Vertrauliche Geburten: "Kein Recht, sich der Verantwortung zu entziehen"

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Umstrittene Einrichtung: Regierung hält an Babyklappen fest

Der Bundestag hat das Gesetz zu vertraulichen Geburten beschlossen, es soll die umstrittenen Babyklappen entbehrlich machen. Doch die Novelle könnte ihr Ziel verfehlen, warnt Danuta Sacher vom Kinderhilfswerk terre des hommes.

Hamburg - Etwa 20 bis 35 Neugeborene werden jedes Jahr in Deutschland ausgesetzt, sich selbst überlassen und schlimmstenfalls getötet. Die Dunkelziffer der Neonatizide ist hoch. Solche Taten wollen CDU/CSU und FDP verhindern - mit dem Gesetz zur sogenannten vertraulichen Geburt, das der Bundestag nun beschlossen hat.

Die neue Regelung sieht vor, dass Mütter in einem Krankenhaus zwar offiziell anonym entbinden können, aber gleichzeitig verpflichtet sind, ihre persönlichen Daten in einem versiegelten Umschlag zu hinterlassen. Dieser wird zum 16. Geburtstag des Kindes an die zuständige Adoptionsstelle weitergegeben, wo das Kind auf Wunsch alles über die Mutter erfahren kann. Die Kosten für die "vertrauliche Geburt" übernimmt der Bund.

Experten sind allerdings überzeugt, dass gerade Mütter, die ihre Schwangerschaft verdrängen, kaum zugänglich sind für Hilfsangebote. Wer seine Schwangerschaft nicht wahrhaben will, nutzt demnach keine Beratungsangebote, lässt sich nicht helfen und geht auch nicht in ein Krankenhaus, wenn die Wehen einsetzen.

Babyklappen in der Kritik

In Deutschland können Schwangere in sozialen Notlagen ihr Kind anonym in Kliniken zur Welt bringen oder in einer der bundesweit geschätzt 80 Babyklappen ablegen. Daran wird sich auch mit dem neuen Gesetz nichts ändern. Dabei war Familienministerin Kristina Schröder (CDU) angetreten, die Babyklappen abzuschaffen.

Babyklappen waren in die Kritik geraten, weil nicht alle aufgefundenen Kinder den Behörden gemeldet wurden und die Findelbabys möglicherweise später nichts über ihre Eltern erfahren.

Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes fordert seit vielen Jahren die Schließung der Babyklappen, weil sie in einer rechtlichen Grauzone operieren und schwer zu kontrollieren sind. Die Vorstandsvorsitzende Danuta Sacher spricht im Interview über ihre Erwartungen an das neue Gesetz und seine Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Was ändert das neue Gesetz zur vertraulichen Geburt?

Sacher: Der Vorteil des neuen Gesetzes ist, dass Schwangere in Konfliktlagen endlich eine legale Möglichkeit haben, unter medizinischer Begleitung sicher zu entbinden. Die Anonymität der Mutter gegenüber ihrem sozialen Umfeld bleibt ebenso gewahrt wie die Interessen des Kindes, das ein Recht hat, seine Herkunft zu kennen. Auch den versprochenen Ausbau der Beratungsangebote für schwangere Frauen sehen wir positiv und hoffen, dass er nicht am Ende Budgetkürzungen zum Opfer fällt.

SPIEGEL ONLINE: Für Kritiker ist das Gesetz nichts als ein fauler Kompromiss, weil die rechtliche Grauzone, in der Babyklappen operieren, weiter besteht.

Sacher: Leider werden Babyklappen und anonyme Geburten weiter geduldet. Das birgt die große Gefahr, dass das Gesetz sein ursprüngliches Ziel verfehlt. Bundesfamilienministerin Schröder hatte ja die Initiative angekündigt, um eben diesen gesetzwidrigen Angeboten ein Ende zu bereiten. Gemeinsam mit dem Deutschen Ethikrat hätten wir uns gewünscht, dass Babyklappen und Einrichtungen zur anonymen Geburt nun unverzüglich verboten werden. Jetzt haben wir die Situation, dass die Mutter wählen kann zwischen vertraulicher Geburt auf gesetzlicher Grundlage und Babyklappe ohne gesetzliche Grundlage. Das ist inkonsequent - auf der Autobahn ist rechts überholen verboten. Niemand käme auf die Idee, es trotzdem stillschweigend zu tolerieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist die vertrauliche Geburt eine echte Alternative zur Babyklappe?

