Interview mit einem Henker "Man versucht, den Körper nicht zu grillen"

Jahrelang hat Jerry Givens regelmäßig Menschen umgebracht: 62-mal hat er US-Verurteilte getötet, mit Strom oder mit Gift. In einem Interview erklärt der Ex-Henker, warum er heute die Todesstrafe ablehnt.

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Hamburg - Es kommt nicht häufig vor, dass Henker über ihre Arbeit sprechen. Jerry Givens, einstiger Chefvollstrecker des US-Bundesstaats Virginia, hat das nun in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC News getan. "Jemandem das Leben zu nehmen, ist wahrlich keine angenehme Sache", sagte Givens. "Ich habe es nicht getan, um jemanden leiden zu sehen oder ihm Schmerzen zuzufügen. Ich wollte wirklich niemandem wehtun. Ich habe nur meine Arbeit getan."

Seine "Arbeit" war von 1982 bis 1999 das Töten. 62 Menschen brachte Givens im Namen des Staates in dieser Zeit um. Zu dieser Aufgabe kam Givens eigenen Angaben zufolge eher zufällig. Ein Vorgesetzter hatte den damals 30-jährigen Gefängnisaufseher ausgewählt und angefragt, ob er bereit sei, Hinrichtungen durchzuführen. Ein höheres Gehalt, so erinnert sich Givens, habe er nicht bekommen, aber er habe sich als Staatsbürger verpflichtet gefühlt, einzuwilligen.

17 Jahre lang sagte er niemandem außerhalb seiner Arbeitsstelle, was sein Job war, selbst seiner Frau nicht. "Es war hart, vom Gefängnisaufseher zum Henker zu werden", sagt Givens. "Du musst dich von dir selbst entfernen, du musst dich selbst auslöschen."

Damals habe er die Todesstrafe für eine sinnvolle Abschreckungsmaßnahme gehalten. Heute ist das anders. Die Verbrechensraten seien seit Wiedereinführung der Todesstrafe in Virginia gestiegen. Und DNA-Tests können schnell und zuverlässig belegen, ob jemand schuldig ist - oder eben nicht. Allein das Innocence Project hat in mehr als 200 Fällen die Unschuld vermeintlicher Straftäter nachgewiesen, darunter waren auch mehrere Todeskandidaten.

"Man versucht, den Körper nicht zu grillen"

"Ein Mensch wird im Namen des amerikanischen Volkes verurteilt", sagte Givens dem Fernsehsender. "Ihr alle verurteilt ihn zum Tode. Ihr gebt ihm einen Prozess, und dann schickt ihr ihn zu mir, damit ich ihn töte. Sollte sich nachher herausstellen, dass er unschuldig ist, seid nicht ihr diejenigen, die ihn umgebracht haben. Das war ich."

Wie Menschen hingerichtet werden
Giftspritze
AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
AP
Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
DPA
Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.

Die ersten Menschen, die Givens tötete, starben auf dem elektrischen Stuhl. Seinen Angaben zufolge drückte er auf die nötigen Knöpfe und musste sogar die Stärke der Stromstöße selbst über die Voltzahl einstellen. Laut ABC ist er der erste Henker, der zugibt, dass er dabei auf gut Glück die Regler bediente. "Wenn es ein kleiner Kerl war, habe ich ihm nicht so viel gegeben", erzählte er. "Man versucht ja, den Körper nicht zu grillen."

Die Giftspritze, die heutzutage in den meisten US-Bundesstaaten bei Hinrichtungen zum Einsatz kommt und lange als "humanere Methode" des Tötens galt, hat Givens ohne medizinisches Hintergrundwissen eingesetzt. Ein Hinrichtungsteam aus Texas habe ihm zwar beigebracht, wie man den Medikamentencocktail verabreiche, aber eine wirkliche Ausbildung habe es nicht gegeben.

Einsichten eines einstigen Henkers

Die Hinrichtung per Giftspritze ist seit Monaten in den USA heftig umstritten. Kritiker glauben, dass lähmende Substanzen in der Giftmischung verschleiern, wie schmerzhaft der Tod durch diese Methode oftmals sei. Demzufolge verstößt die Todesspritze als "grausame und ungewöhnliche Bestrafung" gegen die Verfassung. Ob das tatsächlich so ist, muss im kommenden Jahr der Oberste Gerichtshof der USA klären. Seit September sind alle Hinrichtungen im Land daher gestoppt. Gestern hat der Bundesstaat New Jersey die Todesstrafe in seinem Geltungsbereich abgeschafft, weitere Staaten prüfen derzeit ähnliche Schritte.

Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 sind in den USA 1099 Menschen hingerichtet worden. Das Jahr 1999, in dem Givens seinen Job aufgab, markiert einen traurigen Rekord: Damals wurden 98 Häftlinge exekutiert, so viele wie nie zuvor binnen eines Jahres. Givens selbst hat in seiner 17-jährigen Dienstzeit mehr als zehn Prozent aller Hinrichtungen in den USA in diesem Zeitraum durchgeführt.

Jerry Givens, einst einer der eifrigsten Henker des Landes, ist nun davon überzeugt, dass die Todesstrafe keine Lösung ist. Viele seiner Landsleute sind es hingegen nicht. Nach Givens' Ansicht machen es sich selbst Prozessbeteiligte bei der Urteilsfindung allzu leicht. "Wenn einer der Geschworenen die Hinrichtung vollziehen müsste, dann würden sie sich vielleicht mehr Gedanken um die Todesstrafe machen", sagte der ABC News. "Wenn der Richter gleichzeitig der Henker sein müsste, würde er es sich zweimal überlegen, bevor er jemanden zur Exekution schickt."



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