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Inzest-Fall in Amstetten: Hetzjagd auf die Opfer des Josef Fritzl

Aus Amstetten berichtet

Im Landesklinikum Amstetten ist Familie Fritzl sicher. Ein Therapeutenteam kümmert sich um die traumatisierten Opfer - und schirmt sie hermetisch ab. Denn draußen läuft eine hemmungslose Jagd. Fotografen klettern auf die Bäume vor der Klinik, ein TV-Team brach sogar ein.

Amstetten - Unter den Bewohnern im österreichischen Amstetten hat sich die Aufregung gelegt, die Sensationslust geht dagegen in die nächste Runde: Reporterteams aus der ganzen Welt gieren nach dem ersten Foto, warten auf das erste Statement eines der Opfer.

Ein belgisches Fernsehteam wurde dabei erwischt, wie es in eines der stattlichen Gebäude des Landesklinikums Amstetten-Mauer eindringen wollte. Fotografen kletterten auf Bäume, um in höher liegende Räume Einblick zu bekommen, Reporter krochen durchs Gestrüpp von hinten an die Klinik heran. In der Klinik selbst kam es zu einem Handgemenge, weil ein Reportertrupp überfallartig ein Gebäude stürmte. Nur mit Hilfe der Pfleger konnten sie wieder herausgedrängt werden.

"Der Schutz der Familie hat oberste Priorität. Eine Sekundärtraumatisierung durch solch einen Vorfall muss dringend verhindert werden", empört sich Kliniksprecher Klaus Schwertner gegenüber SPIEGEL ONLINE. Dass man sich jetzt nicht nur bedingungslos auf die Pflege der Traumatisierten konzentrieren dürfe, sondern nebenbei eine Horde internationaler Journalisten im Zaum halten müsse - damit hat in dem 2000-Einwohner-Ort Mauer, das idyllisch zwischen Ybbs und Url liegt, niemand gerechnet.

Seither ist die imposant wirkende Nervenklinik die bestbewachte in der Alpenrepublik: Ein externer Sicherheitsdienst ist im Einsatz, die Betriebsfeuerwehr kontrolliert alle Zugänge, Polizisten laufen Patrouille, Wachpersonal lauert mit Wärmebildkameras und Suchhunden neugierigen Journalisten auf. Auf dem Gelände herrscht absolutes Dreh- und FotografierVerbot.

Rosemarie Fritzl, ihre Tochter Elisabeth und deren fünf Kinder leben in einem geschützten Bereich in einem der Gebäude. "Sie werden noch länger hier bleiben. Noch immer können sie nicht ausführlich befragt werden. Das kann noch lange dauern", sagt Schwertner.

Für den ersten Schnappschuss werden in der Branche hohe Summen geboten. Natascha Kampusch, die nach ihrer Gefangenschaft bewusst an die Öffentlichkeit getreten war, soll mit den Gagen für ihre Auftritte finanziell ausgesorgt haben. Heute bereut sie diesen Schritt - und rät Elisabeth Fritzl und deren Kindern ab, ihre Geschichte zu verkaufen. In der Kanzlei ihres Anwalts Christoph Herbst stapeln sich bereits die Millionenangebote für Interviews und Fotostorys.

Abstruse Neuigkeiten erschweren die Ermittlungen

Im acht Kilometer entfernten Amstetten haben sich die Bewohner an den zweifelhaften Ruhm gewöhnt. Die Amstettener haben ein neues Ausgehziel. Frisch frisierte Damen flanieren in der Ybbsstraße um Haus Nummer 40 herum, Pärchen schlendern bewusst im Zeitlupentempo an den Übertragungswagen in der benachbarten Dammstraße vorbei.

Von hier aus hat man den berühmten Blick auf den klobigen Betonklotz, in dem Josef Fritzl lebte, und auf den verschachtelten Garten mit der hölzernen Laube, dem abgemeldeten Amischlitten und dem Eingang zum Keller. Kichernde Jugendliche haben die kleine Seitenstraße zum Laufsteg deklariert, neugierige Mittsechziger staksen auf und ab. Manche der angeblichen Neuigkeiten klingen ziemlich abstrus.

Ein ehemaliger Nachbar will gar seit Jahren gewusst haben, dass Josef Fritzl über seine Tochter herfiel. "Die Elisabeth ist immer wieder von ihrem Vater vergewaltigt worden. Sie hat es zuhause nicht mehr ausgehalten und ist deshalb abgehauen", erzählte Josef L. dem Privatsender ATV. Aus Angst vor Josef Fritzl sei er jedoch nie zur Polizei gegangen. Noch heute plagten ihn deshalb Alpträume, erzählt er munter.

Trittbrettfahrer - Sind die Journalisten Schuld?

