Horst Herold und die Rasterfahndung Vereinzelt, optimiert, beschleunigt

Ein Nachruf auf Horst Herold, den verstorbenen ehemaligen BKA-Präsidenten und Erfinder der Rasterfahndung. Und ein Vor-Ruf auf das, was ihm folgt.

Horst Herold, 1974
DPA

Horst Herold, 1974

Eine Kolumne von


Erinnerung

Am 14. Dezember 2018 ist Dr. Horst Herold gestorben, der von 1971 bis 1981 Präsident des Bundeskriminalamts war. Er wurde 95 Jahre alt. Man nannte ihn den "letzten Gefangenen der RAF", weil er unter einem rigiden Personenschutz auch dann noch lebte (und vielleicht litt), als der größenwahnsinnige Krieg der stellvertretend für die Unterdrückten dieser Erde mordenden Metropolen-Guerilla längst im Elend von Geheimdiensten, Lügen und Sinnentleerung erstickt war und die Reste der sogenannten Studentenbewegung (auch Herold war übrigens SDS-Mitglied) sich in die ökologisch-feministische Selbstoptimierung verabschiedet hatten. Der traurige Rest der Avantgarde-Generale ließ sich im Knast die Zähne sanieren, schrieb Autobiografien oder schulte zur Kindergärtnerin um; die Anwälte des Schreckens wurden Minister oder Strafverteidiger für Wirtschaftskriminalität.

Schon die heute 50-Jährigen haben keine Ahnung mehr, wie es damals war, als 1970/71 der (nach innen) "wehrhafte Staat" erfunden wurde und die öffentliche Großfahndung, als Abschusslisten-Plakate und Straßensperren die Vorstellung des Nachkriegs-Mittelstands vom ewigen kollektiven Aufwärts und die der verstörten Kinder-Generation vom ewigen individuellen Erst-Recht zerstörten. Herr Böll, Herr Fassbinder und Frau von Trotta waren verstört, Willy Brandt sorgte für Ruhe beim DGB und ideologische Reinheit bei den Grundschullehrern, und wer immer sich seines Überlebens in den öffentlich-rechtlichen Medien halbwegs sicher sein wollte, legte sich eine zweiminütige Litanei des "Abscheus" zu. Das klingt sarkastisch und ist so gemeint. Nachrufe auf Horst Herold klingen gelegentlich, als sei er ein Wyatt Earp der Bonner Republik gewesen, ein Held in einem Krieg, der bloß Anfang eines immerwährenden Ringens sei. Das trifft so wenig zu wie die Behauptung, Vietnam sei wie Syrien, Bin Laden wie Arafat oder Trump wie Johnson.

Raster

Untrennbar ist der Name von Horst Herold mit dem Begriff der "Rasterfahndung" verbunden. Diese von ihm bzw. unter seiner Leitung "erfundene" Methode des Suchens unbekannter Personen in einer großen Zahl Unverdächtiger ist heute als präventiv-polizeiliche Maßnahme in allen Polizeigesetzen der Länder, als Strafverfolgungsmaßnahme in §§ 98a bis 98c StPO gesetzlich geregelt. Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Entscheidungen versucht, die Anwendung unter dem Gesichtspunkt der Grenzen der Verhältnismäßigkeit zu begrenzen. Auch das Gesetz schreibt vor, dass die Methode nur angewandt werden darf, wenn die Aufklärung von "erheblichen" Straftaten auf andere Weise "erheblich" weniger erfolgversprechend wäre. Extrem präzise Voraussetzungen also.

Was ein "Raster" ist, wussten auch schon Sherlock Holmes und Hercule Poirot: Wenn der Mörder eine Fußspur Größe 49 sowie ein Spitzentaschentuch mit Lavendelduft am Tatort hinterlassen hatte, befragte man die örtlichen Schuhmacher und Parfümerien, schrieb die Auskünfte in ein kleines Notizbuch und brachte anschließend beide Listen mit der Lupe zusammen.

