Sexualstrafrecht in Indien Der Vergewaltiger, ein Todesstrafen-Kandidat

Todesstrafe für Vergewaltiger von Kindern unter zwölf Jahren: Nach dem tödlichen Missbrauch einer Achtjährigen verschärft Indien das Sexualstrafrecht. Die alltägliche Gewalt gegen Frauen wird das kaum stoppen.

Demonstration für härtere Strafen für Vergewaltiger in Indien
REUTERS

Demonstration für härtere Strafen für Vergewaltiger in Indien

Von


Zumindest eine Sache hat sich geändert, seitdem klar ist, dass Vergewaltiger von Kindern unter zwölf Jahren mit dem Tod bestraft werden können: Es wird häufiger über solche Fälle berichtet. Ein Vergewaltiger, von dem Medien früher keine Notiz genommen hätten, ist indischen Medien nun als potenzieller Todesstrafenkandidat eine Meldung wert.

Das alltägliche Drama sexueller Gewalt in Indien bekommt damit eine neue Dimension. Denn meist kennen sich Täter und Opfer, gehören einer Familie an oder sind Nachbarn. Auch deshalb schaute die Polizei bisher oft großzügig über die Geschehnisse hinweg. Nach der Gesetzesänderung geht das nicht mehr so einfach. Die Abkehr von der vielerorts gelebten Praxis des Vertuschens und Schweigens zerreißt Dorf- und Familiengemeinschaften.

Ein Beispiel: Am Sonntag berichtete die Polizei im ostindischen Bundesstaat Odisha von einem sechsjährigen Mädchen. Es war am Vorabend in einer Schule vergewaltigt worden. Der noch in der Nacht festgenommene mutmaßliche Täter hielt das Kind für tot. Der 25-Jährige kam aus dem gleichen Dorf wie die Sechsjährige. Als sie vom Einkaufen nicht zurückgekehrt war, machten Dorfbewohner sich auf die Suche. Sie fanden das Kind bewusstlos und schwer verletzt.

Das Mädchen wurde zur privaten Schwesternstation in der Gegend gebracht. Unter normalen Umständen wäre es wohl dort geblieben. Doch die aufgeschreckte Polizei ließ es dieses Mal ins nächste städtische Krankenhaus transportieren - nicht zuletzt zur Beweisaufnahme gegen den mutmaßlichen Täter, der bei einem Schuldspruch hingerichtet werden könnte.

Am Ort des Verbrechens, dem kleinen Reisbauerndorf Jagannathpur mit 870 Einwohnern, davon ein Drittel Analphabeten, war die Aufregung am Wochenende beträchtlich. Noch am Montag belagerten Journalisten das Dorf. In früheren Zeiten wäre die Tat von der Öffentlichkeit wohl kaum bemerkt worden.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen, trauriger Alltag

Die Verschärfung des Gesetzes hatte ihren Ausgang mit einem anderen Sexualverbrechen genommen: Wochenlang beschäftigte die tödliche Vergewaltigung eines achtjährigen muslimischen Hirtenmädchens im Bundesstaat Jammu und Kaschmir das Land.

Es gab große Proteste, weil Polizisten und Anhänger der national-hinduistischen Regierungspartei BJP zu den mutmaßlichen Tätern zählen. Nach Polizeiangaben wollte dabei ein Verdächtiger mit seiner Tat die lokalen muslimischen Nomaden "vertreiben". Zwei lokale BJP-Politiker mussten zurücktreten, nachdem sie Verständnis für die Täter geäußert hatten.

Demonstration nach gewaltsamem Tod einer Achtjährigen
REUTERS

Demonstration nach gewaltsamem Tod einer Achtjährigen

Der Fall legte den alten Streit zwischen Hindus und Muslimen schonungslos offen. Zugleich rückte er aber das massive Problem der Gewalt gegen und Diskriminierung von Frauen und Mädchen allgemein in den Fokus. Es gehört zum indischen Alltag.

Für das Jahr 2016 erfassten die indischen Behörden 19.765 Vergewaltigungen von Minderjährigen. Damit ist die Dimension des Problems aber nur angedeutet. Nach Angaben von Sozialökonomen, die den Berechnungsmodellen des indischen Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sen folgen, zählt Indien pro Jahr etwa zwei Millionen "verschwundene Frauen". Gemeint sind Frauen, die nach demografischen Berechnungen leben müssten, aber in den Statistiken irgendwann nicht mehr auftauchen.

Millionen "verlorene Frauen"

Zu einem Drittel der Fälle betrifft das weibliche Föten, die abgetrieben werden, weil sich die Familie einen Jungen wünscht. 63 Millionen indische Frauen sind nach Auskunft des Wirtschaftsberichts der indischen Regierung vom Januar 2018 in den vergangenen Jahrzehnten so "verloren gegangen".

Noch mehr Frauen aber sterben jedes Jahr in Indien, weil sie Opfer von Gewalttaten, als Kind absichtlich unterernährt und im Alter verstoßen werden. So spricht der Wirtschaftsbericht der Regierung von 21 Millionen unerwünscht geborenen Mädchen, deren Entwicklung und Überleben besonders gefährdet sind.

In vielen armen indischen Familien lässt man eine unerwünschte Tochter heute lieber verhungern, als sie über viele Jahre zu ernähren und ihr womöglich noch eine teure Ausbildung zu verschaffen. Viele Frauen, die nach Ansicht ihrer Ehemänner nicht genug Mitgift in ihre neue Familie bringen, werden von Verwandten getötet. Die Zahl dieser Opfer soll ähnlich hoch wie bei tödlichen Vergewaltigungen sein.

Bisher wurde dieser Alltag in Indien von Politik und Medien weitgehend verschwiegen. Nach dem gewaltsamen Tod der Achtjährigen hat sich daran etwas geändert. Allerdings könnte das Interesse an den alltäglichen Fällen tödlicher Gewalt gegen Mädchen schnell wieder verpuffen: Indiens Justiz klärt die meisten Vergehen nie auf. Ob sich daran nur wegen der Androhung der Todesstrafe etwas ändert, darf bezweifelt werden.

Video: Gewalt gegen Frauen in Indien - Verliebt, verlobt, verprügelt

SPIEGEL TV


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.