Von Marc Pitzke, New York
Robert Wagner genießt in den USA gerade so etwas wie ein Mini-Comeback. Im TV-Krimihit "NCIS" spielt der 81-jährige Hollywood-Altstar den zwielichtigen Frauenheld Anthony DiNozzo Senior. In der jüngsten Folge, ausgestrahlt am Dienstag, wurde er verhaftet, nachdem sich in seinem Kofferraum eine Leiche gefunden hatte.
"Die Kunst imitiert das Leben", schrieb der TV-Kritiker Verne Gay ("Newsday") am Freitag über diesen "seltsamen, bizarren, verrückten Zufall". Denn Wagner, deutschen Zuschauern am besten aus dem Achtziger-Jahre-Dauerbrenner "Hart aber herzlich" bekannt, ist auf einmal selbst in einen mysteriösen Todesfall verstrickt. Der ist zwar 30 Jahre alt, doch im Gegensatz zur TV-Serie ziemlich real. Das Opfer: Wagners damalige Ehefrau Natalie Wood.
Wood war eine Hollywood-Legende, spielte in Klassikern wie "West Side Story" oder "...denn sie wissen nicht, was sie tun". Am 29. November 1981, im Alter von 43 Jahren, ertrank sie vor der Küste Kaliforniens. Sie war nachts von Bord ihrer Luxusyacht "Splendour" (zu deutsch: Pracht) verschwunden, mit der sie, Wagner und Woods Filmpartner Christopher Walken unterwegs waren. Die Polizei fand sie tot im Wasser - und hakte die Sache als Unfall ab.
Trotzdem hielten sich stets hartnäckige Zweifel an der offiziellen Version der Geschichte. Und jetzt, fast genau zum 30. Jahrestag, wird Hollywoods letztes Mysterium tatsächlich wieder aufgerollt.
"Ist Robert Wagner ein Verdächtiger?"
Erste Gerüchte gab es schon am Donnerstag. Am Freitag dann stellt sich Lieutenant John Corina, beim Los Angeles Sheriff's Department für Todesfälle zuständig, vor eine aufgeregte Meute aus Reportern und bestätigt: "Kürzlich haben wir Informationen erhalten, die wir für substantiell genug hielten, dass wir uns diesen Fall noch mal anschauen." Bemerkenswert ist die unverbindliche Formulierung, mit der Corina den Tod Woods umschreibt: "Irgendwie landete Ms. Woods im Wasser und ertrank."
Die erste Frage, die ihm ein Reporter entgegenbrüllt: "Ist Robert Wagner ein Verdächtiger?" Corina verneint - trotzdem steckt Wagner jetzt mittendrin in Gerüchten und Spekulationen.
Es ist der bisher spektakulärste Akt der Tragödie, die Hollywood bis heute umtreibt. Viele Augenzeugen, Hobbydetektive und Journalisten haben darüber schon Bücher geschrieben, investigative Artikel recherchiert und Interviews gegeben. Doch Klarheit haben sie bisher nicht in die Ereignisse der Todesnacht gebracht.
Am Freitag erschien das Magazin "Vanity Fair" mit einer Sonderausgabe - darin ein Nachdruck eines alten Artikels über "Natalie Woods tödliche Fahrt". Das Heft ist lange geplant - ebenso wie das begleitende TV-Special, das am Samstagabend auf CBS laufen soll. Bessere Werbung hätten sich die Medienleute nicht denken können.
Ein Zufall ist das Zusammentreffen der Ereignisse nicht. Die Hauptquelle all dieser Enthüllungen war stets dieselbe: Dennis Davern, der einstige Kapitän der "Splendour". Über die Jahre hat Davern oft widersprüchliche Darstellungen verbreitet, zuletzt 2009 in einem Buch. Doch dabei schien er stets das Wichtigste zu verschweigen. Am Freitag erhob er die bisher klarsten Vorwürfe: "War es der Streit zwischen Natalie Wood und ihrem Mann Robert Wagner, der letztlich zu ihrem Tod führte?", fragte ihn NBC-Moderator David Gregory. Antwort: "Ja."
Fest steht: Woods und Wagner hatten eine stürmische Beziehung. Sie hatten sich 1956 kennengelernt, kurz nach Woods Durchbruch an der Seite von James Dean in "...denn sie wissen nicht, was sie tun". Der Ex-Kinderstar war mit 18 schon einer der Top-Namen Hollywoods. Wagner, "R.J." genannt, war 26 und galt als Frauenschwarm, aber B-Liste.