Ähnlich machen es die "Tatort"-Kommissare, die jeden, der ihnen über den Weg läuft, fragen, wo er zur Tatzeit gewesen sei. Dann sagt die gefragte Person: Wollen Sie mich verdächtigen?, worauf der Kommissar stets antwortet: Reine Routine. Sodann fragt der Assistent 27 Autowerkstätten, ob zufällig ein Ferrari mit defektem Rücklicht vorbeigekommen sei, und schon sind aus fünfzehn Alibi-losen und vier kaputten Ferraris zwei Hauptverdächtige herausgefiltert, die alsdann "ins Präsidium" befohlen und so lange vollquatscht werden, bis einer vor lauter Sehnsucht nach einem guten Freund alles gesteht und die zweite der verhärmten Kommissarin einen Heiratsantrag macht.

Es geht natürlich auch etwas lebensnäher, also wirklicher. Das RAF-Mitglied Rolf Heißler etwa filterte das BKA unter Herold im Jahr 1979 aus 600.000 Frankfurter Bürgern heraus, indem man an einem sich intuitiv aufdrängenden Merkmal ansetzte: Wer im Untergrund eine Wohnung mietet, verwendet Falschnamen. Denn wer ständig auf der Flucht ist, hat keine Zeit, sich eine umfangreiche Legende aufzubauen: Er hat vermutlich keinen echten Ausweis, kein Bankkonto, keine Versicherungen. Also suchte man bei den Stadtwerken die (18.000) Frankfurter Stromkunden heraus, die ihre Rechnung in bar bezahlten. Die Namen wurden mit den Listen der Ausweisinhaber, der (Brand)Versicherungsnehmer, der Rentner, BAföG-Bezieher usw. abgeglichen - Personengruppen, die mit höchster Wahrscheinlichkeit richtige Namen verwendeten. Am Schluss blieben genau zwei Personen übrig. Einer war Heißler (siehe SPIEGEL 1986, Nr. 37).

Das war zu Zeiten von Magnetbändern und Lochkarten, und Jahre vor dem "Volkszählungsurteil" des Bundesverfassungsgerichts von 1983, auf das man heute so gerührt zurückblickt wie auf Rasterfahndungen von Margret Rutherford und ihrem Ehemann Stringer Davis. Heute funktioniert es etwas anders. Den "Autobahn-Sniper" (einen Lkw-Fahrer, der insgesamt über 700 mal auf andere Lkw geschossen hatte, ohne dass eine spezifische Zielrichtung erkennbar war) fand man 2013, indem man an Autobahnbrücken Kennzeichen-Lesegeräte anbrachte, die alle (!) vorbeifahrenden Kfz-Kennzeichen erfassten und für mindestens zehn Tage speicherten. Wenn eine "ähnliche" Tat geschah, wurden alle Kennzeichen ausgefiltert, die zur fraglichen Zeit in der fraglichen Richtung unterwegs waren. Diese wurden mit allen Daten über in Tatortnähe eingeloggte Mobiltelefone abgeglichen. Die eine so aus Millionen potenziell Verdächtiger ermittelte Person wurde aufgesucht und legte sofort ein umfassendes Geständnis ab.

Algorithmen

Nicht schlecht! "Datenschützer" murrten beim "Sniper" und murren im Grundsatz bei der Rasterfahndung stets. Der Grund dafür liegt nicht in der querulatorischen Natur dieser Menschen, sondern in der Sache selbst:

Erstens blickt die Raster-"Fahndung" in einer bestimmten Blickrichtung auf die Gesamtheit der Bürger und damit auch auf jeden einzelnen: Unter der Bedingung, dass prinzipiell unbekannt viele - also unendlich viele - Straftaten begangen werden und unbekannt viele Gefahren drohen, besteht jede Personenvielzahl immer aus einer unbekannten (kleineren) Zahl von Schuldigen plus einer unbekannten (größeren) Zahl von Unschuldigen. Jeder Einzelne ist daher jedenfalls "potenziell" schuldig, d.h. "verdächtig". Einfaches Beispiel: Beim Sicherheitscheck am Flughafen wird man nicht deshalb durchsucht, weil man nach Mallorca fliegen möchte, sondern weil man potenziell verdächtig ist, einen Anschlag zu planen.

