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Inzest-Opfer Elisabeth Fritzl: "Das ist Gehirnwäsche - Widerstand ist da undenkbar"

Von , Wien

24 Jahre lang Missbrauch im Verlies - Elisabeth Fritzl überlebte einen Leidensweg, der die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Die Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner erläutert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Ausnahmesituation der Frau, von der die ganze Welt spricht.

SPIEGEL ONLINE: Frau Professor Perner, mehr als die Hälfte ihres Daseins hat Elisabeth Fritzl in einem Keller fristen müssen. Sie hat dort, vermutlich auf sich allein gestellt, Kinder gebären und Verantwortung für sie übernehmen müssen. Sie hat überlebt. Lässt das Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit zu?

Perner: Man kann davon ausgehen, dass ihre Widerstandskraft von Beginn des Freiheitsentzuges extrem geschwächt wurde, ebenso wie ihr körperliches Potential. In diesem Zusammenhang von Verantwortung den Kindern gegenüber zu sprechen, halte ich fast für zynisch, denn Menschen in solchen Extremsituationen verlieren ihre sozialen Fähigkeiten. Sie werden "wild", im besten Fall "nur" depressiv. Das belegt die Gefangenschaft von KZ-Häftlingen, die wenigstens einander hatten. Menschen ohne Ansprache werden nach kurzer Zeit psychotisch. Insofern hat die Existenz der Kinder Elisabeth Fritzls Gesundheit gut getan.

Zur Person
Helmut Klein
Rotraud A. Perner, Jahrgang 1944, ist Juristin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin sowie langjährige Gerichtssachverständige. Sie schrieb bisher 35 Fachbücher zu Sexualität, Gewalt und Salutogenese, u.a. "Die Wahrheit wird euch frei machen - Sexuelle Gewalt im kirchlichen Bereich und anderswo. Prävention, Behandlung, Heilung" (Gezeiten Verlag). www.perner.info
SPIEGEL ONLINE: Der lebensbedrohliche Zustand ihrer Tochter Kerstin hat Elisabeth Fritzl letztlich das Leben gerettet, weil das die Ereignisse anstieß, die zur Aufdeckung des Verbrechens führten.

Perner: Das hat er schon davor, denn die Fürsorge um das kranke Kind hat sie dazu motiviert, für die Tochter zu leben. Die Erfahrung zeigt: Menschen nehmen das Martyrium klaglos auf sich und erst, wenn sie sehen, dass es jemandem noch dreckiger geht, wehren sie sich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Beziehung musste Elisabeth zu ihrem Peiniger in all den Jahren aufbauen, um zu überleben?

Perner : Die Beziehung hat sie nicht aufgebaut, sie wurde ihr aufgedrängt. Sie hatte keine Wahl. Ihre Persönlichkeitsstruktur scheint eine komplett andere zu sein als die der Natascha Kampusch, die viel Kraft entwickelt hat, um zu wissen, wie sie mit ihrem "Kerkermeister" umzugehen hat. Aber in diesem Fall war ihr Peiniger ein Fremder, da fällt es oft leichter. Bei Elisabeth Fritzl war der Täter der eigene Vater. Dadurch relativiert sich das Opfer-Sein: "Bin ich Opfer oder bin ich schlimm?"

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit spielt die Größe des Verlieses eine Rolle?

Perner : Sie verstärkt die Angst. In Räumen, die sehr hoch sind, fühlen wir uns sehr klein. In kleinen Zimmern entsprechend mickrig, gefesselt. Ein despotischer Kerkermeister kann dadurch die Aktivität seines Opfers unterbinden und seine Macht verstärken. Ein Glück war es, dass sie einen Fernseher und ein Radio hatte.

SPIEGEL ONLINE: Elisabeth Fritzl wurde bereits als Kind und noch in Freiheit lebend von ihrem Vater missbraucht. Zweimal soll sie versucht haben, zu fliehen, kam aber beide Male zurück. Warum?

Perner : Wir wissen nicht, ob sie freiwillig zurückkam. Misshandelte Menschen kommen zurück, weil sie keine Alternative haben. Gerade Kinder und Jugendliche schonen ihre Eltern. Wenn sie sich entscheiden müssen, ob der Vater "gut" oder "böse" ist, entscheiden sie sich immer für "gut". Ich arbeite seit mehr als 40 Jahren in meinem Beruf und kann sagen: Ich kenne so viele Frauen, die nicht ihre Beziehung zu ihrem schlagenden Mann beenden. Sie hoffen, wenn sie sich ducken, wird alles wieder gut. Und Kinder, die die Kraft haben, sich zu wehren, landen im Heim für Schwererziehbare. Sie werden als "schreckliche Kinder" verurteilt - aber man vergisst oft: Hinter ihnen stecken "schreckliche Eltern".

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Elisabeth Fritzl nach jetzigem Wissensstand in den 24 Jahren ihrer Gefangenschaft nicht versucht, sich zu wehren, auszubrechen?

Perner : Sie konnte sich wohl aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur und ihres Denkvermögens nicht wehren. Despoten wie Josef Fritzl wollen nur ihren Willen durchsetzen und dass man nur nach ihrer Denkweise funktioniert: Das ist Gehirnwäsche. Und die erfolgt in Phasen: Zuerst bettelt sie um Gnade, er bestraft sie noch mehr und droht ihr. Dadurch bricht er ihre Widerstandskraft, die in dem Alter, als sie eingesperrt war, ebenso wenig abschließend ausgebildet war wie ihr körperlicher, seelischer und geistiger Zustand. Ein Widerstand ist da undenkbar.

SPIEGEL ONLINE: Und von Seiten der beiden erwachsenen Kinder, die mit eingesperrt waren?

Perner : Ich vermute, Elisabeth Fritzl wird ihnen eine Erklärung gegeben haben, warum das Leben im Fernseher ein anderes ist als ihres. Aber sie wird ihnen keine nähere Information oder gar die Wahrheit gegeben haben, weil die sonst zur Rebellion geführt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat sie ihre Kinder vermutlich dazu erzogen, Josef Fritzl ebenso unterwürfig und devot gegenüber zu treten?

Perner : Davon kann man ausgehen - wir lernen von unseren Bezugspersonen. Wir wissen nicht, ob Fritzl nur als großer Essenspender auftauchte und sich ab und zu mit ihrer Mutter zurückzog. Aus meiner Erfahrung identifizierten sie sich entweder mit der Mutter, mit dem "Kerkermeister" oder dem, was sie im Fernsehen gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Verwandte erzählen, dass Fritzl auch seine Ehefrau Rosemarie beherrscht und unterdrückt habe. Hätte er auch die Ehefrau zu seiner Sklavin machen können?

Perner : Theoretisch ja. Viele Männer sperren ihre Frauen ein. Doch in dem Fall war es noch einfacher, sich einen Menschen gefügig zu machen, den man seit dem elften Lebensjahr missbrauchte.

SPIEGEL ONLINE: Elisabeth Fritzl soll im Gespräch mit der Polizei gesagt haben: "Ich weiß nicht, warum sich mein Vater mich ausgesucht hat." Ist die Wahl des Täters zu erklären?

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