Interview zum Adenauer-Attentat "Historiker haben Scheuklappen"

Menachem Begin war Drahtzieher des Anschlags auf Bundeskanzler Adenauer - so die Schilderung eines noch lebenden Attentäters, auf die der Journalist Henning Sietz jetzt gestoßen ist. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erläutert er die Rolle des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Geschichte über das Attentat auf Bundeskanzler Adenauer 1952 beschrieben und sind dabei auf das Buch "Im Auftrag des Gewissens" des Attentäters Elieser Sudit gestoßen. Sudit beschreibt darin den späteren Menachem Begin als Drahtzieher des Anschlags. Wie haben Sie von der Geschichte erfahren?

Kanzler Adenauer
DPA

Kanzler Adenauer

Sietz: Über die Person, die mir das Buch von Elieser Sudit geschickt hat, will ich nichts sagen. Meine Recherchen zum Attentat auf Konrad Adenauer begannen im Herbst 2001. Acht Monate dauerte die Suche nach der verschollenen Ermittlungsakte. Nach der Veröffentlichung des Buches "Attentat auf Adenauer" im Sommer 2003 haben sich immer wieder Leute gemeldet, die Hinweise gaben. Dann machte die ARD eine 45-minütige Dokumentation über das Attentat auf der Grundlage des Buches. Sie wurde im Sommer 2005 erstmals gesendet. Auch danach haben sich wieder Personen gemeldet, die Informationen gaben. Eine von ihnen sagte: "Es gibt da diese Schrift von einem der Täter."

SPIEGEL ONLINE: Wie genau war Begin an dem Anschlag beteiligt?

Sietz: Sudits Schwiegervater war mit Begin befreundet. Über ihn wurde die Idee "irgendetwas zu machen" an Begin heran getragen. Sudit und Begin trafen sich dann unter konspirativen Bedingungen zu einem Gespräch unter vier Augen. Danach gründete Begin ein "Organisationkomitee", dessen Mitglieder Knesset-Abgeordnete der rechtszionistischen Cheruth-Partei waren oder ihr nahestanden. Diese Gruppe hat das Attentat geplant, Begin war immer dabei. Er wollte unter allen Umständen das geplante Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel verhindern, bei dem Israel Geld als Entschädigung bekommen sollte. Sudit hat sich dann als Aktivist angeboten, Begin hat dem zugestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie überrascht, als Sie herausgefunden haben, dass Begin Auftraggeber des Attentats auf Adenauer war?

Sietz: Ja, in dieser Deutlichkeit hat es mich schon überrascht. Natürlich hatte ich mir früher überlegt, ob Begin dahinter gestanden haben könnte. Es gab aber keine Anhaltspunkte dafür. Erst als diese Schrift von Sudit auftauchte, war es dann in aller Klarheit gesagt. An der Glaubwürdigkeit von Sudits Darstellung habe ich keine Zweifel. Sudit steht bis heute zu der Tat und identifiziert sich mit ihr. Er schreibt in einem heroischen Tonfall, als wäre der Anschlag eine heldenhafte Tat des israelischen Volkes gewesen. Und er schreibt in sehr wohlwollenden Worten über Begin - das ist fast schon Verehrung.

SPIEGEL ONLINE: Das Buch von Sudit ist bereits 1994 erschienen. Warum hat es so wenig Aufmerksamkeit erregt?

Sietz: Ich denke, es gibt da kulturelle und sprachliche Barrieren - das Buch ist auf hebräisch geschrieben. Hinzu kommt, dass das Buch ein Eigendruck ist und keine ISB-Nummer hat.

Anschlag auf Adenauer
Am 27. März 1952 explodierte im Münchner Polizeipräsidium ein an Bundeskanzler Konrad Adenauer adressiertes Sprengstoff-Paket. Ein Polizist kam dabei ums Leben. Wenige Tage nach dem Attentatsversuch auf Adenauer wurden in Paris im April 1952 fünf Israelis festgenommen. Vier von ihnen waren Mitglieder der rechtszionisitschen Cheruth-Partei des späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin (1977 bis 1983) oder hatten vor 1948 in der zionistischen Terror-Organisation Etzel gekämpft.

Dass rechtszionistische Israelis Adenauer töten wollten, hing auch mit seiner Rolle in den deutsch-israelischen Verhandlungen um eine finanzielle "Wiedergutmachung" gegenüber den Juden zusammen. Begin nannte die Gelder "Blutgeld" des "Mördervolkes".
SPIEGEL ONLINE: Der israelische Ministerpräsident David Ben Gurion und Bundeskanzler Konrad Adenauer haben das Attentat von 1952 bewusst unter den Teppich gekehrt, um den Annäherungsprozess zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland nicht zu gefährden. Aber auch Historiker haben den Anschlag lange tabuisiert. Warum eigentlich?

