Prozess in Oslo: Attentäter Breivik inszeniert sich vor Gericht

Von , Simone Utler und Gerald Traufetter, Oslo

In Oslo hat der Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik begonnen. Der 33-Jährige trat am Morgen vor die Richter - und nutzte den Gerichtssaal vom ersten Moment an wie befürchtet als Bühne: Der Attentäter hob den Arm zum provozierenden Gruß. Auf die Frage des Gerichts erklärte er sich für nicht schuldig.

Dieser Moment wurde mit Spannung erwartet - von vielen mit Sorge: In Oslo ist der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik vor das Gericht getreten. Einige Minuten vor 9 Uhr wurde der 33-Jährige in den Gerichtssaal geführt und nutzte ihn vom ersten Moment an als seine Bühne. Der blonde Mann mit dem Kinnbart lächelte erhaben und zeigte dann eine Geste, die seine Gesinnung deutlich machte: Er schlug seine rechte Faust erst vor das Herz und hob sie dann zu einem provozierenden Gruß in Richtung der Richterbank.

Mehr als 200 Personen hatten in dem eigens umgebauten Raum Platz genommen. Um Punkt 9 Uhr eröffnete die Vorsitzende Richterin die Verhandlung. Zunächst stellte sie die Verfahrensbeteiligten vor und schilderte die Prozessvorbereitungen. Auf ihre Frage, ob es Einwände gegen die bestellten Richter gebe, meldete sich Breivik sofort zu Wort - mit dem nächsten deutlichen Statement: "Ich erkenne die norwegischen Gerichte nicht an. Sie haben ihr Mandat von politischen Parteien erhalten, die Multikulturalismus unterstützen." Sein Anwalt ergänzte, dass die Verteidigung keinen formellen Einspruch gegen die Richter erhebe. Die Richterin nahm beide Äußerungen zur Kenntnis.

Auf Anweisung der Richterin erhob sich Breivik, der einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine ockerfarbene Krawatte trug, und machte einige Angaben zu seiner Person: Er sei am 13. Februar 1979 geboren, sitze derzeit in U-Haft. Er korrigierte die Richterin jedoch wegen ihrer Feststellung, er sei arbeitslos. Er sei Schriftsteller und schreibe im Gefängnis an einem neuen Werk, so Breivik. Der Rechtsextremist hat bereits ein 1500-Seiten Manifest im Internet veröffentlicht, in dem er geschrieben hatte, dass mit einer Festnahme die "Phase der Propaganda" beginne.

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Auftakt vor Gericht: Norwegen macht Breivik den Prozess
Breivik hat gestanden, am 22. Juli vergangenen Jahres 77 Menschen getötet zu haben. An jenem Freitag zündete der Rechtsextremist zunächst eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo, dann richtete er auf der Insel Utøya unter den Teilnehmern eines Jugendlagers der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ein Massaker an.

Staatsanwältin verliest Anklage mit grausamen Details

Zunehmend beklemmend wurde es, als Staatsanwältin Inga Bejer Engh die Anklage verlas - mit zahlreichen grausamen Details. Sie nannte jedes einzelne Opfer mit Namen, Alter, genauem Ort des Angriffs und der Verletzungen. Dabei schilderte sie genau, wie und wo die Opfer von Breiviks Schüssen getroffen wurden. Nach den 77 Todesopfern verlas sie die Angaben zu den 27 Schwerverletzten. Mehr als eine Stunde benötigte sie dafür.

Breivik nahm dies weitgehend regungslos hin. Er hielt den Kopf meist in Richtung Tisch gesenkt, blickte kaum einmal auf.

Die Staatsanwältin warf ihm vor, er habe sich mehrerer schwerer Straftaten schuldig gemacht. So habe er eine Terrorhandlung begangen, indem er Menschenleben in großem Umfang vernichtete. Außerdem werde ihm vorsätzlicher Mord vorgeworfen. Inga Bejer Engh betonte, dass die Anklagebehörde ein Urteil für Breivik anstrebt, das ihn in eine geschlossene Psychiatrie einweist. "Der Angeklagte hat Verbrechen begangen in einem Umfang, den man in unserem Land bisher nicht kannte", so die Anklagevertreterin. Es bestehe die Gefahr der Wiederholung.

Ein Hauptaugenmerk in dem Verfahren, dem größten in der norwegischen Nachkriegsgeschichte, liegt auf der Frage nach Breiviks Schuldfähigkeit. In einem ersten Gutachten wurde er für unzurechnungsfähig erklärt, in einem zweiten bescheinigten die Experten ihm geistige Gesundheit.

Breivik erklärt sich für nicht schuldig

Auf die Frage der Richterin, ob er sich schuldig bekenne, sagte Breivik am Montag: "Ich erkenne die Taten an, aber nicht die Strafschuld, weil ich in Notwehr gehandelt habe." Er erkläre sich also für nicht schuldig, sagte die Richterin. Schon vor der Verhandlung hatte der 33-Jährige dies erklärt und betont, er habe Norwegen vor einer Islamisierung schützen wollen.

War Breiviks Verhalten im Gerichtssaal schon am Montag teilweise schwer auszuhalten, dürfte er sich ab Dienstag noch mehr inszenieren. Dann soll er aussagen - dafür sind insgesamt fünf Tage angesetzt. Die Norweger rechnen mit schockierenden Aussagen: Es wird erwartet, dass Breivik die auf zehn Wochen angesetzte Verhandlung als Plattform nutzen wird, um seine ausländerfeindliche Ideologie zu verbreiten. Die Verteidigung hat 29 Zeugen geladen, darunter Islamisten und rechte Blogger.