Ein Staat, der auf seine Bürger durch die Augen eines "Rasters" blickt, hat eine Grundeinstellung, die sich von derjenigen deutlich unterscheidet, die wir aus traditionellen Perspektiven kennen. So ist etwa die "christlich-jüdische Leitkultur" ebenso wie die Subjektdefinition der Aufklärung nur sehr schwer mit einem Menschenbild vereinbar, das die Gesellschaft als eine bedenklich unübersichtlich wimmelnde Masse von zu "filternden" potenziellen Verbrechern begreift.

Zweitens liegt auf der Hand, dass es auf den Algorithmus ankommt. Dieser entsteht zunächst unwillkürlich und "analog": Allgemeine Streifenfahrten von Polizeibeamten, allgemeine Beobachtungen von Geheimdiensten produzieren "Filter"-Ergebnisse, die sich an intuitiven, erfahrungsgestützten Rastern orientieren. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, dass polizeiliche oder strafverfolgende Bemühungen in irgendeiner Weise intellektuell, kreativ, wissenschaftlich oder analytisch minderwertig oder schlicht wären. Das Gegenteil ist richtig: Sie können davon ausgehen, dass sehr gut ausgebildete, sehr intelligente und sehr kompetente Menschen in großer Zahl damit beschäftigt sind, sich Algorithmen auszudenken, die es erlauben würden, Ihre individuellen "Abweichungen" und Besonderheiten - seien sie strafbar oder nicht - aus einer unendlichen Menge herauszufiltern.

Probeweise könnten Sie sich überlegen, welche Chance Sie wohl bei einer "positiven" Rasterfahndung hätten. Das ist, im Gegensatz zur "negativen Rasterfahndung", die nach einer Subtraktionsmethode funktioniert, eine Fahndung nach einer bekannten Person mittels additionaler "Raster". Dazu müssen Sie sich kurz vergegenwärtigen, welche Besonderheiten Ihre Person und Ihr Sozialverhalten - im umfassenden Sinn - ausmachen, und wieviel davon sich bereits in Datensammlungen öffentlicher und privater Art findet. Dazu gehören etwa praktisch lückenlose Informationen über Ihren Gesundheitszustand, Ihren Körperbefund und Ihre Krankheiten, weiterhin über Ihre gesamten sozialen Kontakte, Ihr Reiseverhalten einschließlich aller Vorlieben, Ihre bevorzugten Lektüren, Filme, Auto-, Kleidungs- und Gerätemarken, Ihre Ernährung, Hobbies, Partnerpräferenzen, Ihr mediales Kommunikationsverhalten einschließlich Ihrer Sprachkompetenz, Lieblingsthemen und charakterlichen Schwachpunkte, Ihre beruflichen oder außerberuflichen Kompetenzen und Interessengebiete. Die Liste ließe sich verlängern. Sie ist unschwer zusammenstellbar aus einer Auswertung von vollkommen gewöhnlichen Datensammlungen der von Ihnen autorisierten Bank-, Kreditkarten-, Reise-, Versand- und Medienunternehmen. Überdies schreiben Sie vermutlich seit Jahrzehnten unverschlüsselte E-Mails über Server und Knotenpunkte in Australien, Nevada oder Taiwan, die jeder, der es möchte, lesen, speichern und seinerseits nach Ihnen unbekannten Methoden auswerten kann. Zusätzlich laufen Sie mit immer online geschalteten Mobiltelefonen herum und texten die Cloud-Welt voll mit Ihren jeweils neuesten Nachrichten über Ihr Liebesleben. Dies alles vorausgesetzt, und die "Bekämpfung der Geldwäsche" sowie die "Border Security" dazu gedacht: In welches Löchlein und wie lange könnten Sie sich wohl noch verkriechen, wenn es denn jemals erforderlich wäre? Wie lange können Sie mit Ihren Goldreserven im deutschen Wald überleben?

