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Höchststrafe für indische Vergewaltiger: Die tödliche Härte des Gesetzes

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AFP

Vor dem Gericht brach Jubel aus: Richter in Neu-Delhi haben gegen vier Männer, die im Dezember eine junge Frau missbrauchten und töteten, die Todesstrafe verhängt. Zuletzt hat Indien die Höchststrafe nur selten vollstreckt. Doch durch diesen Fall ist die Stimmung gekippt.

Neu-Delhi/Istanbul - Tagelang haben Hunderte von Demonstranten vor dem Gericht ausgeharrt und der Welt ihre Plakate gezeigt. Ihre Forderung war eindeutig: Todesstrafe für die Vergewaltiger von Neu-Delhi. Es ging um den Fall vom 16. Dezember 2012, als sechs Männer eine 23-jährige Physiotherapie-Studentin vergewaltigt, schwer verletzt und anschließend sie und ihren Freund nackt aus dem fahrenden Bus geworfen hatten. Die junge Frau starb zwei Wochen später, der Mann überlebte und wurde zum wichtigsten Zeugen.

Der Ruf der Demonstranten wurde erhört: Mukesh Singh, 26, Akshay Thakur, 28, Pawan Gupta, 19, und Vinay Sharma, 20, wurden am Freitagmittag von einem Gericht in der indischen Hauptstadt zum Tode verurteilt. Der Anwalt der vier will das Urteil nun anfechten.

Richter Yogesh Khanna hatte die Männer bereits am Dienstag schuldig gesprochen, jetzt erst wurde das Strafmaß festgelegt. Bei der Urteilsverkündung sagte er, dieser Fall gehöre zu den "seltensten der seltenen Fälle", in denen die Todesstrafe verhängt werden müsse. Dem indischen Strafrecht zufolge darf die Todesstrafe nur dann verhängt werden, wenn das Gericht zu dem Schluss kommt, dass eine lebenslange Haftstrafe mit Blick auf die Umstände und Grausamkeit der Tat nicht hart genug ist.

Die Familie der getöteten Frau erklärte noch im Gerichtssaal, sie sei "glücklich über das Urteil". "Es wurde Gerechtigkeit gesprochen", sagte der Vater. Vor dem Gerichtsgebäude brach Jubel aus. Monatelang war in ganz Indien demonstriert worden. Die Menschen verlangten härtere Strafen für Vergewaltiger, in Talkshows und in privaten Runden wurde mehr denn je darüber diskutiert, wie man Frauen besser vor Gewalttätern schützen könne. Manche wunderten sich, warum ausgerechnet dieser Fall in einem Land, in dem täglich so viele Frauen vergewaltigt werden und wo die Opfer aus Scham oft schweigen, für weltweite Schlagzeilen sorgte.

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Todesstrafe für Vergewaltiger: Tumulte in Neu-Delhi
Die Verteidigung der vier hatte lebenslänglich gefordert und mildernde Umstände wie das junge Alter der Männer sowie ihre Armut geltend gemacht. Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen auf die Todesstrafe gepocht. "Es handelt sich um eine teuflische Tat", sagte Staatsanwalt Dayan Krishnan. Die angemessene Strafe sei daher nichts weniger als der Tod. Die Frau sei nicht nur mehrfach vergewaltigt worden, die Täter hätten ihr mit einer Eisenstange innere Verletzungen zugefügt, ebenso ihren Freund schwer verletzt. Anschließend hätten sie versucht, Spuren zu beseitigen.

Einer der Männer, der zur Tatzeit noch 17 Jahre alt war, muss für drei Jahre in Jugendarrest. Das entschied ein anderes Gericht Ende August. Dieses Urteil wurde landesweit von vielen als zu mild kritisiert. Doch der Richter beugte sich nicht dem öffentlichen Druck, sondern verurteilte den Mann strikt nach Jugendstrafrecht, wie es zuvor ein höheres Gericht vorgegeben hatte. Ein weiterer Angeklagter, Ram Singh, der als Haupttäter galt, war im März tot in seiner Zelle gefunden worden. Angeblich hatte er Suizid begangen.

Richter Khanna hatte schon beim Schuldspruch am Dienstag angedeutet, dass er die Tat ähnlich bewertet wie die Staatsanwaltschaft: als "brutal", "bestialisch", "vorsätzlich" und "kaltblütig". Mehrere indische Strafrechtsexperten erklärten in Kommentaren und Interviews, sie sähen die Voraussetzung für die Verhängung der Todesstrafe erfüllt. "Wann, wenn nicht in diesem Fall, sollte man die Todesstrafe anwenden?", fragte zum Beispiel der bekannte Anwalt K. T. S. Tulsi. "Dieser Fall hat unsere Gesellschaft erschüttert."

