"Identitäre Bewegung" Die rechten Likes-Fänger

Nach einigen Landesämtern beobachtet nun auch der Bundesverfassungsschutz die "Identitäre Bewegung". Was ist das für eine Gruppierung, die vor allem junge Menschen anzieht?

Mitglieder der "Identitären Bewegung" in Hamburg 2013
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Mitglieder der "Identitären Bewegung" in Hamburg 2013

Von Ann-Kathrin Hipp und Katharina Weygold


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein uriges Wirtshaus in Bad Aibling, knapp 20 Leute haben sich an diesem Sommertag an einen Tisch gesetzt: Gymnasiasten, Handwerker, Politik- und Geschichtsstudenten. Auf dem Tisch steht Bier neben Wurstsalat, einige junge Männer tragen Lederhose, auf manchen T-Shirts steht, was sie hier zusammengeführt hat: "Identitäre Bewegung".

Globalisierung, die Flüchtlingspolitik, die Rolle der Kanzlerin - es geht hier um die großen Themen. Die Männer und zwei Frauen diskutieren, ohne dass es kontrovers würde, man ist hier einer Meinung und die bringt Sebastian Zeilinger auf den Punkt: "Wir Deutsche werden in den nächsten Jahren zur Minderheit, und der Staat lässt es zu."

Zeilinger ist stellvertretender Bundesvorsitzender der "Identitären", einer Gruppierung, die deutsche Traditionen pflegen will, deren Mitglieder auch gern mal alte Pfadfinderlieder anstimmen. Doch die Bewegung will mehr als nur das.

"Ich habe Angst vor der Zukunft"

Die Mitglieder wollen Widerstand gegen die derzeitige Politik leisten, wie sie sagen. Integration halten sie für eine Lüge, sie wollen, dass unterschiedliche Kulturen getrennt voneinander leben und Immigranten ausgewiesen werden.

Die Bewegung spricht vor allem junge Leute an: In den sozialen Medien präsentiert sie sich unter dem griechischen Buchstaben Lambda auf gelbem Grund als hippe Gruppe, suggeriert Jugendlichen, nur sie würden deren Ängste ernst nehmen, nur bei ihnen seien sie richtig aufgehoben.

Vize Zeilinger, ein 36 Jahre alter Volkswirt, sagt am Rande des Stammtischs in Bad Aibling: "Ich habe einfach Angst vor der Zukunft", in der Runde wird zustimmend genickt.

"Identitäre" bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden (Mai 2015)
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"Identitäre" bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden (Mai 2015)

Schon seit einiger Zeit beobachten mehrere Landesämter für Verfassungsschutz die "Identitäre Bewegung", nun hat sich auch das Bundesamt angeschlossen. Man sehe bei der Gruppierung "Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung", sagte Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Zuwanderer islamischen Glaubens oder aus dem Nahen Osten würden "in extremistischer Weise diffamiert". Insbesondere im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise habe sich die Gruppe weiter radikalisiert.

Die "Identitäre Bewegung" entstand 2003 in Frankreich und hat mittlerweile Anhänger und Aktive in ganz Europa. In Deutschland gibt es die rechte Gruppierung seit vier Jahren, seit 2014 als eingetragenen Verein. Die Flüchtlingskrise spielt der "Identitären Bewegung" in die Hände. Bundesweit zählt sie rund 400 Mitglieder.

Die jungen Aktivisten verbreiten Slogans wie "Multikulti Endstation" und "Grenzen zu und Schotten dicht" und erregen Aufmerksamkeit mit provokanten Aktionen.

"Das teilt sich wie Sau"

So geschehen an einem Sommertag in Prien am Chiemsee: Eine junge Frau bespritzte sich mit Kunstblut, eine andere hüllte sich in eine Burka, so erzählen es die Stammtischbrüder und die Aktivistinnen selbst, so ist es auf Fotos von der Aktion zu sehen. In den Händen hielt die eine ein Schild mit der Aufschrift "Deutschland 2016", auf dem Schild der verhüllten Frau war "Deutschland 2020" zu lesen. Die Bilder verbreiteten die "Identitären" in den sozialen Medien . "Das teilt sich wie Sau", freut sich Zeilinger.

Im Juni tauchten "Identitäre" am Schweriner Landtag auf. Sie hatten eine Flagge dabei, die an den IS denken ließ, auf der stand: "Wir lieben offene Grenzen". Und schon im Oktober 2013 stürmten drei Mitglieder mit weißen Masken die Lobby der Stadtbibliothek von Frankfurt am Main, dort sollte eine Veranstaltung der "Interkulturellen Wochen" stattfinden. Aus ihrem Gettoblaster dröhnte Techno, sie tanzten und hielten Transparente hoch: "Multikulti wegbassen".

