Spaniens Königstochter Cristina vor Gericht Infantin terrible

Zum ersten Mal lädt ein Gericht ein Mitglied der spanischen Königsfamilie vor: Infantin Cristina stellt sich den Fragen der Ermittler zur Finanzaffäre um ihren Mann. Im Palast hofft man, dass das "Martyrium" der Prinzessin bald vorbei ist.

AP

Madrid - Es ist keine schöne Premiere für die spanische Infantin Cristina. Am Samstag wird sie sich nach einigem gerichtlichen Hin und Her den Fragen des Ermittlungsrichters José Castro stellen. Er will von der 48-Jährigen erfahren, inwieweit sie in den Finanzskandal um ihren Ehemann Iñaki Urdangarín verwickelt ist. Es ist das erste Mal in der Geschichte Spaniens, dass ein Mitglied der Königsfamilie gerichtlich vorgeladen wird. Ein Tiefpunkt der spanischen Monarchie.

Was wird der Infantin vorgeworfen?

Seit 1997 ist Cristina, zweitälteste Tochter von König Juan Carlos und Königin Sofía, Nummer sieben der Thronfolge, mit dem früheren Handballnationalspieler Urdangarín verheiratet. Dem 46-Jährigen wird vorgeworfen, als Leiter der gemeinnützigen Nóos-Stiftung zwischen 2004 und 2006 Millionenbeträge der Regionalregierungen auf den Balearen und in Valencia veruntreut zu haben. Bis 2006 war Cristina Mitglied im Direktorium der Stiftung.

Zudem war sie mit ihrem Mann zu jeweils 50 Prozent an einer Firma namens Aizoon beteiligt. Dieses Unternehmen soll zu einem Netz von Scheinfirmen gehört haben, das Urdangarín nach Ansicht der Ermittler aufgebaut haben soll, um das unterschlagene Geld nutzen zu können.

Die Königstochter soll Urlaubsreisen und private Anschaffungen mit der Kreditkarte der Firma bezahlt haben. Chefermittler Castro sieht darin eine Form von Geldwäsche. Zudem hält er der Infantin einen doppelten Steuerbetrug vor: Sie soll mit den privaten Ausgaben die Firmengewinne geschmälert und somit die Körperschaftsteuern gedrückt haben. Gleichzeitig soll sie diese Gelder nicht in ihrer Einkommensteuer deklariert haben.

Lange hatte die Prinzessin alles daran gesetzt, sich das Verhör zu ersparen. Doch letztlich musste sie ihren Widerstand aufgeben.

Warum sagt Cristina nun doch vor Gericht aus?

Ihre Anwälte fochten eine erste Vorladung 2013 erfolgreich an. Aber Castro ließ nicht locker, erklärte die Königstochter ein zweites Mal zu einer Beschuldigten und lud sie erneut vor. Daraufhin gab Cristina nach. Ihre Anwälte erklärten: Die Prinzessin habe "weder vor dem Untersuchungsrichter noch vor der spanischen Öffentlichkeit etwas zu verbergen". Die Kehrtwende war wohl letztlich alternativlos, zu groß war der öffentliche Druck. In der Bevölkerung kamen Zweifel auf, ob vor dem Gesetz wirklich alle Spanier gleich sind.

Was ist ihre Strategie?

Cristina will unbedingt vermeiden, dass gegen sie Anklage erhoben wird. Spanische Medien mutmaßen, dass die Infantin vorbringen könnte, dass sie sich nicht um die Geschäfte gekümmert und ihrem Mann vertraut habe. Zudem dürfte sie argumentieren, das ihr zur Last gelegte Steuervergehen liege unter der Grenze von 120.000 Euro und sei strafrechtlich daher nicht relevant.

Wie wahrscheinlich ist eine Verurteilung?

Ermittlungsrichter Castro steht mit seinen Vorwürfen allein da. Weder das Finanzamt - also der angeblich Geschädigte - noch die Staatsanwaltschaft unterstützen seine Vorhaltungen. Staatsanwalt Pedro Horrach warf ihm sogar vor, sich in "konspirative Theorien" zu versteigen. Anders bei Cristinas Ehemann. Castro hatte Urdangarín zweimal vernommen und ihm Hunderte von Fragen gestellt. Im November 2013 beschlagnahmte die spanische Justiz Besitztümer des Ex-Handball-Stars im Wert von 6,1 Millionen Euro. Es gilt als wahrscheinlich, dass ihm der Prozess gemacht wird.

