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Sex unter Geschwistern: Ethikrat empfiehlt Änderungen am Inzest-Paragrafen

Wenn zwei erwachsene Geschwister miteinander schlafen, machen sie sich strafbar - auch dann, wenn der Sex einvernehmlich ist. Der Deutsche Ethikrat empfiehlt, dies zu ändern. Das Strafrecht sei nicht das richtige Mittel, gesellschaftliche Tabus zu bewahren.

Berlin - Der Deutsche Ethikrat hat sich in die Debatte über das Inzestverbot eingeschaltet. Das Gremium empfiehlt in einer ausführlichen Stellungnahme, den Paragrafen 173 des Strafgesetzbuches in Teilen zu ändern. Derzeit ist darin grob gesagt festgelegt, dass vaginaler Sex zwischen erwachsenen Verwandten unter Strafe steht.

Konkret empfiehlt der Ethikrat in dem am Mittwoch veröffentlichten Report zwei Änderungen im Inzest-Strafrecht:

  • Einvernehmlicher Sex unter erwachsenen Geschwistern soll nicht mehr strafbar sein. "Die Mehrheit des Deutschen Ethikrates ist der Auffassung, dass das Strafrecht nicht das geeignete Mittel ist, ein gesellschaftliches Tabu zu bewahren", teilte das Gremium mit. Das Grundrecht der erwachsenen Geschwister auf sexuelle Selbstbestimmung sei in diesen Fällen stärker zu gewichten als das abstrakte Schutzgut der Familie - zumal dem Ethikrat ausschließlich Fälle bekannt geworden seien, in denen Halbgeschwister nicht gemeinsam aufwuchsen und sich erst im Erwachsenenalter kennenlernten.
  • Einvernehmlicher Sex unter Geschwistern soll auch dann nicht mehr strafbar sein, wenn einer der Partner noch unter 18 Jahren alt ist und ein "lebenspraktischer Familienverbund", der durch die sexuelle Beziehung geschädigt werden könnte, nicht mehr besteht.

Wenn hingegen der minderjährige und der erwachsene Partner noch in einem Familienverbund leben, überwiegt dem Ethikrat zufolge der Schutz der Familie. Deshalb sollte Sex in diesen Fällen strafbar bleiben. Der Ethikrat plädiert dann sogar für eine Ausweitung der Strafbarkeit auf andere sexuelle Handlungen "von erheblichem Gewicht", beispielsweise Analverkehr.

Das Beratergremium war in seinem Votum gespalten. Von 25 Mitgliedern sprachen sich 14 für die Änderungen und neun dagegen aus. Zwei Mitglieder enthielten sich. Rechtliche Verbindlichkeit hat die Stellungnahme des Ethikrates nicht.

Hintergrund des Reports ist der Fall eines Geschwisterpaares aus Sachsen, das vier Kinder zeugte. Bruder und Schwester wurden verurteilt, gingen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, um den Schuldspruch zu kippen - und scheiterten.

Inzest ist dem Ethikrat zufolge in westlichen Gesellschaften sehr selten. Man sehe es aber auch als die eigene Aufgabe an, "sich auch mit Problemen zu befassen, die zwar nur wenige Menschen betreffen, dies aber unter Umständen in tiefgreifender Weise".

ulz

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