Dieser Fall wird selbstverständlich nicht deshalb eintreten, weil irgendwann Frau Bundeskanzlerin Kramp-Karrenbauer beschließt, zum "Islamischen Staat" überzutreten. Aber es gibt eine ganze Reihe von nicht völlig ausgeschlossenen Szenarien für die nächsten 25 Jahre, in denen Sie mit Bedauern an ihre 150 besten Facebook-Freunde und Ihre Amazon-Präferenzen zurückdenken könnten. Seien Sie sicher, dass diese und andere Möglichkeiten schon heute dort bedacht werden, wo einst die Bandmaschinen von Horst Herold für dramatische "Tagesschau"-Bilder sorgten.

Drittens stehen wir bekanntlich an der Schwelle zur wiederum schöneren neuen Welt der "Digitalisierung", genannt "Künstliche Intelligenz". Der Begriff "Digitalisierung" ist ein bisschen albern, weil er an sich gar nichts beschreibt außer einer mathematischen Abstraktion. Die meisten Menschen meinen, dass Digitalisierung ist, wenn man per "App" seine Seele dem Teufel verkaufen oder auf ein Fußballspiel in Japan wetten kann.

So ähnlich geht es auch mit der "Künstlichen Intelligenz". Sie ist ungefähr so segensreich wie die in den Fünfzigerjahren prognostizierten atomgetriebenen Staubsauger oder die Küchen-Roboter aus Mister Spocks Altenheim. Und selbstverständlich wird "KI" uns zunächst die supertolle Lebenserleichterung ermöglichen, dass der Kühlschrank ("Ding") weiß, wann Schulferien sind und dass Sie für Ihre Kinder eine zweiwöchige Reise gebucht haben, was dazu führt, dass der Kühlschrank eine Woche vor und eine Woche nach Ostern etwas weniger Fruchtjoghurt bestellt. Das klingt verlockend, ist aber nicht intelligent. KI fängt da an, wo Algorithmen sich selbst optimieren. Es ist ein Irrtum zu glauben, dazu müssten die Programmentwickler das Optimum kennen. Denn dann wäre ja jeder Entwickler eines Weltmeister-Schachprogramms analoger Weltmeister und müsste nicht 60 Stunden pro Woche vor einem Bildschirm hocken. Ergo: Unterschätzen Sie das "Raster" nicht, das sich aus sich selbst gebiert!

Viertens wissen wir, nicht zuletzt durch Lektüre der genialen "Pilot Pirx"-Offenbarungen von Stanislaw Lem, aber auch durch etwas profanere Erfahrungen der letzten Jahre, dass der Mensch sich bislang immerzu nur selbst begegnet. Hätte die Heroldsche Raster-Intelligenz die Welt schon ganz erobert, wäre uns und den unschuldigen Opfern der rassistische Terror des NSU erspart geblieben. Die Erkenntnis, dass zu allem entschlossene, mordende Banden von Faschisten in Deutschland unterwegs sind, von Tausenden von Sympathisanten gefeiert oder unterstützt, von geistig wirr anmutenden Geheimdienst-Mitarbeitern auf mehr als irritierende Weise an der "langen Leine" geführt, führt 50 Jahre nach Herold weder zu Straßensperren noch zu Forderungen nach rücksichtsloser Anwendung der Rasterfahndung, außer gegen Islamisten und arabische Frauenfeinde. Die Mehrheitsgesellschaft beschränkt sich darauf, nach jedem Schwerverbrechen eines Immigranten oder eines in der Vergangenheit sozial auffälligen sexuell Abweichenden zwei Wochen lang zu fragen, warum die Tat nicht verhindert wurde.

