Zum Tod von Horst Herold Der Terroristenjäger

Zehn Jahre leitete Horst Herold das Bundeskriminalamt. Er wurde zum erfolgreichen Terroristenjäger, aber auch zum "letzten Gefangenen der RAF". Nun ist der Ex-BKA-Chef mit 95 Jahren gestorben.

ullstein bild/ DPA

Ein außergewöhnlicher Mann übernahm 1971 die Leitung des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden. Aus Nürnberg, wo der promovierte Jurist Horst Herold nacheinander Staatsanwalt, Richter, Leiter der Kripo und Polizeipräsident gewesen war, ging ihm der Ruf als "Kommissar Computer" voraus. In der Steinzeit der elektronischen Datenverarbeitung hatte er den Computer bereits zum alltäglichen Arbeitsmittel der Polizei gemacht.

Mit seinem Konzept der "Kriminalgeografie" hatte er verblüffende Erfolge erzielt: Er ließ alle Daten über Tatorte elektronisch erfassen und daraus statistische Verbrechenswahrscheinlichkeiten errechnen. Daraus leitete er ständig aktualisierte Einsatzpläne der Streifenpolizisten ab, die er an die möglichen Brennpunkte schickte.

Aus dem BKA, einer bis dahin kompetenzarmen und schlecht organisierten Dienststelle, machte Herold, 1923 im thüringischen Sonneberg geboren, binnen Kurzem eine schlagkräftige, mit High-Tech ausgerüstete Polizeibehörde. Er ließ die kriminaltechnische Spurensicherung perfektionieren und entwickelte raffinierte Methoden der elektronischen Tätersuche, die "Rasterfahndung". Was er "Sozialkybernetik" nannte und vielen damals suspekt erschien, ist heute als "Profiling" ein gängiges Instrument polizeilicher Ermittler.

"Der ungewöhnlichste und intelligenteste Kriminologe seiner Zeit"

Seine Bewunderer unter Kripo-Kollegen und Politikern priesen Herolds "schöpferischen Konzeptionen" und "geschichtlichen Leistungen" für die innere Sicherheit. Selbst politische Widersacher wie Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) respektierten Herold als "exzeptionellen", wenn nicht "genialen" Polizisten. Andererseits provozierten die von ihm ersonnenen Methoden der Tätersuche, vor allem die von ihm entwickelte "Rasterfahndung", auch Widerspruch.

"Obwohl als 'Gigantomane', 'verrückter Marxist' und 'Technokrat' verschrien, war Herold ohne Zweifel der ungewöhnlichste und intelligenteste Kriminologe seiner Zeit", urteilte seine Biografin Dorothea Hauser, eine Historikerin. Ein anderer Biograf, Dieter Schenk, selbst jahrzehntelang Kriminalbeamter und zuletzt Kriminaldirektor im BKA, würdigte seinen ehemaligen Chef, dieser habe "die Arbeit der Polizei revolutioniert, ansehnliche Erfolge in der Terrorismusbekämpfung erzielt und mit seinen Visionen das BKA zur seinerzeit weltweit modernsten Zentrale der Verbrechensbekämpfung gemacht".

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Horst Herold: Rasterfahnder, Visionär und Kriminalphilosoph

Nach seinem Amtsantritt dauerte es kaum ein Jahr, bis er die erste Generation der "Rote Armee Fraktion" (RAF) mit ihren Anführern Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin hinter Gitter gebracht hatte. "Unter kräftiger Mithilfe des BKA", resümierte er nach seinem Abschied, kamen während seiner zehnjährigen Amtszeit rund 300 Terroristen in Haft.

Den Gipfel seines Renommees erreichte Herold als zentraler Einsatzleiter nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im September 1977. Der BKA-Chef dirigierte im Krisenstab Polizei und Politiker, Grenzschutz und Geheimdienste.

Doch "selbst der gewaltige, mit äußerster Präzision arbeitende Apparat der Rasterfahndung" war "am Ende vor menschlichen Fehlern nicht gefeit", bilanzierte Biografin Hauser: Ein Fernschreiben mit dem zutreffenden Hinweis auf das Schleyer-Versteck in einem Hochhaus bei Köln wurde im Wust der bei der Sonderkommission eingehenden Meldungen nicht beachtet. Ohne diese Schlamperei hätte Herold die Effizienz seiner Fahndungsmethode unter Beweis stellen können.

So aber begann nach den Schrecken des "Deutschen Herbstes" die Demontage des "Doktor Allwissend". Herold wurde zum Buhmann einer Nation, die nun ein Ventil suchte, um die bleierne Zeit zu überwinden. Im Vorfeld des Orwell-Jahres "1984" entdeckten die Westdeutschen den Datenschutz.

Auch der SPIEGEL attackierte Herold. Nach einer Artikel-Serie 1979 über einen drohenden Überwachungsstaat ("Das Stahlnetz stülpt sich über uns") wurde ein polemischer Essay des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger "über Privatsphäre, Demokratie und Polizeicomputer" veröffentlicht, Titel: "Der Sonnenstaat des Doktor Herold".

Seine Kritiker hätten ihn nicht verstanden, klagte Herold immer wieder. Die "negative Rasterfahndung", die alle nicht als Täter in Betracht kommenden Personen aussortiere, sei doch in Wahrheit die höchste Form des Datenschutzes. Er selbst warnte 1980 in einem Vortrag über Polizei und Menschenrechte vor den Vereinten Nationen vor den Gefahren des "Großen Bruders": Sie seien "nicht mehr bloß Literatur", sondern "real", weshalb er klare gesetzliche Regeln für die Polizeiarbeit forderte. Nie hat Herold den gläsernen Menschen gewollt.

Der seit 1978 amtierende Innenminister Baum ergriff jedoch die Gelegenheit, sich gegen seinen Untergebenen als Verfechter der Bürgerrechte zu profilieren. Und Herold als weisungsgebundener Beamter durfte sich gegen die unbegründete Kritik nicht wehren.

Entmutigt und gesundheitlich angeschlagen, bat Herold im Herbst 1980 um seinen vorzeitigen Abschied. Mit Orden und Elogen wurde er im April 1981 verabschiedet.

Seither lebte der Pensionär, lange Zeit noch die meistgefährdete Person der Republik, in einem Fertighaus auf dem Gelände einer Bundesgrenzschutzkaserne im oberbayerischen Rosenheim - als "letzter Gefangener der RAF", wie er sich selbst bezeichnete. Erst im vorigen Jahr kehrte er nach Nürnberg zurück. Dort ist er am Freitag, knapp zwei Monate nach seinem 95. Geburtstag, nach kurzer Krankheit gestorben.



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