Sacher: Der Vorteil der vertraulichen Geburt ist, dass sie einen sicheren Rahmen für Mutter und Kind schafft. Es existiert kein Recht, sich der Verantwortung für das Kind durch anonyme Abgabe zu entziehen. Terre des Hommes dokumentiert und veröffentlicht seit einigen Jahren die Zahlen der jährlich tot und lebend aufgefundenen ausgesetzten Neugeborenen. Sie sind in den letzten sieben Jahren trotz der Existenz von Babyklappen nicht rückläufig. Frauen, die in Panik sind oder unter extremem Druck stehen, handeln nicht rational und suchen sich nicht die nächstgelegene Babyklappe.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie gehen auch nicht in ein Krankenhaus, wo ihre persönlichen Daten aufgenommen und 16 Jahre verwahrt werden.

Sacher: Dennoch bietet ihnen die vertrauliche Geburt die Möglichkeit, in der Not auf gesetzlicher Grundlage zu handeln und sich nicht auch noch strafbar zu machen. Diejenigen, die in Panik handeln, sind zweifellos sehr schwer zu erreichen. Deswegen wünschen wir uns einen stärkeren Ausbau der Beratungs- und Betreuungsangebote für Schwangere in Konfliktsituationen. Die Regierung sollte die Möglichkeit der vertraulichen Geburt bekannt machen und dafür sorgen, dass über diese Option in der Schwangeren-Konfliktberatung aller Sozialverbände und sonstiger Einrichtungen informiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um das Recht des Vaters, von der Existenz seines Kindes zu erfahren?

Sacher: Die Rechte der Väter spielen auch beim Gesetz zur vertraulichen Geburt leider kaum eine Rolle. Das Gesetz befasst sich mit der Frage, wie und mit welcher Frist die Anonymität der Mutter geschützt wird. Wenn sie nicht will, hat der Vater keine Chance, von der Existenz des Kindes zu erfahren. Dazu hatte der Deutsche Ethikrat schon 2009 weitergehende Vorschläge gemacht, die aber nicht berücksichtigt sind.