Sietz: Es ist in der Tat verwunderlich, dass zu der Ermittlungsakte zum Attentat, die in München liegt, keine einzige Anfrage eines Historikers vorliegt. Eine Ausnahme ist ein Passage in dem Buch des ehemaligen deutschen Botschafters in Israel Niels Hansen, der eine Zusammenfassung des damals bekannten Materials zum Attentat auf Adenauer gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich es, dass Historiker sich anscheinend nicht für das Attentat interessieren?

Sietz: Es gab die Geheimhaltung der Ermittlungen. 1952 wurde ja über das Attentat nur zwei, drei Wochen berichtet. Dann war plötzlich alles unter einem Deckel, dadurch geriet der Anschlag in Vergessenheit. Zum Zweiten haben wohl auch Historiker Scheuklappen gehabt. Sie wollten an diesem Thema nicht rühren, vielleicht um sich nicht den Vorwurf des Antisemitismus einzuhandeln - was ich für etwas kurzsichtig halte. Man kann kein Ereignis dieser Größenordnung unter den Teppich kehren: Irgendwann fängt der Teppich an, sich zu bewegen. Man muss sich nur vorstellen, jemand, der später Regierungschef etwa von Frankreich oder Großbritannien wurde, hätte in seiner Jugend ein Sprengstoffattentat auf einen deutschen Kanzler verübt. Was wäre heute los, wenn das bekannt würde? Aber bei der Konstellation Israel-Deutschland gibt es eben starke Hemmungen, ja geradezu Scheuklappen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle hat Begin denn 1952 in Israel gespielt?

Sietz: Er war Knesset-Abgeordneter der Partei "Cheruth", deren Chef er war. Vor allem aber war er politisch isoliert. Seine politische Isolation hängt auch mit dem berühmten Fall des Schiffes "Altalena" zusammen, das im Sommer 1948 von den rechtszionistischen Etzel-Leuten mit Freiheitskämpfern, Waffen und Munition von Frankreich aus nach Palästina geschickt worden war. Ministerpräsident Ben Gurion forderte die Leute auf dem Schiff auf, ihre Waffen abzugeben, sonst würde er das Schiff beschießen lassen - was er dann auch befahl. Für Begin war das die größte Niederlage seines Lebens, diesen Schock hat er viele Jahre nicht überwinden können. Er wollte dem jüdischen Volk helfen, aber dieses Geschenk wurde zurückgewiesen. Und von da an war Begin isoliert. Er war zwar Knesset-Abgeordneter mit einigen anderen vom Etzel, aber Ben Gurion hat keine Gelegenheit ausgelassen, ihn zu demütigen und zu provozieren. Begin war lange vollkommen deprimiert darüber. Ich vermute, dass er mit dem Widerstand gegen das Zahlungsabkommen, wozu das Attentat auf Adenauer gehört, wieder eine politische Rolle in Israel spielen wollte. Es bestand also eine sehr große Rivalität zwischen Begin und Ben Gurion.

SPIEGEL ONLINE: Kann Ben Gurion denn geahnt haben, dass Begin der Drahtzieher des Attentats war?

Sietz: Damals waren die israelischen Geheimdienste gerade im Aufbau begriffen. In Holland, wo die Verhandlungen um die finanzielle Wiedergutmachung der Bundesrepublik an den Staat Israel stattfanden, gegen die sich Begin und seine Leute so wehrten, waren etliche israelische Sicherheitsleute. Wie groß die Erkenntnisse waren, kann ich aber nicht sagen, weil ich die Akten darüber nicht gesehen habe. Es ist zudem bis heute völlig unbekannt, ob der israelische Staat aktiv Ermittlungen zum Attentat geführt hat. Der zweite Haupttäter des Anschlags, Jakow Hewel, ist ja zum Beispiel nach Israel zurück gekehrt. Er war im rechten Spektrum sehr bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle hat denn das Attentat für die weitere Politik Deutschlands gegenüber Israels gespielt?

Sietz: Das ist eine Frage, die Spezialisten klären müssen - jemand wie der ehemalige deutsche Botschafter in Israel, Niels Hansen. Die Beantwortung dieser Frage wäre nun der nächste Schritt, der ansteht. Ich weiß nur, dass Ben Gurion und Konrad Adenauer sich zwei- oder dreimal gesehen haben. Die Beziehungen zwischen Israel und der BRD wurden ja erst 1965 aufgenommen. Beide Politiker haben das Attentat heruntergespielt, sie haben ihm keine Bedeutung beigemessen. Adenauer sagte damals: "Für mich ist das die Tat eines Verrückten."

Das Interview führte Anna Reimann



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