Interview

Seine höchste Popularität erlangte Horst Herold durch einen Umstand, der seit Jahrzehnten ein Leben in einem Schattenreich führt: Der 1989 verstorbene Rechtsanwalt und Strafverteidiger Sebastian Cobler - ein scharfsinniger Herold-Versteher - führte im Jahr 1980 ein legendäres Interview mit dem Präsidenten. Dessen Text wurde, nach allerlei Hin und her, letzten Endes von Herold nicht autorisiert, der allerdings den Wortlaut nie bestritt. Es wurde (auszugsweise) in der verflossenen Zeitschrift "Transatlantik" (und auch im SPIEGEL) veröffentlicht und kann - von denjenigen, deren Heimbibliothek das Heft nicht enthält - dank Digitalisierung im Netz zumindest teilweise auch heute noch nachgelesen werden. Das Original-Manuskript soll ca. 300 Seiten lang und in einem Banktresor in der garantiert geheimen Schweiz gelagert sein. Wer weiß?

Es lohnt sich, sich mit den veröffentlichten Teilen zu beschäftigen. Und das gälte auch dann, wenn Horst Herold keinen einzigen der zitierten Sätze gesagt hätte. Denn in diesem Fall hätte Cobler in empathischer Weitsicht Aussagen erfunden oder gefälscht, die ganz unabhängig von der Person Herold "Tendenzen" und Objektivierungen formulierten, welche im Rückblick nach 40 Jahren wie eine Mischung aus naiver Fortschrittsgläubigkeit, totalitärer Utopie, "Minority Report" und Sozialreformertum anmuten: Entwurf einer "digitalisierten" Gesellschaft", in welcher die repressiven und präventiven Staatsaufgaben zu einer umfassenden Sozialhygiene verschmolzen sind:

Nur zum Anfüttern drei Zitate:

  • "Ich erstrebe einen Strafprozess, der ... frei ist von Zeugen und Sachverständigen. Der sich ausschließlich gründet auf dem wissenschaftlich nachprüfbaren, messbaren Sachverhalt. Nach meiner Theorie wäre ... auch der Richter entbehrlich."
  • "Wer wie ich ... in einem Gefängnis tätig war und diesen täglichen Geruch von Leder, Schweiß und Sauerkohl miterleben musste, wer gesehen hat, wie man den bleichgesichtigen intellektuellen und den muskelbepackten Arbeiter gleichermaßen durch das einfallslose Mittel des Strafvollzugs denaturiert [...] Ich bin nicht gegen das Strafen als solches, nur gegen diese Form des Strafens."
  • "In der deutschen Polizei wird es vielleicht 15 Millionen Kriminalakten geben [...] Das ganze Wissen liegt herum, nur wir wissen nicht, was wir eigentlich wissen. Dass man dieses Wissen nicht ausschöpfen und verbinden kann zu einem Gemälde der Gesellschaft! Dies würde auch die Möglichkeit einer Therapie eröffnen [...] Was ich anstrebe, ist die Polizei als gesellschaftliches Diagnose-Instrument."

Das liegt intellektuell meilenweit oberhalb des Niveaus, mit dem uns Justiz- und Innenminister der letzten 30 Jahre quälen.

Polizei als Diagnose-Instrument? Nichts lieber als das!, rufen die Bürger, die wie immer nichts zu verbergen und daher, wie sie meinen, stets auch garantiert nichts zu befürchten haben. Wenn sie sich da mal nicht täuschen! Die Agenturen der geheimen Aufklärung fahren, so viel sollte doch klar sein, im Jahr 2020 weder Citroëns CV 11 noch Mercedes 170 und tragen auch keine Ledermäntel mehr. Sie bevorzugen in der Freizeit Mountain-Biking und haben 30 Tage Urlaub im Kalenderjahr. Sie sind derzeit nicht in Deutschland tätig, erhalten aber, wenn es sein muss, im Notfall unter sorgfältiger Abwägung der Verhältnismäßigkeit vorläufig logistische Unterstützung und uneingeschränkte Solidarität. Den Rest klärt ein Ausschuss in der nächsten Wahlperiode.