Das Interview führte Annette Langer

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insgesamt 8 Beiträge
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1. optional
sincere 07.06.2013
Was ist eigentlich mit den Vätern? Haben die kein Recht zu wissen ob da ein Kind ist bzw wo es ist? Ein ziemlich kranker Gedanke da man hier dem Kind und dem Vater die Möglichkeit nimmt zusammen zu sein.
2. Kein Titel
JoachimSch 07.06.2013
---Zitat--- weil nicht alle aufgefundenen Kinder den Behörden gemeldet wurden und die Findelbabys möglicherweise später nichts über ihre Eltern erfahren. ---Zitatende--- Wie soll das denn gehen? Werden die unter der Hand vom Krankenhaus weitergegeben? ---Zitat--- Sie sind in den letzten sieben Jahren trotz der Existenz von Babyklappen nicht rückläufig. Frauen, die in Panik sind oder unter extremem Druck stehen, handeln nicht rational und suchen sich nicht die nächstgelegene Babyklappe. ---Zitatende--- Wenigstens sind die nicht gestiegen? Da sich die Lebensumstände vieler nicht wirklich verbessert haben, sollte man heutzutage vielleicht fast froh sein wenn die Zahl stagniert. Darüber hinaus wundere ich mich, wie terre des hommes die Potenziellen Nutzer so binär in Gruppen einteilen kann. Anscheinend gibt es bei denen nur "Panik und unter Druck stehend" und "Friede Freude Eierkuchen". Eigentlich kann man das ganze auf eine Frage runterkochen: Was ist es terre des hommes Wert, dass Kinder von ihren Eltern erfahren? Wenn durch Babyklappen auch nur eine handvoll Kinder nicht sterben müssen wiegt das meiner Meinung nach höher als das Wissen um die eigenen Eltern.
3. völlig krank... was ist, wenn der Vater
homo-rationalis 07.06.2013
Ich finde die Regelung völlig krank... 1. was ist, wenn der Vater das Kind haben will. Er hat dann NULL Chance a) von der Existenz seines Kindes zu erfahren und b) das Sorgerecht für das Kind zu kriegen. 2. Was ist wenn der Vater das Kind in Babyklappe abgeben will ohne die Zustimmung der Mutter. Weshalb macht der Vater sich dann strafbar?
4. Väterpflicht
G.Real 07.06.2013
Solange Behörden, wie etwa Staatsanwaltschaften, Gerichte und die allgemeine Öffentlichkeit die emotionale und insbesondere finanzielle Vernachlässigung der Kinder durch die Erzeuger, sei es ohne Ehe, sei es nach der Ehescheidung, bestenfalls als bedauerliches, aber unvermeidbares Kavaliersdelikt ("Die Männer sind eben so!") hinnimmt, solange dient die Frage nach dem Väterrecht der verschwindend geringen Zahl von benachteiligten Erzeugern nur der Ablenkung vom Kern des Problems: Vaterschaft und ihre Pflichten beginnt mit der Schwangerschaft; es besteht insbesondere die Pflicht, die Schwangere fürsorglich zu behandeln: sie ist im Regelfall gerade so von der Schwangerschaft überrrascht und überfordert wie der Erzeuger: diese muss die Schwangerschaft aushalten, trennt sich schlimmstenfalls unter größten seelischen Schmerzen von ihrem Kind, jener macht sich auf und davon "zum Nachdenken" mit einem Spatzengehirn, wie jüngst noch in meinem Bekanntenkreis geschehen. Nur letztere sind das dringend zu lösende Problem, nicht die ganzr wenigen, armen Erzeuger, denen ja immerhin der EGMR und das BVerfG geholfen haben. Der Umgang einer Gesellschaft mit den schwächsten ihrer Mitglieder, mit Babys und Kindern, alleinerziehenden Müttern und Alten und Kranken ist m.E. ein untrügliches Symptom für den Zustand der Gesellschaft. Der französische Kassationsgerichtshof hat schon vor einigen Jahren m.E. ganz zutreffend den Kindern (!) aus anonymen Geburten das Recht gewährt, ihre Abstammung zu erfahren.
5. Mütterpflicht
wastl300 07.06.2013
Zitat von G.RealSolange Behörden, wie etwa Staatsanwaltschaften, Gerichte und die allgemeine Öffentlichkeit die emotionale und insbesondere finanzielle Vernachlässigung der Kinder durch die Erzeuger, sei es ohne Ehe, sei es nach der Ehescheidung, bestenfalls als bedauerliches, aber unvermeidbares Kavaliersdelikt ("Die Männer sind eben so!") hinnimmt, solange dient die Frage nach dem Väterrecht der verschwindend geringen Zahl von benachteiligten Erzeugern nur der Ablenkung vom Kern des Problems: Vaterschaft und ihre Pflichten beginnt mit der Schwangerschaft; es besteht insbesondere die Pflicht, die Schwangere fürsorglich zu behandeln: sie ist im Regelfall gerade so von der Schwangerschaft überrrascht und überfordert wie der Erzeuger: diese muss die Schwangerschaft aushalten, trennt sich schlimmstenfalls unter größten seelischen Schmerzen von ihrem Kind, jener macht sich auf und davon "zum Nachdenken" mit einem Spatzengehirn, wie jüngst noch in meinem Bekanntenkreis geschehen. Nur letztere sind das dringend zu lösende Problem, nicht die ganzr wenigen, armen Erzeuger, denen ja immerhin der EGMR und das BVerfG geholfen haben. Der Umgang einer Gesellschaft mit den schwächsten ihrer Mitglieder, mit Babys und Kindern, alleinerziehenden Müttern und Alten und Kranken ist m.E. ein untrügliches Symptom für den Zustand der Gesellschaft. Der französische Kassationsgerichtshof hat schon vor einigen Jahren m.E. ganz zutreffend den Kindern (!) aus anonymen Geburten das Recht gewährt, ihre Abstammung zu erfahren.
Zum Kinderkriegen braucht es immer 2 Wenn Frau einen verantwortungslosen Mann erwischt - Pech Wenn Frau einem Mann ein Kind aufzwingt (vorgetäuschte Verhütung) darf sie sich nicht wundern wenn Mann weg (kein Vertrauensverhältnis) Eine schwangere Frau ist weder krank noch hilflos und schwach. Das Recht seine Eltern zu erfahren finde ich erschwerend. Vielfach ist es besser seine Erzeuger nicht zu kennen. Selbst bei Samenspende droht dem Spender eine Vaterschaftsklage mit Unterhaltszahlung. Ehescheidungen und getrennte Paare werden nicht nur vom Mann erzwungen. Hier sind auch Frauen zumindest gleich viel schuld. Im Zuge der Gleichberechtigung ist dies alternativlos. Natürliche Abläufe wie Kinderkriegen sind nicht zu ändern (Hier sollten manche Frauen sensibilisiert werden). Ich bin für anonyme Geburten. Zum Wohle des Kindes (Eltern sind hier sekundär) Was ich anprangere in D ist die schlechte Kinderversorgung bei Berufstätigen. Es wird Zeit die Kinderkrippen zu fördern, ebenso wie die Freizeitbetreuung durch Sport, Lerngruppen, usw. Auch wenn sie anscheinend schlechte Erfahrungen mit Männer haben. Schon mal überlegt: selbst schuld?
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  • terre des hommes
    Danuta Sacher ist Vorstandsvorsitzende des internationalen Kinderhilfswerks Terre des Hommes. Zuvor leitete sie die entwicklungspolitische Abteilung von "Brot für die Welt". Von 1995 bis 2001 wirkte sie in Zentralamerika als Direktorin eines internationalen Flüchtlingshilfsprogramms. Sacher studierte Geografie, Soziologie und Kommunikationswissenschaften und gehört der Kammer für nachhaltige Entwicklung der Evangelischen Kirche in Deutschland an.