Inzestfall Amstetten Elisabeth Fritzl gibt erstes TV-Interview

Sie wollte anonym bleiben, unerkannt ein neues Lebens beginnen - doch der Druck der Medien ist offenbar zu groß: Elisabeth Fritzl, Inzest-Opfer aus Amstetten, wagt sich in die Öffentlichkeit. Die 42-Jährige werde erstmals ein TV-Interview geben, berichten österreichische Medien.


Hamburg - Nein, eine echte Chance auf ein neues Leben in Anonymität, auf vollkommenen Opferschutz haben Elisabeth Fritzl und ihre Kinder im Medienzeitalter nicht: Das Magazin "Österreich" berichtet, die 42-Jährige werde dem Österreichischen Rundfunk (ORF) demnächst ein Interview gegeben - der Druck seitens der Paparazzi, die auf ein Foto der Fritzl-Familie lauerten, sei zu groß geworden und solle mit diesem Schritt in die Öffentlichkeit entschärft werden.

Elisabeth Fritzl dürfte das zur Zeit bekannteste Verbrechensopfer der Welt sein: 24 Jahre lang war sie von ihrem Vater Josef Fritzl im österreichischen Amstetten in einem Kellerverlies gefangen gehalten worden. Mehrfach wurde sie in diesen Jahren missbraucht, brachte im Keller sieben Kinder zur Welt - eines starb nach der Geburt, drei von ihnen wuchsen ausschließlich in dem unterirdischen Gefängnis auf.

Seit der Befreiung aus dem Verlies am 19. April 2008 lebt Elisabeth Fritzl mit fünf ihrer Kinder und ihrer Mutter Rosemarie in der psychiatrischen Klinik Amstetten-Öhling. Doch die erhoffte Sicherheit fand die Familie offenbar nicht, die Privatsphäre der sieben Menschen ist dort nicht ausreichend geschützt.

Wie die "Österreich" berichtet, versuchten Paparazzi mehrfach, in den Klinik-Wohnbereich der Fritzls einzudringen. In der Nacht zum vergangenen Freitag habe ein Fotograf versucht, über einen Balkon in eines der Zimmer einzusteigen - eine Krankenschwester bemerkte ihn und rief um Hilfe. Zwischen einem Sicherheitsbeamten und dem Fotografen sei es zum Handgemenge gekommen, zwei Menschen seien verletzt worden.

Nach "Österreich"-Informationen habe zudem ein Pfleger der Klinik ein Foto der Familie Fritzl gemacht und dieses für 300.000 Euro bei Presseagenturen zum Kauf angeboten.

Daraufhin habe es am vergangenen Samstag einen "Krisengipfel" mit dem Opferanwalt Christoph Herbst in der Klinik gegeben. Dem Gespräch sei die Entscheidung gefolgt, dass Elisabeth Fritzl mit einem ORF-Interview an die Öffentlichkeit gehen werde.

Ein Sprecher des ORF konnte dies gegenüber SPIEGEL ONLINE "zu diesem Zeitpunkt" weder bestätigen noch dementieren.

"Österreich" will erfahren haben, dass es wie im Fall Kampusch ein Einzelgespräch Elisabeth Fritzls mit einem ORF-Journalisten geben werde - "Favorit" sei Christoph Feuerstein, der bereits das erste Kampusch-Interview fürs Fernsehen führte. Auch RTL habe sich um das Interview bemüht, Opferanwalt Herbst habe aber eine "österreichische Lösung" vorgezogen.

Der ORF werde kein Honorar für das Interview zahlen, aber die weltweite Vermarktung des Gesprächs übernehmen - die Einnahmen gingen Elisabeth Fritzl und ihre Familie zu.

In "frühestens" einer Woche werde das Interview ausgestrahlt.

pad

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