Beschleunigung

Warum ist Horst Herold so berühmt geworden und geblieben? Ein wichtiger Teil davon war gewiss die zur Schicksalsfrage stilisierte "Bedrohung durch den Terrorismus" der RAF. Diese war, wie inzwischen bekannt sein sollte, allerdings ihrerseits eine naive, vielfach erschreckend dumme Spiegelung: "Krieg-Führen" gegen eine abstrakte Welt-Idee, die konkrete Kriege führt.

Ein viel wichtigerer Teil ist Herolds Funktion als Symbol der Beschleunigung und der Vereinzelung. Beides kurz erklärt:

  • Digitalisierung ist Beschleunigung, indem sie "Daten" fluide macht. "Gleichzeitigkeit" ist das Zauberwort, und zugleich eine glatte Lüge. Denn nichts ist gleichzeitig in der digitalen Welt, sondern die Menschen sind nur unfähig, die Zeitdifferenzen der Lichtgeschwindigkeit wahrzunehmen. Das klingt kleinlich, ist es aber nicht. Denn in die vorgetäuschte Gleichzeitigkeit greift zu jeder Zeit ein, was Algorithmen bestimmen.
  • Vereinzelung ist das alles beherrschende Thema der modernen Welt nach 1945. Das "Raster", mit welchem man vor 70 oder 100 Jahren nach "verschwundenen" Mafia-Angehörigen in den sizilianischen Bergen suchte (oder auch nicht), beruhte auf Strukturen, die uns Heutigen als merkwürdig erscheinen: Familie, Kirche, Clan, Vertrauen. Dieser Kram ist inzwischen kulturell ausgelagert an die US-Filmindustrie; jedes neue Machwerk eine immer noch erbärmlichere Karikatur.

"Modern" zu sein bedeutet: allein sein. "Selbst" bestimmen, definieren, optimieren, verantworten. Der Mensch der Moderne des 20. Jahrhunderts ist zunächst 1914 ff. in den Zustand der industriellen Vernichtung von ständischer Individualität gestürzt und sodann in die neue Welt der von allen Bindungen freien Einsamkeit. Herr Karl Marx hatte das im Jahr 1844 recht genau vorausgesagt; in der Wissenschaft sagten sodann, wie üblich, die einen so, die anderen so. 2018 ist der Mensch angekommen, wo ihn die Digitalisierung abholen kann. Und ein weiteres Mal fantasiert die herrschende Meinung, der Mensch stamme vom Bit ab, und nicht das digitale Bild der Welt von der Verfassung der Menschen.

Herold war - verzeihen Sie das schlichte Wortspiel - selbstverständlich nicht genial als Künder oder RAF-Profiler oder Radikalenjäger. Das festzustellen entwertet seine intellektuelle Leistung und organisatorische Durchsetzungsstärke nicht. Eher wäre anzumerken, dass man nicht unbedingt ein Riese sein muss, um unter Zwergen etwas zu gelten. Mir scheint vielmehr, dass Horst Herold ein erstaunlich professionell inszeniertes Symbol der "Modernisierung" war, welche die deutsche Gesellschaft (im Westen brutal direkt, im Osten durch Wattefilter) ergriffen und verändert hat: Einerseits "Selbst"-Werdung, Selbst-Verwirklichung, Selbst-Befreiung zunächst durch Kaufen, dann durch sexuelle Körper-Aneignung, schließlich durch Selbst-Optimierung; andererseits Durchdringung und Neu-Definition von Gesellschaft mit einer Sicherheits-Architektur des maximal flexiblen "Individuums".

