Inzest-Verbrecher Josef F.: "Er hat alle getäuscht"

24 Jahre lang hielt er seine Tochter gefangen - und zeugte sieben Kinder mit ihr. Jetzt hat Josef F. gestanden, und die Ermittler sind sich sicher: Er hat seine komplette Umgebung mit perfiden Lügen getäuscht. Doch vor kurzem machte der 73-Jährige einen Fehler.

Wien - Als "freundlich und ganz nett", als "sympathisch und unauffällig" beschreiben die Anwohner in der Ybbsstraße von Amstetten ihren Nachbarn Josef F.

Niemand will geahnt haben, dass der heute 73-Jährige ein unfassbares Verbrechen beging. Er hielt seine Tochter Elisabeth gefangen, nachdem er sie bei der Polizei als vermisst gemeldet hatte. Er schlug sie, vergewaltigte sie immer wieder, zeugte sieben Kinder mit ihr - als ein Säugling starb, verbrannte er die Leiche. Er zwang Elisabeth F., Briefe zu schreiben, die erklären sollten, warum sie davongegangen war. Diese Briefe legte Josef F. bei der Polizei vor und beschwerte sich, dass die Ermittler seine Tochter nicht ausfindig machten.

Es war ein perfides Konstrukt aus Lügen, Täuschungsmanövern, Manipulationen, mit dem F. sein Verbrechen verschleierte. 24 Jahre lang. Bekam wirklich keiner etwas mit?

"Er hat alle getäuscht", sagte der Chef des Landeskriminalamts (LKA) Niederösterreich, Franz Polzer, am heutigen Montagnachmittag auf einer Pressekonferenz. Die Polizei, die Justiz, die Behörden.

Dann erkrankte die 19-jährige Kerstin, das erste Kind, das Elisabeth F. in Gefangenschaft zur Welt gebracht hatte, schwer - und Josef F. machte einen Fehler. Er ließ sich überreden, das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen. Am 19. April kam Kerstin F. in die Klinik im Amstetten.

Der Arzt, der die 19-Jährige dort behandelte, stellte Strafanzeige - zudem nahm die Polizei die Suche nach Elisabeth F. erneut auf.

Da F. den vier Gefangenen im Verlies einen Fernseher zur Verfügung gestellt hatte, sah Elisabeth F. in den Nachrichten, dass sie gesucht wurde. Sie überredete ihren Vater, ihre Tochter Kerstin im Krankenhaus besuchen zu dürfen. Kurz darauf wurde F. festgenommen.

Zwei Tage lang verhörte die Polizei Josef F. Zunächst verweigerte der 73-Jährige die Aussage, dann folgte ein Teilgeständnis - jetzt aber habe er alle Taten, die ihm zur Last gelegt werden, zugegeben, berichtet die Nachrichtenagentur AFP mit Verweis auf die Staatsanwaltschaft.

F. habe auch verlauten lassen, dass er "den Vorfall bedauere und ihm seine Familie leid tue", berichtete Bezirkshauptmann Heinz Lenze.

Natascha Kampusch bietet Amstetten-Opfern Hilfe an

Amstetten in Niederösterreich
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Amstetten in Niederösterreich

Das Opfer in dem bislang spektakulärsten Entführungsfall in Österreich, Natascha Kampusch, will Elisabeth F. und ihren Kindern helfen. Kampusch, 20, war selbst acht Jahre lang in der Gewalt eines Entführers. Da sie die Situation der völligen Isolation aus eigener Erfahrung kenne, biete sie der heute 42-jährigen Frau sowohl finanzielle Unterstützung als auch ein Gespräch an, hieß es in einer am Montag veröffentlichten Erklärung.

Finanzielle Hilfe will Kampusch der Familie aus den Spendengeldern zukommen lassen, die sie nach ihrer Flucht von ihrem Peiniger für einen geplanten Hilfsfonds erhielt.

Kampusch war 1998 im Alter von zehn Jahren entführt worden und acht Jahre lang von ihrem Kidnapper, Wolfgang Priklopil, in einem Kellerverlies festgehalten worden. Im August 2006 gelang ihr die Flucht. Priklopil beging daraufhin Selbstmord.

Wie hat Josef F. 24 Jahre lang eine Familie versteckt?

Die wichtigsten Fragen, welche die Ermittler jetzt im Fall Josef F. klären wollen: "Wie hat er die Versorgung vorgenommen?", fragte LKA-Chef Polzer. Ein weiterer Punkt: In dem Verlies hätten Hausgeburten stattgefunden, in diesem Zusammenhang Säuglinge betreut werden müssen.

Drei Kinder mussten mit ihrer Mutter in dem verliesartigen, fensterlosen Gefängnis leben, das bereits beim Bau des Hauses mit eingeplant worden sein soll.

Rund 80 Quadratmeter groß soll der Komplex sein, der aus mehreren Zimmern mit Küche und Sanitäreinrichtungen sowie einer Gummizelle besteht.

F. befindet sich derzeit in Untersuchungshaft. Eine DNA-Untersuchung soll definitiven Aufschluss darüber geben, ob der 73-Jährige der Vater der sechs Kinder ist. Er war Samstagnacht festgenommen worden und soll nun von Amstetten in das Untersuchungsgefängnis der Landeshauptstadt St. Pölten gebracht werden. Elisabeth F., die fünf Kinder und die Ehefrau des Verdächtigen befinden sich in psychiatrischer Behandlung.

Die 19-Jährige Kerstin liegt noch auf der Intensivstation des Krankenhauses - ihr Zustand, so LKA-Chef Polzer heute, sei nach wie vor "lebensbedrohlich".

Der österreichischen Nachrichtenagentur APA zufolge gab es während der 24 Jahre andauernden Gefangenschaft keine medizinische Versorgung für die Mutter und die drei Kinder. Der Verdächtige habe seine Opfer lediglich mit Kleidung und Nahrung versorgt.

Sowohl die Ehefrau als auch die drei Kinder, die im oberen Teil des Hauses wohnen durften und ein "normales" Leben geführt haben sollen, wollen nichts von den Vorgängen mitbekommen haben. Der Keller habe als "tabu" gegolten, schreibt APA. Die drei Kinder, die in den Wohnräumen lebten, sind laut Polizei bei guter Gesundheit.

pad/dpa/AFP

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