demut, Gelassenheit und die Ächtung jedes Hochmuts: daran machen sich alle sozialen Regeln des "Ordnung" genannten Verhaltenskodex fest. Die Bibel ist ihnen ein wörtlich zu verstehendes Buch. Daraus resultiert auch die Ablehnung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und des allgemeinen Schulwesens: Religiös begründet besuchen die meisten Amish-Kinder keine öffentlichen Schulen, in denen beispielsweise Evolutionslehre unterrichtet wird, sondern werden privat unterrichtet, in der Regel durch unverheiratete junge Frauen.

In vielen Amish-Gemeinden wird die "Ordnung" in den letzten Jahrzehnten weniger streng ausgelegt. Die verstreute Lebensweise bringt eine Vielzahl von Kontakten mit Nicht-Amish-Nachbarn mit sich. Auch wachsender Wohlstand befördert den Trend, etwa technische Hilfsmittel in der Landwirtschaft in Anspruch zu nehmen. Die Amish bieten in dieser Hinsicht kein homogenes Bild mehr: In manchen Gemeinden bewegen sie sich per Fahrrad oder erzeugen sogar selbst Strom, während andere Gemeinden das streng verbieten. Anders als es ihr Image suggeriert, erweisen sich Amish-Gemeinden dabei durchaus als Adaptionsfähig.



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