"Damit entlässt sich die Gesellschaft aus der Verantwortung"

Richter und Ankläger ließen sich auch vom öffentlichen Druck beeinflussen, wie sie selbst zugaben. "Die ganze Nation" würde zuschauen, sagte der Staatsanwalt vor der Verkündung des Strafmaßes. "Sollten die Verurteilten eine geringere Strafe als die Todesstrafe bekommen, wird die Öffentlichkeit das Vertrauen in das Justizsystem verlieren."

Indische Politiker begrüßten das Urteil. Innenminister Sushilkumar Shinde sagte: "Die Familie des Opfers und das getötete Mädchen haben Gerechtigkeit erfahren. Das Gericht hat deutlich gemacht: Wer so ein Verbrechen begeht, muss mit einer entsprechenden Strafe rechnen."

Gegner der Todesstrafe hatten dagegen mehrfach darauf hingewiesen, dass die Täter aus ärmsten Verhältnissen stammen und ihre Lebensumstände bei der Beurteilung der Tat berücksichtigt werden müssten. "Wir sollten ein moralisches Vorbild sein und uns nicht so benehmen wie die Mörder selbst", schrieb der Journalist Shougat Dasgupta in der Zeitschrift "Tehelka". Die wachsende Zustimmung zur Todesstrafe bereite ihm Sorge. "Damit entlässt sich die Gesellschaft aus der Verantwortung für das, was in ihr passiert."

Ähnlich äußerte sich Amnesty International Indien: Das Urteil werde Gewalt gegen Frauen nicht beenden und sei daher kein Grund zur Freude, teilte die Organisation mit.

Lange Zeit waren die Inder mehrheitlich gegen die Todesstrafe, doch in diesem Fall zeigten Umfragen ein anderes Bild. Die Vergewaltigung und Ermordung der 23-Jährigen scheinen die Stimmung im Land verändert zu haben. Führende Politiker, darunter Innenminister Shinde sowie Oppositionspolitiker, sprachen sich mehrfach öffentlich für eine Exekution aus. Im kommenden Jahr sind Parlaments- und Regierungswahlen, und man nahm sehr genau wahr, was viele Demonstranten forderten.

Todesstrafe wurde selten vollstreckt

Auch die Familie der Getöteten sowie deren Freund betonten immer wieder, dass sie die Täter am liebsten am Galgen sähen. Als erste Reaktion hatte die indische Politik bereits das Sexualstrafrecht verschärft und Schnellgerichte für Vergewaltigungsfälle eingeführt.

Für die heute zum Tode Verurteilten dürfte es daher schwierig werden, dem Galgen zu entkommen, auch wenn Indien die Todesstrafe in den vergangenen Jahrzehnten nur selten vollstreckt hat. 1995 wurde ein Serienmörder hingerichtet, dann starb erst im August 2004 wieder ein Mensch durch die Hand des Staates: Dhananjoy Chatterjee wurde gehängt, weil er in Kolkata ein Mädchen vergewaltigt und umgebracht hatte. Nach achtjähriger Pause nahm Indien die Hinrichtungspraxis wieder auf: Im November 2012 wurde der einzige überlebende Attentäter der Terroranschläge von Mumbai hingerichtet, wenige Monate später, im Februar dieses Jahres, starb Afzal Guru am Galgen wegen des Terrorangriffs auf das indische Parlament in Neu-Delhi im Dezember 2001.

Im April lehnte der Oberste Gerichtshof ein Gesuch des wegen Terrorismus verurteilten Ingenieurs Devinderpal Singh Bhullar ab, das Urteil in lebenslange Haft umzuwandeln. Derzeit warten insgesamt 18 Verurteilte in Indien auf ihre Hinrichtung, ihre Gnadengesuche wurden vom Staatspräsidenten abgelehnt.

In einem anderen Fall hatte der Oberste Gerichtshof am Dienstag, demselben Tag, als die vier Vergewaltiger schuldig gesprochen wurden, die Rolle der Gesellschaft sehr wohl berücksichtigt: Die Richter wandelten die Todesstrafe gegen einen Schneider, der Familienangehörige ermordet hatte, in lebenslange Haft um. "Armut, sozioökonomische, psychische Zwänge, unverdiente Widrigkeiten im Leben" seien "mildernde Umstände".

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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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