Das mag ein wenig theoretisch klingen. Versuchen Sie, sich vorzustellen, welchen Sinn "Rasterfahndung" bei germanischen Stämmen vor 1700 Jahren wohl gehabt hätte, oder im Reich des Dschingis Khan. Auch wenn die Antwort im modernen Fantasy-Film lauten mag: jeden, lautet sie in der Wirklichkeit: keinen. Und zwar, obwohl man gewiss auch damals schon wusste, was "Etwas" und "Nichts" ist, Dasein und Nicht-Dasein. Digitalisierung ist kein zeitlos-wertfreier Fortschritt, dessen Weltherrschaft jahrhundertelang nur daran scheiterte, dass die Lithium-Ionen-Batterie noch nicht erfunden war. Sie ist vielmehr eine Welt-Sicht und ein Daseins-Verständnis eigener Art. Sie definiert Sinn, Form, Struktur, Sozialität qualitativ anders als frühere Methoden "idealtypischer" Perspektiven. Dass sie den Schritt in eine unendliche Geschichte anthropologischen Fortschritts öffnet oder gar den Durchbruch zu einer nach oben offenen Quantität von mensch-maschinlicher Weisheit markiert, ist nicht wahrscheinlicher als die Vermutung, die evolutionäre Erfindung des zum Griff geeigneten ersten Fingers (Daumens) oder die intellektuelle Erfindung der Null seien der Schluss- und Höhepunkt der Natur.