Wenige Monate später heirateten die beiden - an Bord einer Yacht, auf der sie dann auch ihre Flitterwochen verbrachten. Trotz Woods Angst vor Wasser befand sich das Paar häufig auf hoher See. Einmal ging ihr Boot bei einem Sturm fast unter, ein anderes Mal geriet Wood bei Dreharbeiten an einem Stausee in Panik, als sie einen Selbstmordversuch spielen sollte. Es wurde eine ihrer besten Szenen.
Wood hatte eine Affäre mit Frauenschwarm Warren Beatty
Trotz ihres Erfolgs war Wood unsicher, depressiv und später wohl auch alkoholkrank. Wagner war seinerseits eifersüchtig auf die Karriere seiner Frau. Die stand 1961 für das Drama "Fieber im Blut" vor der Kamera, mit dem Filmneuling und notorischen Frauenhelden Warren Beatty. Sie begannen eine Affäre - die Ehe mit Wagner ging darüber in die Brüche.
Die Beziehung zu Beatty hielt nicht lange. 1966 versuchte Wood, sich umzubringen. Auch ihre nächste Ehe endete in Scheidung. Dann lief sie wieder Wagner über den Weg, ebenfalls frisch geschieden. 1972 heiratete das Traumpaar zum zweiten Mal - erneut an Bord einer Yacht.
Doch ihr Glück währte abermals nicht lange. Die Karrierewege der beiden Schauspieler hatten sich umgedreht: Wood war als "altes Hollywood" nicht mehr gefragt - während Wagner mit TV-Serien einen zweiten Frühling feierte. "Hart aber herzlich", sein größter Hit, hatte im August 1979 Premiere.
Es herrschten offenbar spürbare Spannungen, als das Paar zum Thanksgiving-Wochenende 1981 in See stach. Wood lud den damals 29-jährigen Oscar-Preisträger Walken ein, zu jener Zeit ihr Co-Star in "Projekt Brainstorm".
Sie segelten nach Catalina, einer Promi-Insel vor Los Angeles. Es war eine regnerische Nacht. Alle Beteiligten tranken nach Angaben von Augenzeugen viel, an Land und an Bord. Wood habe ganz offen mit Walken geflirtet.
Was dann geschah, darüber streiten sich die Gemüter. "R.J. wurde wütend", erinnerte sich Kapitän Davern schon 2000 in "Vanity Fair". Es habe heftige, lautstarke Auseinandersetzungen gegeben. "Willst du meine Frau ficken?", habe Wagner den vermeintlichen Rivalen angeschrien und eine Weinflasche zerschlagen.
Kratzspuren am Beiboot
Wagner widerspricht dieser Darstellung. "Es gab keinen Streit, keinen Ärger", sagte er schon 1986. "Als ich meine Frau zum letzten Mal sah", schrieb er 2008 in seinen Memoiren, "da machte sie sich gerade vor dem kleinen Spiegel im Badezimmer die Haare fertig." Dann habe sie die Tür geschlossen.
Um 1.30 Uhr ging von der Yacht ein Notruf aus: "Hier ist die 'Splendour', wir brauchen Hilfe." Wood war von Bord verschwunden. Erst am Morgen wurde sie gefunden, auf dem Bauch im Wasser treibend. Sie trug ein Nachthemd, eine Daunenjacke und Wollsocken. Das kleine Beiboot der "Splendour" war nicht weit davon aufgelaufen.
Gerichtsmediziner Thomas Noguchi attestierte Ertrinken durch Unfall. Wood hatte Blutergüsse an Armen und Beinen, eine Hautabschürfung auf der Wange und einen Blutalkoholgehalt von 0,14 Promille. Die Polizei fand an der Seite des Beiboots Kratzspuren von Fingernägeln, als habe Wood versucht, sich aus dem Wasser zu ziehen. Augenzeugen wollten die verzweifelten Hilferufe einer Frau in der Nacht gehört haben.
Wie Wood ins Wasser fiel, blieb jedoch stets ungeklärt. Wagner nährte die Theorie, sie sei bei dem Versuch abgerutscht, das Beiboot festzuzurren. "Warum ist sie nicht einfach zur Yacht zurückgeschwommen?", wunderte sich Noguchi jedoch in seinen eigenen Memoiren.
Kapitän Davern tingelte jahrzehntelang mit seiner Story durchs Land. Voriges Jahr baten er und Woods Schwester Lana die Polizei, neue Ermittlungen anzustellen. Ermittler Corina betonte jetzt, man gehe weiter von einem Unfall aus - "bis wir etwas finden, das dagegenspricht".
"Nur R.J. und Natalie kennen die Wahrheit", sagte Lana Wood auf CNN. "Und nur einer von ihnen kann sprechen." Doch Wagner begnügte sich vorerst mit einer Erklärung seines Sprechers, wonach er die neuen Ermittlungen "voll unterstützt". Christopher Walken heuerte unterdessen einen VIP-Rechtsanwalt an.
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