Was bedeutet die Vorladung fürs spanische Königshaus?

Allein die Vorladung schadet dem Ruf der spanischen Monarchie, je mehr das Verfahren sich in die Länge zieht, desto stärker nagt es an ihm. Aus dem Palast verlautete, man hoffe, dass das "Martyrium möglichst bald zu Ende" gehe. Martyrium, die Wortwahl zeigt, wo sich die Monarchie immer noch selbst sieht: über dem Gesetz. Die Erhabenheit über dem Volk ist einer der Hauptkritikpunkte an der Königsfamilie. Viel zu spät kürzte der Palast in der Finanzkrise das eigene Budget, noch später machte er die Ausgaben transparent.

Dabei war Juan Carlos einst sehr beliebt, ein Mann, der aus dem Schatten von Diktator Franco hervortrat und 1981 einen Putschversuch des Militärs vereitelte. Im ganzen Land feierten die "Juancarlisten" ihren König. Es war einmal: Nach einer umstrittenen Elefantenjagd in Botswana und Gerüchten um außereheliche Aktivitäten steht laut einer Umfrage der Zeitung "El Mundo" nur noch knapp die Hälfte der Spanier hinter der Monarchie. Im ganzen Land demonstrierten Anti-Royalisten für eine Republik, Juan Carlos wird öffentlich ausgebuht. Auch sein Sohn Prinz Felipe und dessen Frau Letizia bekommen den anti-royalen Gegenwind zu spüren. Bei einem Opernbesuch in Barcelona wurden sie vom Publikum aus dem Saal geschrien.

Was bedeutet das für Cristina?

Kritiker fordern, dass Cristina ihre königlichen Privilegien aufgibt. "Wenn Cristina wirklich vor Gericht erscheinen muss, sollte sie anstandshalber auf Titel und Thronfolge verzichten", sagte der spanische Buchautor und Königshaus-Experte José Infante Martos nach Bekanntwerden der Vorladung SPIEGEL ONLINE. Dazu heißt es aus dem Zarzuela-Palast: Ein solcher Verzicht sei gar nicht möglich, weil er in der Verfassung nicht vorgesehen sei. Cristinas Ehemann, einstiger Lieblingsschwiegersohn des Königs, ist bereits in Ungnade gefallen. Juan Carlos distanzierte sich von ihm, auf öffentlichen Fotos der Familie ist Urdangarín nicht mehr vertreten.

