Anonymer Brief: Polizei vernachlässigte wichtige Spur im Mordfall Bögerl

Kurz nach der Entführung Maria Bögerls 2010 erhielt die Polizei nach SPIEGEL-Informationen einen anonymen Brief. Doch erst jetzt suchen die Ermittler mit einem öffentlichen Appell nach dem Verfasser. Inzwischen ist eine andere vielversprechende Spur aufgetaucht.

Polizist bei Pressekonferenz zum Fall Bögerl (im Juni 2010): Hinweise vernachlässigt Zur Großansicht
dapd

Polizist bei Pressekonferenz zum Fall Bögerl (im Juni 2010): Hinweise vernachlässigt

Hamburg - Im Mordfall Maria Bögerl hat die Polizei anscheinend eine wichtige Spur mehr als zwei Jahre lang vernachlässigt. Bereits am 18. Mai 2010, sechs Tage nach der Entführung der Bankiersgattin Maria Bögerl aus ihrem Haus in Heidenheim, erreichte die Soko "Flagge" nach Informationen des SPIEGEL ein anonymer Brief. Der Absender teilte darin offenbar mit, dass Bögerl bereits tot sei. Damals galt die Frau noch als vermisst, ihre Leiche wurde erst Wochen später entdeckt.

Weiter hieß es in dem Brief angeblich, die Täter seien einer bestimmten Volksgruppe zuzuordnen. Sie seien in Panik geraten. Der Absender nannte sogar zwei Namen und die Summe von 100.000 Euro, die noch bezahlt werden müsste. Das Beweisstück bekam die Asservatennummer 322, und die Soko ging den Hinweisen nach. Vor der Öffentlichkeit wurde die Spur jedoch geheim gehalten. Als der SPIEGEL Anfang August von dem anonymen Schreiben erfuhr, versicherte die Soko "Flagge", alle Behauptungen des Absenders seien damals ausermittelt worden, es habe sich nichts ergeben.

Doch als der Fall Bögerl am vergangenen Mittwoch in der ZDF-Fahndungsreihe "Aktenzeichen XY" erneut nachgezeichnet wurde, richtete die Soko - über zwei Jahre nach dem Eingang des Briefes - einen dringenden Aufruf an den Verfasser des Schreibens. Man gehe davon aus, dass "er die Täter kennt", sagte der Stuttgarter Soko-Leiter Volker Zaiß im ZDF. Warum der Aufruf trotzdem erst jetzt erfolgte und welche Details der Brief enthält, wollte die Polizei nicht sagen.

Polizei erhielt Hinweis auf DNA-Material

Laut Informationen des Radios "SWRinfo" hat sich inzwischen jemand bei der Polizei gemeldet, der nach eigenen Worten den Mörder der Bankiersfrau Maria Bögerl kennt und sogar DNA-Material von ihm besitzen will. Schon Ende 2011 habe sich der Hinweisgeber anonym bei der Polizei gemeldet und den Ermittlern auch DNA zugespielt, die vom Täter stammen soll. Allerdings sei es der Polizei damals nicht gelungen, das Material ausreichend genau zu analysieren. Weil der Hinweis anonym erfolgte, wurde die Spur dann als erledigt angesehen.

Am Mittwochabend nach der Ausstrahlung der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" habe sich dieser Hinweisgeber erneut bei den Ermittlern gemeldet. Laut "SWRinfo" spricht die Polizei von einem vielversprechenden Ermittlungsansatz.

Maria Bögerlwar am 12. Mai 2010 aus ihrem Haus im schwäbischen Heidenheim verschleppt worden. Ein Unbekannter forderte telefonisch 300.000 Euro Lösegeld, doch die Übergabe scheiterte. Bögerl wurde drei Wochen später in einem Wald in Baden-Württemberg tot aufgefunden. Vom Täter fehlt bis heute jede Spur.

Im Beitrag von "Aktenzeichen XY" wurde ebenfalls eine Taxifahrerin aufgerufen sich zu melden, die Maria Bögerl im März 2010 durch Stuttgart gefahren hatte. Sie meldete sich nach der Sendung. Die Polizei erhofft sich von der Taxifahrerin Erkenntnisse darüber, ob die zwei Monate später entführte und später getötete Heidenheimer Bankiersfrau womöglich über Wochen vom mutmaßlichen Täter ausspioniert worden war.

Nach Angaben der Polizei wurde Bögerl mit zahlreichen Messerstichen getötet. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter und mögliche Komplizen aus der Region nordöstlich von Heidenheim stammen.

Maria Bögerls Ehemann, Ex-Sparkassenchef Thomas Bögerl, geriet zwischenzeitlich unter Tatverdacht. Er nahm sich ein Jahr nach dem Tod seiner Frau das Leben. Die Kinder des Ehepaars Bögerl kritisierten im "Stern" die ihrer Meinung nach chaotische und planlose Ermittlungsarbeit der Polizei scharf.

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fab/cai/dpa

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Vermutung
Thomas11 09.09.2012
Zitat von sysopKurz nach der Entführung Maria Bögerls im Jahr 2010 erhielt die Polizei nach SPIEGEL-Informationen einen anonymen Brief. Doch erst jetzt, zwei Jahre nach dem Tod der Bankiersgattin, suchen die Ermittler mit einem öffentlichen Appell nach dem Verfasser des Briefs. Im Mordfall Maria Bögerl vernachlässigte Polizei wichtige Spur - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,854795,00.html)
Der Schreiber des anonymen Briefes könnte der Täter selbst gewesen sein, dem nach dem Mord alles gründlich schief lief. Er musste sein Opfer umbringen, es hatte ihn schließlich gesehen. Mit der Angabe einer Volksgruppe wollte er dann eine falsche Spur legen. Es muss ein sehr einfacher Mann sein, der für nur 300.000 € eine riskante Entführung und einen Mord begeht. Die Vermutung, dass er aus der näheren Umgebung stammt, halte ich für richtig. Sein Gewissen ließ ihn nicht ruhen. Vielleicht war es ein einfacher Häuslebauer, der in Schwierigkeiten geraten war und die Tat nicht konsequent geplant oder durchgehalten hat. Theoretisch war alles geplant, doch in der Realität musste er die Tat nach dem Mord abbrechen.
2. Ausermittelt ist eben doch nicht ausermittelt
mischpot 09.09.2012
und hat ein zweites Menschenleben gefordert. Tragisch. Oft wird falsch und völlig kopflos ermittelt, der Fall Bögerl ist da leider nicht der einzige.
3. Auch die Polizei -
Paul-Merlin 09.09.2012
mit Ruhm hat sie sich in dem Fall wahrhaftig nicht bekleckert.
4. optional
-bix- 09.09.2012
Das ist so das typische "aufs Wasser schlagen" der Polizei. Man hofft von angeblichen Hinweisen oder Briefen Misstrauen bei den Tätern aufzubauen, damit diese eine unüberlegte Handlung begehen. Wahrscheinlich hat man schon 2/3 Verdächtige im Visier und wartet nun deren Reaktion ab. Bekannte Ermittlungstaktik ...
5. Preisfrage:
distel61 09.09.2012
Welche in Heidenheim ansässige Vereinigung ist für extreme Gewaltbereitschaft bekannt?
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