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Seite 1
stefan7777 21.12.2018
1. Alles eine logische Abfolge
Ja, so kann man das schon sehen! Da kann eine mächtige Macht auch bremsen, aber irgendwann bricht sich die "Erkenntnis" Bahn. Siehe jetzt die E- Mobilität oder vorher Erneuerbare Energien oder nach 2003 die Digitale Fotografie. Was haben die armen Konservativen gelitten und werden leiden. Zur Rasterfahndung muss man sagen, wir als Gesellschaft müssen uns entscheiden, ob wir Individualismus aufgeben oder abschaffen (China, Five Eyes) oder als Wert schützen werden wollen. Wobei, es ist nicht sicher, ob wir uns nicht vorher über den Klimawandel abschalten/abschaffen oder es evtl. doch wichtiger gewesen wäre, die ethischen Gesetze für KI festzulegen, deren Singularität vielleicht schon lange vor unserer Wahrnehmung stattgefunden hat?
fotobiene 21.12.2018
2. Versuch einer Annäherung
Ich muß zugeben, daß ich zunächst den Plan hatte zu schreiben: "Sorry, ich habe Ihren Artikel nicht verstanden." Insbesondere im letzten Abschnitt habe ich zeitweise wirklich wütend hingeworfen, bei Sätzen wie: "Denn nichts ist gleichzeitig in der digitalen Welt, sondern die Menschen sind nur unfähig, die Zeitdifferenzen der Lichtgeschwindigkeit wahrzunehmen." Oder: "Und zwar, obwohl man gewiss auch damals schon wusste, was "Etwas" und "Nichts" ist, Dasein und Nicht-Dasein." Dann las ich besagtes Interview (und lasse die angezweifelte Authentizität der Aussagen mal wie vom Autor empfohlen außer acht, trotz #Relotius) und war beeindruckt. https://socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019801000_03_0.pdf Im ersten Step fand ich diese Aussage sehr zentral: "Mein Bestreben geht deshalb dahin, unser Rechtssystem aus diesem Immobilismus herauszuführen durch die ständige Anpassung an neue gesellschaftliche Situationen. Das heißt: die Ersetzung des bisherigen Maßstabs des Strafrechts, das sich orientiert am Eigentumsschutz, durch ein Prinzip der Sozialschädlichkeit. Als Kopplungsstelle zu einem dynamischen gesellschaftlichen Prozeß müßte die Polizei sagen: Gesetzgeber, siehst du, hier ist ein sozialschädlicher Tatbestand, da mußt du eine Normglocke drübersetzen, und hier ist noch einer, da aber ist es falsch, da hat sich die Entwicklung unter der Glocke der Norm schon wieder hinwegbewegt. (...) Meine Auffassung geht dahin, die Informationsleistung der Polizei zu verbessern, nicht um die Repression in den Vordergrund zu stellen, sondern eine gesellschaftliche Prävention. (...) Wir sagen, wie die Situation ist, was kommt, was für Gefahren entstehen, was sich entwickelt, wie die tatsächlichen Verhältnisse sind." Der letzte Satz trifft heute besonders hart. Wie sehr Augsteins #sagenwasist (derzeit der #MeToo-Hashtag der Journalisten bei Twitter) gerade fehlläuft, sehen wir nicht nur am Beispiel der "vierten Gewalt" (und ich meine NICHT ekelhafte "Lügenpresse"-Vorwürfe!), sondern auch am Spagat der Polizei, einerseits mit den (digitalen) Mitteln derer, die unseren Rechtsstaat zerstören wollen, mitzuhalten, andererseits nicht jedes "sozialschädliche Verhalten" in Datenbanken zu registrieren und gar zu kriminalisieren. Dies zunächst auf die eigenen Reihen anzuwenden, erscheint aktuell mindestens als ein möglicherweise recht ergiebiges Test-Feld (#NSU20). Die jedenfalls wohl im Grunde gut gemeinte sehr sozialistische Idee des Herrn Herold verwirklicht übrigens China sehr "erfolgreich" - national und global. Ich empfehle die Doku auf ARTE: https://youtube.com/watch?v=o4BA_6RROJ8 Eine etwas ketzerische Frage zum Schluß: Vor 1700 Jahren brauchte man "Rasterfahndung" nicht, weil jeder jeden kannte, der Täter darum schnell entdeckt werden konnte. Heute sind Gesellschaften global(!) offen, entsprechend anonym und digital organisiert. Ist es nicht quasi eine logische und auch sinnvolle Folge, der digitalen globalen Kooperation von Menschen im illegalen Bereich auch entsprechend digital zu begegnen?
zeisig 21.12.2018
3. Einfach zu lang.
Ich bin ein Bücherwurm, aber 15 Minuten für eine Spiegel Kolumne, da ist mir meine Zeit zu schade. Kann Herr Fischer sich nicht auf eine Länge beschränken, wie sie bei all den anderen SPON Kolumnisten üblich ist?
botschinski 21.12.2018
4. Ich weiss nicht
ob ich lachen oder weinen soll. Lachen über den hervorragenden Unterhaltungswert, weinen über die Einsichten welche transportiert werden. Ich weiss nicht ob es gut für mein Hirn ist die Kommentare von Herr Fischer zu lesen, einerseits liebe ich solche herausfordernden Texte als Nahrung, andererseits musste ich den letzten Absatz (besonders den letzten Satz) mehrmals lesen bis ich ihn verstanden hab (hab ich das? mein Hirn ist fast zerbröselt dabei). Aber eines weiss ich, mit Herr Fischer würd ich gern mal ein Bier trinken gehn (nur so als Metapher, ich trinke keinen Alkohol) und eigentlich könnte ich meinen Kommentar auch auf ein einziges Wort verkürzen: Yeah!
eule_neu 21.12.2018
5. Ein Hochgenuß für's Hirn
Ich verfolge nun seit langer Zeit die Kommentare von Herrn Fischer, zuerst in einem anderen Medienmagazin, nun im Spiegel. Jeder Artikel ist ein Hochgenuss hinsichtlich meines in Schmalspur an der Uni ausgebildeten Hirns sowie eine sprachlich meisterliche Kunst des Ausdrucks. Ich muss manchmal die Artikel in Ruhe genüsslich zweimal lesen, um alles zu erfassen. Deswegen meinen Dank an Herrn Fischer verbunden mit den besten Weihnachtswünschen. Und noch viele Artikel ...
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