gam/AFP/dpa

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Seite 1
frankarouet 07.02.2014
1. Separatismus / Antiroyalismus
Dass der Thronfolger samt Frau aus der Oper in Barcelona hinausgeschrien wurden, rechne ich weniger dem Antiroyalismus als vielmehr den Separationsbestrebungen Kataloniens zu. Im November will Katalonien abstimmen lassen, ob seine Bevölkerung einen Katalonischen Staat wollen. Das heizt die Stimmung natürlich an. Wenn meine spanische Freundin in Barcelona auf Spanisch nach dem Weg fragt, bekommt sie die Antwort auf Englisch oder auf Katalonisch. Frage ich mit meinem offenbar nicht muttersprachlichen Spanisch, bekomme ich die Antwort auf Spanisch. Da herrscht schon ein gerüttelt Maß Fanatismus. Und wie im Baskenland strecken denn auch in Katalonien Rassisten die Köpfe hervor, die von der Überlegenheit der katalanischen "Rasse" delirieren. "Egal wie weit ich fahre, nirgends Unterkunft. Wieviel tausend Jahre dauert der Schlaf der Vernunft?"
mozartkugelbcn 07.02.2014
2.
Zitat von frankarouetDass der Thronfolger samt Frau aus der Oper in Barcelona hinausgeschrien wurden, rechne ich weniger dem Antiroyalismus als vielmehr den Separationsbestrebungen Kataloniens zu. Im November will Katalonien abstimmen lassen, ob seine Bevölkerung einen Katalonischen Staat wollen. Das heizt die Stimmung natürlich an. Wenn meine spanische Freundin in Barcelona auf Spanisch nach dem Weg fragt, bekommt sie die Antwort auf Englisch oder auf Katalonisch. Frage ich mit meinem offenbar nicht muttersprachlichen Spanisch, bekomme ich die Antwort auf Spanisch. Da herrscht schon ein gerüttelt Maß Fanatismus. Und wie im Baskenland strecken denn auch in Katalonien Rassisten die Köpfe hervor, die von der Überlegenheit der katalanischen "Rasse" delirieren. "Egal wie weit ich fahre, nirgends Unterkunft. Wieviel tausend Jahre dauert der Schlaf der Vernunft?"
Komische Sachen, die ihrer Freundin hier passieren. Das ist mir in 25 Jahren nicht ein einziges Mal passiert. Schliesslich spricht die Mehrheit der Bevölkerung Spanisch. Und ich gehe mal davon aus, dass ihre Freundin nicht auf den Kopf gefallen ist, und wenn man Spanisch als Muttersprache hat, ist es kein Hexenwerk, Katalanisch zu verstehen.
widower+2 07.02.2014
3. Gar nicht komisch
Zitat von mozartkugelbcnKomische Sachen, die ihrer Freundin hier passieren. Das ist mir in 25 Jahren nicht ein einziges Mal passiert. Schliesslich spricht die Mehrheit der Bevölkerung Spanisch. Und ich gehe mal davon aus, dass ihre Freundin nicht auf den Kopf gefallen ist, und wenn man Spanisch als Muttersprache hat, ist es kein Hexenwerk, Katalanisch zu verstehen.
Sie sollten den von Ihnen zitierten und kommentierten Post auch lesen. Ihnen mag das in 25 Jahren nicht passiert sein. Mir ist exakt das Gleiche mit meinem damals akzentfreien Spanisch schon vor mehr als 30 Jahren passiert. Ein Frage in Castellano zog unweigerlich eine genuschelte Antwort in Katalanisch nach sich. Die Katalanen sind da schon sehr speziell. Deutsch und Niederländisch sind übrigens wesentlich näher beieinander als Kastilisch und Katalanisch. Das zu verstehen, ist sicherlich "kein Hexenwerk", kann aber durchaus schwierig sein. Die Katalanen gelten nicht umsonst als die Preußen Spaniens. Allerdings sind sie in mancher Hinsicht noch viel verbohrter, chauvinistischer und rassistischer als die Deutschen.
nometoquesloscojones 08.02.2014
4. Frankarouet
Mit Verlaub: so einen Schmarren habe ich schon lang nicht gelesen. Die Monarchie-Müdigkeit in Spanien nimmt mit jedem Tag zu und zwar nicht nur in Katalonien sondern im gesamten spanischen Territorium. Das haben sich die skandalgeplagten Bourbonen selbst zuzuschreiben. Die Vorladung der Infantin Cristina ist der berühmte Tropfen, der das Faß zum überlaufen gebracht hat. Lassen Sie sich das von Ihrer spanischen Freundin mal bestätigen. Und über die vermeintliche "Rasseüberlegenheit", die die Katalanen für sich beanspruchen habe ich bisher nichts bemerkt (und ich bin sehr oft in Barcelona und KEIN Katalane). Erzählen Sie das mal den Millionen von Einwanderern aus Andalusien, Extremadura und Murcia, die seit Jahrzehnten in Katalonien wohnen. Gerade als Deutscher sollte man mit dem Begriffspaar "Rasse" und "Überlegenheit" sehr sensibel und verantwortungsvoll umgehen. Katalonien hat seine Integrationsfähigkeit und Toleranz seit Jahrzehnten immer wieder an den Tag gelegt. Auch in den dunklen Stunden des letzten Jahrhunderts, als im Land der Dichter und Denker der unsägliche Rassewahn sich austoben durfte.
ottosmopsrockt 08.02.2014
5.
Es ist genauso, wie frankarouet sagt. Spreche ich kastilian, bekomme ich zu 99% eine Antwort auf Englisch oder Katalanisch. Außerdem finde ich nicht, dass man automatisch das Katalanische versteht, wenn man Spanisch kann. Lesen kann man es und sinngemäß kommt man mit. Es ist mit dem Spanischen so verwandt, wie Niederländisch mit Deutsch. Kann jeder Deutsche Niederländisch verstehen? Wohl kaum! Zum Thema: der König war mal in Catalunya gut angesehen. Er hat schließlich viel für die Demokratie gemacht und den Katalanen ihre Sprache wiedergegeben. Aber alle Sympathien sind verspielt. Catalunya hat die Nase voll und will sich endgültig von der Unterdrückung befreien und endlich wieder ein eigenes Land werden. Kein Wunder, dass der Kronprinz und seine Frau ausgepfiffen wurden. Und dann auch noch im Liceo. Jeder weiß, dass gerade dieses Haus für Unabhängigkeit steht. Ist es doch das einzige Opernhaus der Welt, dass der Bevölkerung gehört.
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