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Interview im Gefängnis: Vergewaltiger von Neu-Delhi macht Opfer für Tat verantwortlich

Anwalt der Vergewaltiger (Archiv): Ähnlich extreme Ansichten wie sein Mandant Mukesh Singh Zur Großansicht
REUTERS

Anwalt der Vergewaltiger (Archiv): Ähnlich extreme Ansichten wie sein Mandant Mukesh Singh

Mukesh Singh ist einer der Männer aus Neu-Delhi, die eine junge Frau in einem Bus vergewaltigten und tödlich verletzten. In einem BBC-Interview gibt er nun dem Opfer die Schuld: Die Frau sei schließlich abends ausgegangen.

Neu-Delhi - Mukesh Singh wurde zum Tode verurteilt, wegen seiner Beteiligung an einem abscheulichen Verbrechen. Verantwortung für die Vergewaltigung einer 23-Jährigen will er aber offenkundig auch mehr als zwei Jahre nach der Tat nicht übernehmen. Im Gegenteil: Singh sieht die Schuld beim Opfer.

"Ein Mädchen ist weit mehr verantwortlich für eine Vergewaltigung als ein Junge", sagte er einem BBC-Reporter, der ihn für eine Dokumentation, die am kommenden Sonntag ausgestrahlt werden soll, im Gefängnis besucht hat. So berichtet es die britische Zeitung "Telegraph". Singhs Begründung: Frauen, die abends ausgehen, seien selbst schuld, wenn sie die Aufmerksamkeit von Vergewaltigern auf sich ziehen würden.

Der Fall vom 16. Dezember 2012 hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt: Sechs Männer vergewaltigten eine junge Frau in einem Bus mehrfach, misshandelten sie mit einer Eisenstange, verletzten sie schwer, warfen sie und einen Freund nackt aus dem Fahrzeug. Die 23-Jährige starb zwei Wochen später, ihr männlicher Begleiter überlebte.

Es gab enorme Proteste in Indien. Zehntausende forderten, Frauen müssten besser vor sexuellen Übergriffen geschützt werden. Gewalt gegen Frauen wird seitdem in der Öffentlichkeit stärker thematisiert, Gesetze wurden verschärft.

"Eine Frau sollte sich nicht wehren, wenn sie vergewaltigt wird"

Mukesh Singh fuhr den Bus, als die Vergewaltigung begann. Ein Gericht verhängte in erster Instanz die Todesstrafe gegen ihn und drei Komplizen, ein Täter beging Suizid in seiner Zelle, ein anderer wurde zu drei Jahren Jugendarrest verurteilt.

In dem BBC-Interview behauptete Singh nun auch: Hätten die junge Frau und ihr Freund nicht versucht, sich zu wehren, würde sie vermutlich noch leben. Er beschrieb ihren Tod als Unfall. "Eine Frau sollte sich nicht wehren, wenn sie vergewaltigt wird", sagte Singh. Sie sollte "einfach ruhig sein" und die Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Dann wäre auch das Opfer in jener Nacht anschließend einfach freigelassen worden und "nur der Junge hätte Schläge abbekommen".

Solche und ähnliche Einstellungen gegenüber Frauen seien unter indischen Männern weiterhin verbreitet, kritisieren Frauenrechtsaktivisten. Zu wenig habe sich in der Gesellschaft bislang geändert. Immer fielen in den vergangenen Monaten auch indische Politiker mit skandalösen Aussagen zum Thema Vergewaltigung auf.

Singh selbst scheint bislang keinerlei Reue zu zeigen. "Ein anständiges Mädchen ist nicht um 21 Uhr draußen unterwegs", sagte er. Hausarbeit sei das Richtige für sie, nicht der Besuch von Bars und Discos, und das auch noch in "falscher Kleidung".

Einer seiner Anwälte hatte in der Vergangenheit bereits ähnlich extreme Ansichten geäußert: Falls eine unverheiratete Tochter oder Schwester aus seiner Familie abends ausgehe und Gesicht sowie Charakter bei solchen Dingen verliere, würde er sie "höchstwahrscheinlich vor der gesamten Familie mit Benzin übergießen und anzünden".

Singh, der sein Todesurteil angefochten hat, hält auch eine mögliche Vollstreckung des Schuldspruchs gegen ihn und seine Komplizen für einen Fehler - weil dies das Leben künftiger Vergewaltigungsopfer gefährde. Bisher hätten Vergewaltiger ihre Opfer nach der Tat laufengelassen und gesagt: "Sie wird schon nichts erzählen." Nun würden sie die Frauen töten.


Zusammengefasst: Im Dezember 2012 sorgte ein Vergewaltigungsfall in Neu-Delhi weltweit für Schlagzeilen. Einer der Täter hat nun mit der BBC gesprochen. Er sieht die Schuld beim Opfer: Frauen gehörten abends nicht auf die Straße, sagte Mukesh Singh. Sie sollten sich auch nicht gegen Vergewaltigungen wehren.

wit

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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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