Es ist eine Protestkultur, die Jugendliche anzieht. "Bei meinen Schulfreunden musste ich immer einen Maulkorb tragen. Hier kann ich mit allen offen reden", sagt zum Beispiel Felix*, einer der Stammtischteilnehmer, der Angst vor Anfeindungen aus der linken Szene hat und deshalb anonym bleiben will. Mit 15 Jahren war er bei der Gründung der Ortsgruppe München dabei. Heute, vier Jahre später, sind viele Mitglieder der "Identitären Bewegung" seine Freunde. Sie machen gemeinsam Sport, treffen sich zum Grillen und singen am Lagerfeuer Volkslieder.

Felix verkörpert den Prototyp der "Identitären": jung, gebildet, aus konservativem Elternhaus. Der Abiturient erzählt, dass er als Kind von ausländischen Klassenkameraden verspottet wurde. Andere sagen, es erging ihnen ähnlich.

Genau das mache die Anziehungskraft der Gruppierung aus, sagt der Sozialpsychologe Heiner Keupp. "Jugendliche, die immer wieder Opfer werden, merken irgendwann: In dem Moment, wo ich eine starke Position übernehme, kriegen die anderen Angst vor mir." Die "Identitäre Bewegung" gebe den oftmals verunsicherten Jugendlichen Stabilität.

Verstoß gegen Menschenrechte

"Wir sind keine Opfer", betont Sebastian Zeilinger. Das versichert er den Mitgliedern immer wieder. In Sommercamps und Schulungen diskutieren die jungen Aktivisten deshalb nicht nur über rechtspolitische Theorien, sondern trainieren auch Kampftechniken. Mitglieder bejubeln Boxkämpfer, die trotz "Nasenbruch und blauem Auge weiterkämpfen", wie Martin Sellner, Vorsitzender der "Identitären Bewegung" in Österreich, in einem Onlinebeitrag für die rechte Zeitschrift "Sezession" schrieb.

In Deutschland will Sebastian Zeilinger davon nichts wissen: "Wir wollen eine friedliche Wende", sagt er. Den oftmals kämpferischen Ton in den sozialen Medien spielt er herunter, man müsse eben "frech und dreist" sein, um seine Botschaft unter die Menschen zu bringen.

Für den Verfassungsschutz sind die Slogans mehr als nur "frech". Als Anhänger des sogenannten "Ethnopluralismus" sind die Mitglieder der "Identitären Bewegung" davon überzeugt, dass jedes Volk seine Kultur vor fremden Einflüssen schützen müsse. Jeder Mensch solle in seinem Herkunftsland bleiben, damit sich die Kulturen nicht vermischen.

Dieser Gedanke verstoße gegen die Menschenrechte und den Gleichbehandlungsgedanken im Grundgesetz, erklärt der Sprecher des Bayerischen Verfassungsschutzes Martin Schäfert. "Es ist unerheblich, ob ich sage, dass ein Mensch kein Deutscher ist, weil er minderwertig ist, oder weil er kulturell nicht hierher passt. Beides bedeutet, dass viele Menschen aus Deutschland ausgewiesen werden müssten."

Die Nähe zur AfD

Dass die Behörden sich bisher schwer tun mit der Frage, wie mit den "Identitären" umzugehen ist, liegt auch an dem sehr heterogenen Klientel, das die Gruppierung anzieht. Beim Stammtisch in Bad Aibling sitzen Trachtenliebhaber, selbsternannte Fans der Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht, AfD-Wähler, Globalisierungsgegner und Nationalisten nebeneinander. Der Extremismusforscher Uwe Backes etwa sagt, es sei noch nicht ganz klar, wie gefährlich die "Identitären" in Deutschland wirklich sind.

Der AfD jedenfalls ist zumindest offiziell eine allzu große Nähe zu den "Identitären" zu heikel, ihr Bundesvorstand und ihre Jugendorganisation "Junge Alternative" haben sich öffentlich von der Gruppierung distanziert. AfD-Mitglieder sind ins Visier der Verfassungsschützer geraten, unter anderem weil sie mit den "Identitären" in Verbindung stehen, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Die inhaltliche Nähe wird am Stammtisch in Bad Aibling deutlich. "Wir sollten wirklich aufpassen, wen wir in unser Land lassen", sagt ein Besucher. "Der Islam ist eben eine fremde Kultur", pflichtet ihm ein anderer bei. "Multikulti wollen wir nicht", sagt seine Tischnachbarin.

Mittendrin ein junger Mann mit Brille. Er zieht das Bild seiner asiatischen Freundin aus der Brieftasche. Wie zum Beweis dafür, dass er kein Rassist ist.

* Name von der Redaktion geändert

Zusammengefasst: Die "Identitäre Bewegung" (IB) ist eine rechte Gruppierung, die sich gegen die derzeitige Politik richtet. Neben einigen Landesämtern beobachtet sie nun auch der Bundesverfassungsschutz. Man sehe "Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung". In Deutschland gibt es die IB seit 2014 als eingetragenen Verein mit bundesweit rund 400 Mitgliedern.

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