Ins Rampenlicht drängelte auch Alfred Dubanovsky, der zwölf Jahre bei Fritzl im Haus lebte, und sich auf einmal an allerhand Merkwürdigkeiten erinnerte: Wer den Keller betreten wollte, dem sei mit fristloser Kündigung gedroht worden, plapperte er herum. Fotografieren sei immer streng verboten gewesen, Fritzl habe sogar angekündigt, eines Tages werde dieses Haus noch Geschichte schreiben - und außerdem habe er Klopfgeräusche vernommen, behauptet Dubanovsky.

"Der kann froh sein, dass er nicht richtig im Kopf ist, sonst hätte man ihn wegen Beweismittelunterdrückung anzeigen können", echauffiert sich Franz Polzer, Chef des Landeskriminalamtes Niederösterreich, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Solche Trittbrettfahrer erschweren die Ermittlungen." Oft seien sie auch das Ergebnis ambitionierter Recherchearbeit. "Die Journalisten suchen dringend nach Neuigkeiten - und dann fühlt sich der eine oder andere dazu berufen, sich wichtig zu machen."

Polzer selbst hat in den vergangenen fünf Tagen 3000 Interviews gegeben, schätzt er. "Ich hatte Anrufe aus Australien, Mexiko, Tokio." 2500 Journalisten von BBC bis Al-Dschasira hatten nach Angaben der Polizei zeitweise ihre Zelte in Amstetten aufgeschlagen.



Was den Andrang von Reportern angeht, ist es etwas ruhiger geworden im Mostviertel. Mittlerweile können die Polizisten, die seit Sonntag rund um die Uhr das Haus der Fritzls bewachen, über den Medienhype sogar schmunzeln. "Da waren schon komische Vögel dabei", erzählt der eine. "Bei einigen weiß ich bis heute nicht, was für eine Sprache die gesprochen haben."

"Die Tat ist mit Mord vergleichbar"

"Das Schlimmste ist überstanden", sagt Polzer. "Bisher kann ich nicht bestätigen, dass der Fritzl ein mordendes Monster ist. Noch haben wir kein Mordopfer - aber für mein Dafürhalten ist dieses Verbrechen nicht weniger schlimm als Mord. Denn er hat seine Tochter nicht nur am laufenden Band vergewaltigt, sondern ihr 24 Jahre ihres Lebens geraubt."

Wie er mit seinem Lügenkonstrukt so viele Menschen hinters Licht führen konnte, das will die Kripo möglichst schnell herausfinden. "Mittlerweile wissen wir, dass er nur in großen Supermärkten große Mengen Nahrungsmittel kaufte, die er nachts in den Keller brachte", sagt Polzer. "Einzelheiten werden geprüft."

Mit moderner Sonartechnik werde derzeit jeder Winkel des Grundstückes untersucht, sagte Chefermittler Leopold Etz. "Wir wollen ausschließen, dass es noch mehr Verstecke gibt." Bei den Tatortarbeiten haben die Kriminaltechniker eine zweite Stahltür entdeckt, die ebenfalls - wie der Verlieseingang - mit einer Funksteuerung zu öffnen war. Die Arbeit in dem 60 Quadratmeter großen und gerade einmal 1,70 Meter hohen Kerker sei anstrengend, erzählt Etz.

Aufgetaucht ist mittlerweile auch die Strafakte der Vergewaltigung am 6. Oktober 1967, für die Fritzl 18 Monate im Gefängnis saß. Damals hatte der vierfache Vater eine Frau ausspioniert, deren Mann als Eisenbahner nachts arbeitete. Er stieg durch ein Fenster ein und vergewaltigte die damals 24-Jährige in ihrem Ehebett.

Der Abdruck seiner Handfläche auf dem Fensterbrett überführte ihn. Eine 21-Jährige hatte ihn unbekannterweise wenige Wochen zuvor angezeigt, weil er sie im Ebelsbergerwald überfallen hatte. Die Akte staubte bis jetzt im Gerichtskeller des Landesarchivs vor sich hin. Im Jahr 1984 wurde die Vorstrafe getilgt - 15 Jahre nach der Vergewaltigung. Im selben Jahr entführte er seine Tochter Elisabeth und sperrte sie in seinen Keller.

Die Sicherheitsmaßnahmen der Klinik, in der die Opfer betreut werden, haben die Journalisten zwar vertrieben - jedoch nur auf den ersten Blick. Zwar sitzt keiner auf einem Baum oder robbt durchs Gebüsch. Aber in Fünf-Meter-Abständen sieht man sie: Zeitung lesend im geparkten Mietwagen an der Ecke, auffällig unauffällig an dem fast zwei Meter hohen Zaun spazierend, schlafend auf dem Beifahrersitz eines Übertragungswagen.

Das mediale Interesse ist der Einzigartigkeit dieses Verbrechens geschuldet. "Auch für mich ist dieser Fall der unglaublichste meiner bisherigen Amtszeit," sagt LKA-Chef Polzer. "Rücksicht auf die Opfer sollte es dennoch geben."

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