Inszenierung eines Massenmörders Breiviks perfide Gerichtsshow

Es war der erste öffentliche Auftritt seit seiner Festnahme: Anders Breivik machte die Anklagebank zu seiner Bühne, mit wohlkalkulierten Gesten und gezielten Provokationen. Der Massenmörder forderte den höchsten militärischen Orden Norwegens für seine Taten.

Von , Oslo


Er hatte sich diese Geste gut überlegt. Fünf Minuten bevor man ihn in den Gerichtssaal führte, kündigte er sie seinem Anwalt an. Kaum dass Anders Behring Breivik die schwere Holztür durchschritten hatte, hob er seine in Handschellen gefesselten Hände rechts in die Höhe, zum Gruß. "Das sollte eine Botschaft sein an die rechte Szene in Norwegen und Europa", sagte sein Anwalt Geir Lippestad SPIEGEL ONLINE.

An diesem Montag hatte Massenmörder Breivik seinen ersten öffentlichen Auftritt, auf eigenen Wunsch. Die Weltpresse hatte sich im Gericht versammelt. Breivik schien diesen Auftritt sichtlich zu genießen. Er drehte sich zu den Journalisten, lächelte, während die Fotoapparate ratterten.

Es war nur ein weiterer Haftprüfungstermin, der wohl letzte vor dem am 16. April beginnenden Prozess. Doch er gab den mehr als 200 anwesenden Journalisten und rund hundert Überlebenden und Angehörigen von Opfern auf den Zuschauerrängen einen Eindruck davon, was sie im Frühjahr erwartet: Ein Schauspiel. Zum Besten gegeben werden Ideologie, Gesetze und Größenwahn eines Massenmörders.

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Medienrummel: Breivik vor Gericht
Breivik wirkte selbstsicherer als bei seinem letzten Auftritt Ende November. "Er zeigt keine Anzeichen von Nervosität, er hat die gleiche Hautfarbe, den gleichen Gesichtsausdruck wie bei den vielen Malen, die ich ihn getroffen habe", sagte Lippestad.

Fast wirkte es so, als habe sich der Massenmörder von Utøya eine spezielle Choreografie überlegt: Höflich fragte er seine Banknachbarn, ob er ihnen auch ein Glas Wasser einschenken solle. Mit seinen in Handschellen steckenden Händen hielt er die Flasche, beugte sich erst zu seiner Anwältin Vibeke Hein Bæera nach links, dann zu Lippestad nach rechts. Beide lehnten ab, aber die Symbolik kam dennoch an.

"Ich kann nicht akzeptieren, weiter in Gefangenschaft gehalten zu werden"

Breivik beobachtete lächelnd, wie sich die Ordner bemühten, die Horden von Fotografen und Kameraleuten aus dem Saal zu schieben.

Breivik nestelte einen Zettel aus seiner Tasche, darauf sein politisches Manifest. Einige Tage habe er an seinem politischen Plädoyer gearbeitet, sagt Lippestad. Vor einigen Monaten hatte ihm der Richter mit harschen Worten verwehrt, es vorzutragen.

Er sei ein militanter Widerstandskämpfer und habe aus Selbstverteidigung gehandelt. "Was ich gemacht habe, war eine präventive Tat", sagte Breivik vor Gericht und spielte auf die von ihm unterstellte Machtübernahme Norwegens durch Islamisten an. Er wolle als Ureinwohner davor warnen, dass Norweger im Staat schon bald eine Minderheit sein würden.

Seine Sätze waren präzise formuliert, er trug sie ruhig vor, ohne große Betonung. Akkurat wie ein Streber bei der Klassenarbeit sagte er: "Ich will zusammenfassen: Ich kann nicht akzeptieren, weiter in Gefangenschaft gehalten zu werden, und ich plädiere daher darauf, sofort entlassen zu werden."

Spätestens bei diesem Satz ist die gespannte Ruhe unter den Überlebenden im Zuschauerraum vorbei. Einige beginnen spöttisch zu lachen, manche unterdrückt, andere laut. Ein Dutzend Reihen haben sie im hinteren Teil des Saals belegt, und es wirkt wie ein Klassenausflug zum Gericht. Das ist die besondere Tragik dieses Angriffs mit 77 Toten: Dass er Jugendlichen gegolten hat, die meisten von ihnen Schüler.

Die größte Strafe: Breivik nicht ernst nehmen

Einer von ihnen ist Magnus Håkonsen, 18 Jahre alt, ein Überlebender des Anschlags von Utøya. Das letzte Mal hat er Breivik auf der Insel in die Augen geschaut, als der sein Gewehr auf ihn gerichtet hatte. "Zehn Meter betrug damals der Abstand, genauso wie heute." Ihm sei, so erzählt er nach der Verhandlung, gerade der Gedanke gekommen, dass Breivik damals der Herrscher über ihn war. "Heute habe ich die Situation beherrscht", sagt der Jugendliche aus Jorvik, zwei Stunden nördlich von Oslo. "Das ist für mich psychologisch unglaublich wertvoll."

Håkonsen hat nicht gelacht an diesem Montag im Gericht. Auch nicht, als Breivik für seine Taten den höchsten Orden der norwegischen Armee forderte. Trotzdem kann er die Reaktion der anderen verstehen: "Seine Argumente sind so weit weg von dieser Welt, dass man sie mit einem Lachen am besten entwaffnen kann."

Er halte Breivik für geisteskrank. "Sonst ist man zu solchen Taten nicht in der Lage." Es sei ihm wichtig zu sehen, dass der Täter die Behandlung erfahre, die er verdiene. "Er denkt, er wäre in einem Kriegsgebiet", resümiert Håkonsen.

Ein Mädchen brach in Tränen aus, kurz bevor Breivik in den Saal kam. Auch bei dieser Verhandlung sind Psychologinnen im Raum. Viele Überlebende von Utøya sind mit ihren Eltern gekommen. Die meisten stört es nicht, dass Breivik von den Medien gefilmt wird.

Man kann Breiviks Bild nicht aus der Öffentlichkeit fernhalten

In den ersten Monaten nach der Tat gab es Widerstand, dass sein Konterfei immer wieder die Titelseiten der Zeitungen zierte. "Ich habe akzeptiert, dass wir es sowieso nicht schaffen werden, Bilder von ihm aus der Öffentlichkeit zu verbannen", sagt Håkonsen heute.

Erst am vergangenen Wochenende tauchten Fotos auf, die unmittelbar nach der Festnahme Breiviks von der Polizei aufgenommen worden waren: Da sitzt der 32-jährige Attentäter in seinem seltsamen Taucheranzug, dem selbstgebastelten Polizei-Emblem und der gefälschten Dienstmarke in einem Stoffsessel. Noch keine Stunde ist es her, dass er die letzten Kinder umgebracht hat - auf dem Bild hat er die Hände im Schoß gefaltet. Und auch hier hat er wieder dieses selbstgefällige Lächeln auf den Lippen, das kalt und gekünstelt wirkt.

Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung angekündigt, um herauszufinden, wer das Bild an die Öffentlichkeit spielte. "Wir werden uns daran gewöhnen müssen", sagt Håkonsen.

Eine weitere Konfrontation mit Breivik scheint ihm allerdings erspart zu bleiben. Hatte es letzte Woche noch geheißen, Breivik wolle ein ausländisches Fernsehteam in seiner Untersuchungshaft empfangen, so hat ihm dies der Gefängnisdirektor nun untersagt.

Mitarbeit: Espen Eik



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