Immobilienmakler Sodenkamp Rotlicht, Schwarzgeld und ein Mord

Friedhelm Sodenkamp wurde 2008 beim Abendspaziergang erschossen. Zwei Handwerker werden des Mordes an dem Makler beschuldigt. Die Spurensuche führt in eine Halbwelt zwischen Rotlichtmilieu und Immobilienfilz - und einem dubiosen Finanzinvestor.

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Udo Krollmann, 61, würde man gemeinhin als Selfmademan bezeichnen. Begonnen hat der Berliner Unternehmer, dessen Firmengruppe seit wenigen Monaten im bürgerlich gediegenen Stadtteil Zehlendorf residiert, als Autovermieter und Discothekenbetreiber in Westfalen. Dann stieg Krollmann ins Immobiliengeschäft ein. Dass der Unternehmer dabei wenig Berührungsängste kannte, auch nicht zu diversen Größen des Rotlichtmilieus im Ruhrgebiet, sollte fürs Geschäft kein Nachteil sein.

Friedhelm Sodenkamp: Tod auf der Fischerinsel
Steffen Pletl

Friedhelm Sodenkamp: Tod auf der Fischerinsel

An diesem Freitag wird Krollmann als Zeuge im Mordfall Sodenkamp vernommen. Das Berliner Landgericht verspricht sich von dessen Aussage Erkenntnisse zum schillernden Vorleben des Opfers und Fakten zu den geschäftlichen Aktivitäten Sodenkamps, die schließlich zu den drei tödlichen Schüssen auf der Berliner Fischerinsel führten.

Krollmanns unternehmerische Karriere ist eng mit Friedhelm Sodenkamp verbunden, und das seit mehr als zwei Jahrzehnten, eine geschäftliche Liaison und private Freundschaft zwischen Bordellen und vornehmen Cocktailbars, zwischen Schmuddel und Hochglanz. Eine Geschichte, die in den achtziger Jahren beginnt in der westfälischen Provinz, am Rande des Ruhrgebiets.

Iserlohn ist kein aufregender Ort, gesichtslose Nachkriegsbauten prägen das Stadtbild. Anfang der achtziger Jahre, als der junge Rechtsanwalt Sodenkamp in eine Sozietät in der Friedrichstraße eintrat, war das nicht anders. Nur ein Highlight hatte die Stadt zu bieten - die Megadisco "Sounds", zu der am Wochenende das halbe Ruhrgebiet pilgerte. Wie Sodenkamp waren auch seine Partner in den Dreißigern, liebten heiße Nächte und schnelle Autos.

Ihre Mandanten suchten sich die agilen Jung-Juristen nicht etwa in bürgerlichen Kontaktbörsen wie dem örtlichen Rotarierclub, sondern in Halbwelttreffs, in der Gaststätte "Linse" oder einen diskreten Bordell in der Victoriastraße. Unter Kollegen hatte die Kanzlei nicht den besten Ruf: Die Initialen der Partner HSK wurden in der Branche mitunter mit "Hilfe, sie kommen" übersetzt, auch weil sich hartnäckig das Gerücht hielt, die Kanzlei sei enger mit kriminellen Dunkelmännern verbunden, als es die Standesordnung zulässt.

Verkaufte Sodenkamp den Ferrari eines Zuhälters?

Immerhin so viel steht fest: Die Sozietät sollte nicht lange existieren, die Anwälte büßten allesamt ihre Zulassung ein. Einer von Sodenkamps Ex-Partner wurde gar wegen der Veruntreuung von Mandantengeldern zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Sodenkamp selbst verlor 1994 seine Zulassung, über die Gründe schweigt die zuständige Anwaltskammer in Hamm. Die Version, die Sodenkamp in weinseliger Runde gern zum Besten gab, könnte aber passen: Ein Mandant, ein Zuhälter aus Hamburg, der in Untersuchungshaft saß, habe sein Honorar nicht bezahlt. Darauf habe er dessen Ferrari verkauft. Der Zuhälter habe ihn dann wegen Unterschlagung angezeigt.

Ohnehin war die anwaltliche Tätigkeit bei dem Juristen schon ein wenig in den Hintergrund gerückt. Sodenkamp machte in Geschäften, und zwar solchen, die nicht immer den Grundsätzen eines ehrbaren Kaufmanns entsprachen. Weggefährten von damals berichten von dubiosen Bargeldtransfers und Deals mit unverzolltem Gold aus dunklen Kanälen. Auch als diskreter Finanzier eines Saunaclubs im Münsterländischen soll Sodenkamp aufgetreten sein, ob mit eigenem Geld oder nur als Strohmann, ist unklar.

Der clevere Jurist, der sein Studium in Münster als Taxifahrer finanzierte, war inzwischen eine Nummer in der Szene. Zu seinem Freundeskreis gehörten neben halbseidenen Immobilienhändlern und Geldverleihern auch sein späterer Geschäftspartner, Udo Krollmann, der damals seinen Lebensunterhalt mit dem Verleihen von Luxusautos finanzierte und der inzwischen verstorbene Jürgen Medenbach, der Rotlichtkönig des Ruhrgebiets, der einmal in einem Gerichtsprozess als "größter Zuhälter Nordrhein-Westfalens" bezeichnet wurde.

Die illustere Runde fand sich beim Eishockey. Beim ECD Iserlohn, der Ende der achtziger Jahre unter notorischer Geldnot litt, war jeder willkommen, der Bares mitbrachte, woher die Gelder stammten, schien die Vereinsführung wenig zu interessieren. Ein solcher Geldbote war offenbar auch Sodenkamp. "Der brachte schon mal 100.000 Mark im Koffer vorbei", erinnert sich ein früherer Vereinsfunktionär.



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