Inzestfall Amstetten "Das waren immer so nette Leut!'"

24 Jahre dauerte ihr Martyrium, dann wurde Elisabeth F. durch einen Zufall befreit. Ihr eigener Vater soll sie in einem Kellerverlies im österreichischen Amstetten gefangen gehalten und missbraucht haben. Sieben Kinder gebar sie dort. Ehefrau und Nachbarn wollen nichts bemerkt haben.


Amstetten - "Des kann ja net wahr sein", sagt ein Nachbar der Familie F. aus dem niederösterreichischen Amstetten, als ihm Reporter von dem Unfassbaren berichten, das sich jahrzehntelang hinter der Fassade des hellen Betonhauses der F.s zutrug. "Das waren immer so nette Leut!"

"Nette Leut'" - das klingt angesichts dessen, was von dem Geschehen in Amstetten bislang bekannt ist, wie blanker Hohn.

Dort wurde die 42-jährige Elisabeth F. aus den Händen ihres Peinigers befreit - ihres eigenen Vaters. 24 Jahre lang soll er sie gefangen gehalten und missbraucht haben, sieben Kinder brachte Elisabeth F. zur Welt - Kinder ihres Vaters.

Die inzwischen 19-jährige Tochter Kerstin, der 18-jährige Stefan und der fünfjährige Felix mussten bei der Mutter in ihrem Gefängnis bleiben, sie durften nie ins Freie. Das Verlies war 1,70 Meter hoch, verfügte über eine sanitäre Anlage, Kochnische und unebenen Boden. In dem Raum gebe es nur ein Fenster, so die Polizei.

Die drei anderen Kinder, heute 15, 14 und 12 Jahre alt, durften sich offen zeigen, wurden im Ort als Enkelkinder Josef F.s ausgewiesen, die er "in Pflege" habe.

Seine Tochter sei verschwunden, lebe wohl bei einer Sekte, machte F. Bekannten und Nachbarn weis - Elisabeth F. habe ihm die Kinder "auf die Türschwelle gelegt", habe sich wieder davon gemacht. Sie galt in Amstetten als Rabenmutter.

"Sucht nicht nach mir"

Elisabeth F., die seit ihrer Befreiung von einem Psychologenteam betreut wird, sagte mittlerweile aus, sie sei bereits seit ihrem elften Lebensjahr immer wieder von ihrem Vater vergewaltigt worden. Sie gab an, F. habe sie im August 1984 in den Keller gelockt, gefesselt und eingesperrt.

Den Behörden gegenüber, denen er seine Tochter als vermisst meldete, erzählte F. die Mär von der verschwundenen Tochter, der Sekte, zeigte sogar einen Brief vor, der angeblich von Elisabeth F. stammte. "Sucht nicht nach mir", stand darin.

Es scheint unbegreiflich, dass Josef F. drei der Kinder zusammen mit seiner Frau aufziehen und in die Schule schicken konnte, ohne dass die Behörden skeptisch wurden. Bisher, so sagt die Polizei, gibt es wenigstens keine Anzeichen, dass Josef F. auch seine Enkel vergewaltigt haben könnte.

Der 73-Jährige schweigt zu den Vorwürfen.

Seine Frau Rosemarie will nach eigenen Angaben von der Situation nichts mitbekommen haben. "Sie hat es als gegeben hingenommen", sagt der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer.

Von den sieben Kindern, die die stark traumatisierte Elisabeth F. in ihrem Kellerverlies gebar, starb eines nach der Geburt. Die Leiche soll Josef F. verbrannt haben.

"Äußerst verstörter psychischer Eindruck"

Der Fall kam erst ans Licht, als die 19-jährige Kerstin schwer erkrankte. Nach Informationen von SPIEGEL TV bestand Elisabeth F. gegen den anfänglichen Widerstand ihres Vaters darauf, dass Kerstin ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Die Polizei versuchte daraufhin, Kerstins Mutter ausfindig zu machen - und brachte nun offenbar Josef F. mit dem Verschwinden der Frau in Verbindung.

Als die Ermittler Elisabeth F. befreiten, habe sie einen "äußerst verstörten psychischen Eindruck" gemacht und war "in schlechter körperlicher Verfassung", so die Polizei.

Erst nach einem längeren Gespräch und der Zusicherung, dass es zu keinem Kontakt mit dem Vater mehr kommen und auch für ihre Kinder gesorgt werde, war sie zu einer umfassenden Aussage bereit.

Die 19-Jährige Kerstin befindet sich immer noch im Krankenhaus, sie liegt auf der Intensivstation.

Die polizeilichen Ermittler setzen ihre Arbeit im Haus und im Garten der Familie F. fort. Die Spurensuche werde Tage, wenn nicht Wochen dauern, heißt es. Es gibt, so meinte ein Ermittler, "Dinge, die will man gar nicht sehen".

Parallelen zum Fall Kampusch

Der Fall aus Amstetten weckt Erinnerungen an Natascha Kampusch, die 1998 im Alter von zehn Jahren verschleppt worden war und von ihrem Entführer in einem Kellerraum seines Hauses eingesperrt wurde. Sie konnte sich erst achteinhalb Jahre später im Sommer 2006 befreien.

pad/dpa/AFP/AP

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