Illegaler Zigarettenhandel Auf der Jagd nach "Jin Ling"

Zigaretten werden teurer - der Schwarzhandel blüht. Zwischen den tristen Plattenbauten Ostberlins machen Schmuggler Rekordumsätze mit den Glimmstängeln. Auch der Zoll verstärkt seinen Einsatz - mit seiner "Mobilen Kontrollgruppe" macht er Jagd auf die Zigarettenmafia. 

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Berlin - Landsberger Allee, sechs Uhr morgens. Plattenbauten ragen hoch über das "Allee Center". Ein grauer VW steht in einer hinteren Reihe des Parkplatzes. Plötzlich geht alles ganz schnell. Auf ein Zeichen springen drei Beamte der Zollfahndung aus dem Auto, laufen quer über den Parkplatz, verfolgen einen jungen Mann. Die Gruppe jagt ihm hinterher, in Richtung Park. Knallende Schritte, Schreie in einer fremden Sprache.

Kurze Zeit später kommt Zollbetriebsinspektor Peter Kluge* mit einer blauen Sporttasche in der Hand zurück. Er atmet schwer, strahlt aber über das ganze Gesicht: "Ein Volltreffer! Die Tasche ist voller geschmuggelter Zigaretten!" Die Ausbeute allein in diesem Einsatz: 32 Stangen illegale Ware. Als Kluge und seine Kollegen näher kamen, ließ der Täter die Tasche fallen.  

Für die "Mobile Kontrollgruppe Zoll Berlin" ist der Parkplatz vor dem "Allee Center" ein Brennpunkt im Kampf gegen den illegalen Zigarettenhandel. Die Täter sind überwiegend Vietnamesen. Meist wurden sie von Schleusern nach Deutschland gebracht. Sie sind unauffällig und gut organisiert. In Banden haben sie sich die Stadt untereinander aufgeteilt - mit den Straßenhändlern an der untersten Stelle im Gefüge der Gauner.

Seit den Grenzöffnungen in Europa Anfang der neunziger Jahre boomt das Geschäft mit den Zigaretten. "Die Vietnamesen haben damals den Markt übernommen. Sie sahen so etwas wie eine Marktlücke in dem Geschäft", erklärt Andreas Meyer, Pressesprecher der Berliner Finanzdirektion Mitte.

Allein in Berlin haben die Schmuggler 300 Verkaufsstellen

Es ist noch immer eine Boombranche. Mehr als 300 Verkaufspunkte gibt es mittlerweile in Berlin. Fast alle davon im Ostteil. "Je ärmer die Stadteile sind, desto größer der Anteil der illegalen Zigaretten", weiß Kluge zu berichten. "In Stadtteilen wie Marzahn oder Hellersdorf schätzt man, dass bis zu 40 Prozent der gerauchten Zigaretten aus dem illegalen Handel stammen." Nach zehn Jahren Erfahrung in der Fahndung kennt der Mann die Verkaufspunkte beinahe auswendig. Die Händler stehen an Parks, vor Bahnhaltestellen, auf Supermarktparkplätzen. Kluge jagt aber nicht nur die Täter. Er jagt vor allem "Jin Ling".

Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine Schachtel "Camel". Gelb, halbrunder Schriftzug, ein Widder auf der Vorderseite statt eines Kamels. "Jin Ling"-Zigaretten werden aus Russland in Nacht- und Nebelaktionen über die Autobahnen Osteuropas nach Deutschland geschmuggelt. In Russland kosten sie umgerechnet zwei Euro - pro Stange. 

Im Berliner Straßenhandel wird sie zum zehnfachen Preis angeboten - je nach Standplatz für 18 bis 20 Euro. Die Gewinnspannen haben die organisierte Kriminalität regelrecht umgekrempelt: "Das Geschäft ist so lukrativ, dass ganze Banden vom Drogen- auf den Zigarettenhandel umgestiegen sind", sagt Kluge. Auch weil das Risiko bedeutend geringer ist: Für ein Kilo Heroin wandert man in den Knast, bei Zigaretten eben nicht.

Die Deutschen qualmen Milliarden illegaler Zigaretten

Und so wächst seit Jahren der Handel mit den Glimmstängeln. "Mit jeder Tabaksteuererhöhung wird es mehr", beobachtet auch Kluges Kollege Martin Beckel*. Nach Angaben des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg sind allein im ersten Halbjahr 2007 rund 49 Millionen illegal eingeführte Zigaretten in den beiden Bundesländern beschlagnahmt worden. 11,5 Millionen mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Ähnlich die Steigerung im Straßenhandel: "Alleine in Berlin haben wir in diesem Zeitraum 1,3 Millionen Zigaretten sichergestellt, das sind 100.000 mehr als im Vorjahr", sagt Pressesprecher Michael Kulus vom Hauptzollamt Berlin.

Der mittlerweile aufgelöste "Verband der Cigarettenindustrie" (VdC) schätzte 2005 das Volumen der illegal nach Deutschland gelangten Zigaretten auf 11 Milliarden Stück. Demnach soll gerade in Ostdeutschland jede dritte Zigarette illegal ins Land gelangt sein. Die meisten Bemühungen von Zoll und Polizei sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Um dem Treiben den Garaus zu machen, bräuchte man allein in Berlin jeden Tag Hunderte von Beamten, die sonst nichts anderes machen", erklärt Andreas Meyer.

Vor einem Plus-Markt in Marzahn finden die Zollbeamten einige der aufwendigen Verstecke in unmittelbarer Nähe der Verkaufspunkte. Wie hier in Marzahn lagern die Zigaretten oftmals unter der Erde. Um sie zu finden, geht Kluge mit seiner "Tabaksonde" zu Werk, einem großen Schraubenzieher, mit dem er nach möglichen Verstecken stochert.

Schnell findet er auch hier eine kleine Schlaufe unter Laub, die in einen Betondeckel eingelassen ist. Darunter befindet sich ein abgesägtes Wasserrohr in der Erde. Genau 2 Stangen Zigaretten passen in einen solchen "Erdbunker", wie Kluge die Lager in seiner Sprache nennt. Am heutigen Morgen findet er in einem kleinen Gebüsch vor dem Supermarkt vier solcher Verstecke, sowie eine unter dem Laub verscharrte Tüte. 14 Stangen sind es insgesamt. Kaum 5 Minuten hat es gedauert. Selbst die Kollegen staunen.



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