Besonders für Angehörige und Überlebende ist das Verfahren eine enorme emotionale Herausforderung. "Das wird für viele eine schwere Zeit", sagte Vegard Groeslie Wennesland, ein Überlebender des Massakers von Utøya, vor Beginn der Verhandlung gegen Breivik. "Als ich ihn zum letzten Mal persönlich gesehen habe, erschoss er meine Freunde."

Menschenschlange vor dem Gerichtsgebäude

Das Verfahren wird weltweit beobachtet. Aus der ganzen Welt sind Journalisten gekommen. Der ganze Platz vor dem postmodernen Granitbau gleich hinter dem zerbombten Gebäude des Premierministers ist zugestellt mit Boxen, in denen Fernsehreporter ihre Live-Aufsager machen. CNN ist da, aber auch das chinesische Staatsfernsehen.

Um 6.30 Uhr am Montagmorgen wuchs die Schlange vor dem Gerichtsgebäude am C.J.Hambros Plass an. Rund 200 Journalisten, die für das Justizgebäude akkreditiert sind, wollten sichergehen, ihren Platz im Gerichtssaal oder den Presseräumen zu bekommen und stellten sich vor den Sicherheitsschleusen an. Schweigend wurde eine Gruppe von Hinterbliebenen und Überlebenden an der Journalistenschlange vorbeigeführt, zum Hintergebäude. Dort ist ein spezieller Eingang für sie.

Die Verhandlung wird in 17 Gerichtssäle im ganzen Land übertragen. Dort können Angehörige der Opfer, ihre Anwälte sowie Überlebende der Anschläge - insgesamt etwa 700 Personen - das Geschehen verfolgen.

mit Material von dapd/Reuters/AFP

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insgesamt 137 Beiträge
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1. Rechtextremer Gruß?
kurtwied3 16.04.2012
Hat Breivik einen rechtsextremen Gruß gemacht? Also einen Hitlergruß. Würde mich wundern. Oder hat er seine Handschellen gezeigt, wie bei dem ersten Auftritt. Nachdem was er in seinem "Manifest" geschrieben hat, sieht er sich nicht den Neo-Nazis nahe - schon weil die ja dem Iran und anderen muslimischen Ländern freundlich gesonnen sind. Auch wenn er ein Massenmörder ist, sollte der Journalist sich der Wahrheit verpflichtet sehen.
2.
MrSelfDestruct 16.04.2012
Der Witz an der Sache ist doch der: Die Medien (auch SpOn) geben dem Täter doch erst die Bühne.... nur um sich dann darüber zu empören, dass dem Täter eine Bühne gegeben wird....
3.
schäfer_peinlich 16.04.2012
Zitat von sysopIn Oslo hat der Prozess gegen Anders Behring Breivik begonnen. Der 33-Jährige trat am Morgen vor die Richter - und nutzte den Gerichtssaal vom ersten Moment an wie befürchtet als Bühne: Der Attentäter hob den Arm zum rechtsextremen Gruß. Das Gericht, so der Angeklagte, erkenne er nicht an. Prozess in Oslo: Attentäter Breivik inszeniert sich vor Gericht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827702,00.html)
Das Medieninteresse ist reine Sensationsgier. Ein Monster aus der Nähe sehen, hui, aufregend. In Wirklichkeit ist der Typ ein durchgeknalltes Würstchen. Dem muss man auch nicht argumentativ nachweisen, dass er im Unrecht ist. Er sieht es sowieso nicht ein, und seine Gesinnungsgenossen sind auch unbelehrbar. Die Tatsachen stehen fest. Schnell verknacken und gut ist es.
4. Lebenslang
Izmi 16.04.2012
Zitat von sysopIn Oslo hat der Prozess gegen Anders Behring Breivik begonnen. Der 33-Jährige trat am Morgen vor die Richter - und nutzte den Gerichtssaal vom ersten Moment an wie befürchtet als Bühne: Der Attentäter hob den Arm zum rechtsextremen Gruß. Das Gericht, so der Angeklagte, erkenne er nicht an. Prozess in Oslo: Attentäter Breivik inszeniert sich vor Gericht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827702,00.html)
Es gibt eine Form des Irreseins, die ganz pragmatisch denkt. Insofern ist Breivik wohl beides: Durchgeknallt und dennoch zurechnungsfähig. Ich persönlich wüßte nicht, wie ich als Richter auf solch einen "Menschen" reagieren würde: Mit Zuchthaus oder Irrenanstalt. Irgendwie ist beides richtig. Die Irrenanstalt aber würde Breivik wohl viel härter treffen, weil damit die Gesellschaft ausdrücken könnte, als was sie sieht: Als einen absolut gestörten Massenmörder, den man vor sich selbst schützen muß. Auf Lebenszeit.
5. Wer so berichtet hilft dem Kerl...
gweihir 16.04.2012
.. seine verquere Botschaft zu verbreiten. Abstossend. Fakt ist der ist Amok gelaufen, erwischt worden und jetzt ist er erledigt. Jedes bischen Aufmerksamkeit ist ein Geschenk an ihn, das er nicht verdient.
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Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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