Holzklotz-Angriff an der A29 Nikolai, Olga und der tödliche Zufall

Olga und Alexander K. zogen aus Kasachstan nach Deutschland - und fanden ihr Glück. Nikolai H. kam aus Kasachstan nach Deutschland - und landete im Elend. Eines Abends im März berührten sich die so ähnlichen Lebenswege der Aussiedler zufällig: Geschichte einer Katastrophe.

Von , Rastede


Rastede - Wahrscheinlichkeitsrechnung kann grausam sein. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein von einer Autobahnbrücke geworfener Gegenstand in einen mit 120 Stundenkilometer dahingleitenden Wagen schlägt, durch die Windschutzscheibe dringt und den Beifahrer trifft und tötet?

Und wie wahrscheinlich ist es, dass Opfer und Täter eines solchen Irrsinns Einwanderer sind, im selben Land geboren, um dann viele Jahre, 5000 Kilometer Luftlinie, fünf Zeitzonen und vier Grenzen später auf unheilvollste Art und Weise aufeinanderzutreffen? Es ist eigentlich unmöglich, möchte man sagen.

Und dennoch ist es geschehen, am Abend des 23. März, gegen 20 Uhr, auf der Autobahn 29 in der Nähe von Oldenburg. Olga und Alexander K. glitten in ihrem BMW, silbermetallic, friedlich durch den Frühlingsabend. Ostersonntag, Kurzurlaub, Heimreise - alles war gut. Alexander, 36, saß am Steuer, seine Frau neben ihm, in die Rückbank drückten sich Jannik, 9, und Lara, 7.

"Was ich nicht konnte, das konnte Olga"

Doch zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg bei Kilometer 42,0 schlug plötzlich ein sechs Kilo schwerer Pappelstamm durch die Scheibe. 24 Zentimeter hoch, 18 Zentimeter dick, die Wucht von zwei Tonnen. Olga K., 33, war sofort tot. Auf grausamste und sinnloseste Weise endete in diesem Augenblick ein Leben, das bis dahin so hoffnungsvoll verlaufen war.

Die Hausfrau war im Mai 1995, so recherchierte es der "Stern", mit ihren Eltern und der fünf Jahre jüngeren Schwester Helena aus der kasachischen Kleinstadt Wannowka nach Deutschland gezogen und hatte in Telgte bei Münster, 19.600 Einwohner, ein neues Zuhause gefunden. Ein halbes Jahr später, es war der 22. Oktober, traf sie den Lkw-Fahrer Alexander, auch er stammte aus Kasachstan. Fünf Jahre zuvor war er mit seinen Eltern und den beiden Schwestern eingewandert.

"Da stand sie, diese gut aussehende junge Dame. So schön geschminkt, mit roten Haaren, und ein so offenes Gesicht", sagte Alexander K. dem "Stern". "Was ich nicht konnte, das konnte Olga. Ihr Mut, ihre Lebensfreude, ihre Zuversicht haben mir immer Kraft gegeben. Sie war mein Motor. Mein Antrieb."

Die beiden ziehen zusammen, heiraten, bekommen einen Sohn und eine Tochter. Alexander arbeitet bei einer Elektrofirma, Olga ist Hausfrau. Ihre Eltern und Geschwister wohnen ganz in der Nähe. Der Familie K. geht es gut und nach allem, was man über ihr Leben weiß, kann man sogar sagen: Sie sind glücklich.

Bis ihr Weg den von Nikolai H., 30, kreuzt.

Auch er stammt aus Kasachstan, nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus der Nähe von Almaty, und ist mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern vor 16 Jahren nach Deutschland gezogen. Seit zehn Jahren lebt die Familie nun im niedersächsischen Rastede, einer Stadt in der Nähe von Oldenburg, ähnlich groß wie Telgte, ebenso idyllisch, ähnlich unaufgeregt und unaufregend.

"Er war halt schon immer ein Penner"

Die Eltern H.'s bringen es, wenn man ihre Lebensumstände und das, was Bekannte von ihnen erzählen, berücksichtigt, zu bescheidenem Wohlstand. Sie leben in einer rot geklinkerten Doppelhaushälfte, ein japanischer Kleinwagen parkt daneben in dem Carport aus hellem Holz, der Vorgarten ist gepflegt und vor der Tür stehen ulkige Tiere aus Ton. "Absolut korrekte Leute" seien die H.s, erzählen junge Russlanddeutsche SPIEGEL ONLINE. Auch die beiden Töchter der Eheleute H. seien inzwischen verheiratet und hätten selbst Kinder.

Nur Nikolai sei schon immer das "schwarze Schaf" der Familie gewesen. "Hart drogenabhängig", wie ein Ermittler sagt, seit vielen Jahren. Er haust in einem heruntergekommenen Bungalow am Rand von Rastede, lebt von Hartz IV. "Den Klauer" nennen ihn seine Nachbarn wenig schmeichelhaft, und tatsächlich ist der Junkie wegen zahlreicher Diebstahlsdelikte polizeibekannt. Am Schuppen vor seiner Wohnung lehnt ein Trekkingrad, die Kette ist verrostet, ein Schloss hat es nicht.

"Er hat mal gesagt: 'Ich bin nicht zum Arbeiten nach Deutschland gekommen'", behauptet einer der Russlanddeutschen, die sich selbst als Bekannte Nikolais vorstellen, aber im selben Atemzug sehr deutlich machen wollen, was sie inzwischen von ihm halten: "Er war halt schon immer ein Penner." Es wird nun viel erzählt über den blassen und hageren Mann, und nicht wenige der Auskunftsfreudigen wollen mit ihren Äußerungen schnelles Geld machen.

Zwei Menschen, zwei Leben, eine Heimat

Olga, sagte ihre Schwester Helena dem "Stern", "war immer für jeden da. Nur um sich selbst kümmerte sie sich nicht." Eine Brustkrebserkrankung "Olas" wurde erst im letzten Moment entdeckt, sie hatte einen Besuch beim Arzt immer wieder aufgeschoben. Es blieb nur noch Amputation.

"Sofort", riet der Arzt laut "Stern". Olga akzeptierte. "Meine starke Ola", erinnerte sich ihr Mann im Gespräch mit der Illustrierten. "Wir müssen leben, hat sie zu mir gesagt. Es ist zu früh für uns, wir müssen doch für die Kinder da sein." Achtmal wurde sie operiert, unfassbares Leiden, doch die Therapie schlug an. Sie war geheilt.

Ihren Alexander habe sie nun kirchlich heiraten wollen, schreibt der "Stern", ganz in Weiß. Und mit den Kindern nach Kasachstan reisen, in das ferne Land, das sie damals verlassen hatte. Sie wollte Jannik und Lara zeigen, wo ihre Mutter aufgewachsen ist. Ihre schöne Heimat.

Und die von Nikolai H.



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