Grusel-Clowns Die Lust an der Angst der anderen

Seit Tagen mehren sich Fälle von Grusel-Clowns, die Passanten erschrecken oder gar bedrohen. Dahinter stecke eine "sadistische Motivation", erklärt Kriminalpsychologe Jens Hoffmann im Interview.

Ein Mann mit Clownsmaske
DPA

Ein Mann mit Clownsmaske

Von Jean-Pierre Ziegler


"Es ist kein Spaß, andere Menschen verkleidet und manchmal sogar bewaffnet zu erschrecken", sagt Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). "Sadistisch, wirr und gefährlich" nennt er das, was in seinem Bundesland nach Angaben seines Ministeriums allein am vergangenen Wochenende 86 Mal vorgekommen sein soll: Als gruselige Clowns verkleidete Menschen erschrecken Passanten - oder bedrohen sie sogar mit einer Waffe. Die Polizei warnt Nachahmer vor empfindlichen Strafen.

"Sadistisch" - so bezeichnet auch Kriminalpsychologe Jens Hoffmann die Vorfälle. Im Interview erklärt er, was die Täter zu ihren üblen Scherzen treibt. Und wie Medien dazu beitragen können, das Phänomen einzudämmen.

Zur Person
  • IPBm
    Jens Hoffmann, 48, ist Kriminalpsychologe. Er leitet das Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement. Hoffmann berät Firmen, Behörden und Privatleute bei Problemen wie Radikalisierung und Stalking.

SPIEGEL ONLINE: Was motiviert die Täter dazu, sich als Clowns zu verkleiden und andere zu erschrecken?

Hoffmann: Für die meisten dürfte es einfach ein Spaß sein. Aber es geht auch um Aufmerksamkeit: Jugendliche produzieren Clips für YouTube, in denen andere erschreckt und gedemütigt werden. Dafür bekommen sie Likes, Kommentare und Klicks. Dann gibt es noch Personen mit einer sadistischen Motivation.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet?

Hoffmann: Für diese Menschen ist die Angst der anderen ein Genuss, sie weiden sich geradezu an ihr. Das sind Persönlichkeiten, die ihre Mitmenschen gerne klein sehen, die Macht und Dominanz genießen. Solche Typen will man nicht gerne als Chef haben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso gab es so schnell so viele Nachahmer?

Hoffmann: Die sozialen Medien beschleunigen den Trend. Die Idee eines einzelnen konnte sich noch nie so schnell verbreiten, das ist neu. Es entstehen sogar Wettbewerbe, in denen Hobbyfilmemacher bei YouTube versuchen, sich gegenseitig mit demütigenden Filmschnipseln zu überbieten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten Medien mit diesen üblen Scherzen umgehen?

Hoffmann: Berichte ermutigen manche zu diesen Taten. Die vielen Meldungen machen aus einer eigentlich absurden Handlung plötzlich etwas Normales. Journalisten sollten die Fälle nicht dramatisieren und nüchtern berichten. Die meisten Medien tun das nach meiner Beobachtung auch. Doch es ist schon erstaunlich, wie groß das Thema jetzt gemacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Zu groß?

Hoffmann: Ja, finde ich schon. Ich plädiere dafür, nicht über jeden Einzelfall zu berichten. Das vergrößert die Angst der Bevölkerung und motiviert andere zu solchen Taten. Weniger Berichte in den Medien würden helfen, das Phänomen einzudämmen.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann die Berichterstattung nicht auch abschreckend wirken - etwa weil in dem Text steht, welche Strafe den Horror-Clowns droht?

Hoffmann: Je greifbarer die Strafe ist, desto abschreckender, das stimmt. Aber jemanden zu erschrecken ist ja nicht per se strafbar, außer, man droht beispielsweise mit einer Waffe, oder das Opfer verletzt sich. Außerdem kommen die Täter häufig davon, weil die Polizei sie nicht findet. In so einem Fall ist die Strafe eher theoretisch, weshalb die Berichterstattung kaum abschreckend wirken dürfte.

Mit Material von dpa und AFP



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.