Horrorheim auf Jersey "Es wird Festnahmen geben"

Die Vergangenheit holt die Täter ein: Im Missbrauchsskandal um das Kinderheim "Haut de la Garenne" auf der Insel Jersey durchsucht die Polizei einen dritten Keller nach Leichen. Mehr als 160 ehemalige Heimkinder hoffen auf Vergeltung.


Hamburg - Die Ermittlungen um das ehemalige Kinderheim "Haut de la Garenne" auf Jersey fördern einen der größten Missbrauchsskandale der britischen Inseln zu Tage: Im Keller des Heims hat ein Leichen-Spürhund Polizeiangaben zufolge erneut angeschlagen.

Derzeit wird ein Rasenstück aufgegraben und ein dritter Schacht zum Kellergewölbe angelegt. Die Suche gestaltet sich äußerst schwierig: Die Räume seien mit Erde und Schutt blockiert, berichtet BBC. Sechs Stellen soll es insgesamt geben, an denen die Ermittler mit grausigen Funden rechnen.

Anhand von Bauplänen hatte die Polizei einen 14 Quadratmeter großen, fensterlosen Raum entdeckt, dessen Zugang zugemauert war. Darin fanden sie einen Kinderschädel und andere menschliche Überreste. Ein zweiter, etwa gleich großer Kellerraum konnte bislang noch nicht zugänglich gemacht werden. Dort arbeiten die Experten ebenso wie an dem dritten unterirdischen Raum. Einen Bericht des Senders Sky News, wonach dort der Knochen eines Kindes gefunden wurde, bestätigte die Polizei bisher nicht.

Bisher sei jedoch eine Badewanne entdeckt worden, die für Wasserfolter verwendet worden sein soll, berichtet der "Daily Mirror". Bauarbeiter, die bei der Renovierung des Hauses im Jahr 2003 im Einsatz waren, hatten berichtet, damals fünf große Stöcke und Handschellen gefunden zu haben.

In "Haut de la Garenne" sollen Kinder gefoltert und vergewaltigt worden sein. Erst als der Schädel eines Kindes entdeckt worden war, brachen viele Opfer nach 40 Jahren ihr Schweigen: Bisher haben sich mehr als 160 Menschen gemeldet, die zwischen den frühen 50er Jahren bis zur Schließung des Heims 1986 dort untergebracht waren. Die meisten beschrieben einen "unterirdischen, dunklen Raum", in dem sie eingesperrt, gefoltert und systematisch missbraucht wurden, schreibt die "Daily Mail". Sie habe Mädchen über eine Art Folterkeller reden hören, erzählt das ehemalige Heimkind Sandra O'Riordan.

O'Riordan wurde wie viele andere als Zeugin gehört, ehemalige Pflegekräfte und Polizeibeamte wurden ebenfalls vernommen. "Es wird Festnahmen geben", sagte Vize-Polizeichef Harper. Womöglich wurden die Missbräuche systematisch vertuscht: Viele Opfer hätten erklärt, ihre Hilferufe seien "ignoriert" worden. Einige der Verdächtigen sollen ihre Verbindungen zu "höheren Kreisen" ausgenutzt haben.

Wichtig sind auch die Aussagen ehemaliger Heimleiter und -mitarbeiter. Einige sind bereits tot oder aufgrund von Erkrankung nicht mehr vernehmbar, andere sind noch nicht ermittelt. Bisher vernommen wurden Mario Lundy, der zwei Jahre lang das Heim geleitet hat, und John Rodhouse, einst wie Lundy Beauftragter für Erziehungsfragen auf Jersey. Beide wollten sich in der Öffentlichkeit nicht zu den Vorwürfen äußern.

Jersey gilt als die größte und mit etwa 90.000 Einwohnern bevölkerungsreichste der britischen Kanalinseln und ist berühmt für ihre weiten Strände und die vielen Sonnenstunden.

In dem Kinderheim mit 60 Betten sollen im Lauf der Jahre insgesamt mehr als 1000 Kinder untergebracht gewesen sein. Seit 2003 wird es als Jugendherberge genutzt.

jjc



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.