Horn von Afrika Was wurde eigentlich aus... den Piraten von Somalia?

Jahrelang haben Piraten am Horn von Afrika Handelsschiffe gekapert, geplündert, entführt. Seit internationale Marineverbände die Frachter verteidigen, gehen die Attacken zurück - aber nur in dieser Region.

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Glaubt man britischen Medien, so setzt die Handelsmarine Ihrer Majestät eine besondere Waffe gegen Somalias gefürchtete Piraten ein: Britney Spears. Laut Berichten von "Mirror" und "Metro" spielten britische Handelsschiffe Songs der Pop-Diva ("Baby One More Time") in voller Lautstärke über die Bordlautsprecher ab, sobald sie durch die gefährlichen Gewässer am Horn von Afrika fuhren.

Fast jedes Mittel ist den Besatzungen und Eignern recht im Kampf gegen die Banditen vor Somalias Küste und am Golf von Aden. Serienweise haben Piraten hier in den vergangenen Jahren Tanker, Containerschiffe oder Jachten gekapert, geplündert, gekidnappt, um Lösegeld zu erpressen und sich ihren Anteil zu holen an den Segnungen der Globalisierung. Vor allem zwischen 2008 und 2011 starteten die Seeräuber hier fast täglich Attacken, brachten mehr als hundert Schiffe und Seeleute in ihre Gewalt. Vier US-amerikanische Segler wurden sogar ermordet.

Reeder schätzen Zusatzkosten auf 5,3 Milliarden Euro

Zeitweise fuhren die Frachter auf ihrem Weg von Asien nach Europa Tausende Kilometer lange Ausweichrouten um das Kap der Guten Hoffnung, um die Engstelle vor dem Suez-Kanal zu meiden. In der Hochphase der Überfälle schätzte der Verband Deutscher Reeder die zusätzlichen Kosten durch Lösegelder, Schutzausrüstungen, Versicherungen und Umwege auf 5,3 Milliarden Euro pro Jahr.

Seither ist es deutlich friedlicher geworden am Horn von Afrika. Nach 237 Angriffsversuchen im Jahr 2011 probierten es die Piraten 2013 in der Region nur noch 15-mal - so registrierte es das International Maritime Bureau (IMB), die Spezialeinheit der Internationalen Handelskammer für Seekriminalität. Im ersten Halbjahr 2014 gab es sieben Attacken. Noch drastischer sinkt die Erfolgsquote: 2011 eroberten die Seeräuber laut der Uno 32 Schiffe in der Region. Doch seit Mai 2012 hätten sie "kein einziges Schiff mehr dauerhaft unter Kontrolle gebracht", sagt Cyrus Modi, Piraterie-Experte des IMB. "Die internationale Gemeinschaft hat es geschafft, das Geschäftsmodell der somalischen Piraten zu zerstören."

Zu verdanken ist das vor allem "Atalanta", "Ocean Shield" und der "Combined Task Force 151": den Anti-Piraterie-Operationen unter Führung von EU, Nato und den USA, an denen auch Bundeswehr-Fregatten beteiligt sind. Seit die multinationalen Marineverbände in der Region die Handelsflotten beschützen, Kriegsschiffe und Kampfhubschrauber gegen die Piraten einsetzen, deren Camps, Boote und Ausrüstung zerstören, sinkt die Zahl der Angriffe drastisch. Die Handelsschiffe ihrerseits haben meistens auch aufgerüstet und private, bewaffnete Sicherheitsteams angeheuert.

Wie schwer es den Piraten gemacht wird, zeigt beispielhaft der versuchte Überfall auf den Öltanker "Nave Atropos" am 17. Januar 2014: Als Seeräuber in einem schnellen Motorboot auf das Schiff zujagten und es beschossen, schlug die Crew des Tankers sofort Alarm bei der Zentrale und drehte ab, die Sicherheitsleute an Bord feuerten zurück. Als dann noch ein Hubschrauber einer internationalen Koalition herangeflogen kam, gaben die Angreifer auf. Mittlerweile müssen sie auch ernsthaft internationale Strafverfolgung fürchten. Vergangenen Herbst wurde der Piratenführer Mohammed Abdi Hassan in Belgien verhaftet. Im April verurteilte das Landgericht Osnabrück einen anderen Somalier wegen der Beteiligung an einem Piratenüberfall auf einen niedersächsischen Tanker zu zwölf Jahren Gefängnis.

Somalia - ein Nährboden für Verbrechen

So beachtlich die Erfolge sind: "Die Bedrohung ist noch lange nicht verschwunden", sagt Cyrus Modi. Nach wie vor seien somalische Piraten jederzeit zu neuen Angriffen fähig. "Würde die Präsenz der Kriegsmarine abnehmen, würde die Zahl der Überfälle auch wieder steigen." Denn noch immer ist das bettelarme und in weiten Teilen gesetzlose Somalia ein Nährboden für Verbrechen. Laut der Organisation Oceans Beyond Piracy fließen nur 1,5 Prozent des Geldes, das für Anti-Piraterie-Maßnahmen an Afrikas Ostküste eingesetzt wird, in langfristige Hilfsprojekte.

Vor der Westküste des Kontinents, wo die Kriminellen wenig Gegenwehr zu befürchten haben, gedeiht indes die Piraterie. Mindestens 51 Angriffe hat das IMB hier 2013 gezählt. Siebenmal gelang es Seeräubern, im Golf von Guinea zwischen der Elfenbeinküste, Nigeria und Gabun Schiffe zu entern. Unter anderem entführten sie vier Seeleute des Containerschiffs "Hansa Marburg" der Hamburger Reederei Leonhard & Blumberg - und hielten ihre Geiseln fast fünf Wochen lang fest.

Anders als vor Somalia dürfen deutsche Reeder keine bewaffneten Truppen an Bord haben, wenn ihre Schiffe die Hoheitsgewässer intakter westafrikanischer Staaten wie etwa Nigeria befahren. "Die meisten dieser Verbrechen vor Westafrika geschehen auf den Hoheitsgebieten dieser Nationen und müssen auch von ihnen gelöst werden", sagt Cyrus Modi. Weder Berlin noch Brüssel zeigen Interesse an einem neuen Kriseneinsatz, obwohl Nigeria und andere westafrikanische Staaten als Öllieferanten für die EU immer wichtiger werden.

Wie schnell Piraten neue Reviere bilden können, wenn sie nicht entschlossen bekämpft werden, zeigt der Fall Indonesien. Zählte das IMB in den Gewässern des Inselstaats im Jahr 2009 gerade mal 15 Attacken, waren es 2013 schon 106 Angriffe. Die Piraterie ist nicht verschwunden, der Schwerpunkt hat sich nur verschoben.

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Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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exHotelmanager 03.09.2014
1. Sie sind noch da
Die Piraten kennen die Limits der Schutzkräfte. Seit Ende 2012 kassieren sie eine Art Maut von den Kreutzfahrtschiffen südlich von Muskat.
nixkapital 03.09.2014
2. Recherche?
Hallo Herr Hecking, wenn man diesen Artikel schon als Beitrag zu einer Recherche-Serie stellt, sollte man sich die Mühe auch machen, tiefer zu graben. Es mag ja interessant sein, dass Britney Spears wirksam (wohl nicht nur) gegen Piraten hilft und es mag ja auch interessant sein, sich in statistischen Daten zum Phänomen Piraterie am Horn von Afrika zu erschöpfen.. Allerdings wäre es auch sehr interessant zu recherchieren, warum es auf einmal Piraten an der Küste Somalias gibt. Sind die vom Himmel gefallen? Ist in Somalia als "failed state" jeder von Geburt an kriminell? Oder sind das vielleicht Fischer, denen ausländische Fischereiflotten die Fischgründe leer gefischt, und damit die Lebensgrundlage genommen haben? Selbst WIKIPEDIA gibt dazu Auskunft... Erst dann wäre dieser Artikel rund, denn er würde darauf hinweisen, dass "wir" nicht nur "Opfer" sind....
archi47 03.09.2014
3. Gefallene Staaten
und solche, die es werden sollen, darf es nicht geben. Als einziges völkerrechtliches Instrument dagegen sehe ich die UNO. In derem Auftrag sollten geeignete Kräfte diesen Regionen eine "Gute Regierung" aufzwingen, Gewaltenteilung durchsetzen, Medien befreien und freie und regelmäßige Wahlen verankern. Die dazu gehörigen Grundgesetze müssen nach UN-Charta mit Ewigkeitsgarantie verankert sein. Die UNO braucht dazu ein dauerhaftes Mandat und die Kräfte hierfür.
leser008 03.09.2014
4. Zusatz
Zu einem abgerundeten Artikel zum Thema hätte vielleicht auch gehört, dass vor allem russische, chinesische und indische Kräfte etliche der Piratenboote vor Somalia schlichtweg zerschossen und versenkt haben. Zusammen mit den Sicherheitskräften an Bord dürfte das mehr bewirkt haben als die ganze teure show der "internationalen Gemeinschaft".
schrauber13 03.09.2014
5. Träumerei
Zitat von archi47und solche, die es werden sollen, darf es nicht geben. Als einziges völkerrechtliches Instrument dagegen sehe ich die UNO. In derem Auftrag sollten geeignete Kräfte diesen Regionen eine "Gute Regierung" aufzwingen, Gewaltenteilung durchsetzen, Medien befreien und freie und regelmäßige Wahlen verankern. Die dazu gehörigen Grundgesetze müssen nach UN-Charta mit Ewigkeitsgarantie verankert sein. Die UNO braucht dazu ein dauerhaftes Mandat und die Kräfte hierfür.
Alles klar, wo fangen wir an: Somalia, Haiti, Elefenbeinküste, Tschad, Simbabwe, Kongo, Zentralafrikanische Republik, Guinea,.....die Liste ist lang ! Nicht zu vergessen, an solchen Konflikten verdient der Westen nicht schlecht, die ganzen War Lords etc. müssen Ihre Waffen ja irgendwo herbekommen.
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