Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ehefrau an Alzheimer erkrankt: Gericht spricht 78-Jährigen von sexuellem Missbrauch frei

Ein Mann aus Iowa musste sich vor Gericht verantworten - weil er in einem Pflegeheim angeblich Sex mit seiner an Alzheimer erkrankten Frau gehabt haben soll. Er wurde freigesprochen, doch die Debatte geht weiter.

Es war ein höchst ungewöhnlicher Fall, über den eine Jury in Iowa zu entscheiden hatte. Auf der Anklagebank: Henry R., 78, Landwirt und ehemaliger Abgeordneter des US-Bundesstaates. Der Vorwurf: R. soll seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau sexuell missbraucht haben. Das Urteil: Freispruch.

Was immer also am 23. Mai 2014 in einem Pflegeheim in Iowa geschehen ist, es war kein Verbrechen. Doch der Fall hat in den USA eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Brauchen Pflegeheime klarere Leitlinien zum Thema Sexualität - insbesondere, da die Zahl von Demenz-Patienten stetig wächst? Und sind demente Menschen geistig überhaupt dazu fähig, in sexuelle Handlungen einzuwilligen?

Seine Frau habe sich weiterhin Intimitäten gewünscht, sie seien sogar von ihr ausgegangen, sagte Henry R. laut "New York Times" vor Gericht. Das Paar, beide verwitwet, hatte sich im Kirchenchor kennengelernt und 2007 geheiratet. Zeugen berichteten von einer liebevollen Beziehung: Er begann sich fürs Imkern zu interessieren - das Hobby seiner Frau. Sie begleitete ihn ins Abgeordnetenhaus, wenn das Parlament tagte.

Zeugin will verdächtige Geräusche gehört haben

Doch dann wurde sie vergesslich, wiederholte sich ständig und fuhr mit dem Auto schon mal auf der falschen Straßenseite. Ärzte diagnostizierten Alzheimer in fortgeschrittenem Stadium. Anfang 2014 veranlassten ihre Töchter die Unterbringung in einem Pflegeheim. Mitte Mai saßen die Frauen laut "Washington Post" mit den Ärzten ihrer Mutter zusammen, um über die geistige Gesundheit ihrer Mutter zu sprechen. Das Ergebnis wurde Henry R. in einem Schreiben mitgeteilt: Seine Frau sei nicht mehr imstande, eigenständige Entscheidungen zu treffen und ihre Zustimmung zu sexuellen Handlungen zu geben.

Trotzdem habe Henry R. eine Woche später Sex mit ihr gehabt, so der Vorwurf der Töchter und der Anklage. Wenige Monate später starb die Frau, ihr Mann wurde kurz nach der Beerdigung verhaftet.

In der fraglichen Nacht am 23. Mai habe er seine Frau nur geküsst und Händchen gehalten, sagte Henry R. im Prozess. Die einzige Zeugin für den angeblichen Vorfall war eine 86-Jährige, die das Zimmer mit seiner Frau teilte. Demnach hatte der 78-Jährige den Vorhang um das Bett seiner Frau zugezogen. Anschließend habe sie Geräusche vernommen, die ihr unangenehm gewesen seien, berichtete die Zeugin dem Pflegepersonal.

Vor Gericht sagte die Frau jedoch aus, sie sei nicht sicher, ob es sexuelle Geräusche gewesen seien. Eine medizinische Untersuchung von Henry R.s Ehefrau erbrachte keinerlei Hinweise auf einen Missbrauch. Und eine Analyse von Flecken auf ihrem Bettlacken ergab zwar, dass es sich um das Sperma ihres Mannes handelte. Wann die Flecken entstanden waren, ließ sich jedoch nicht ermitteln.

Tabuthema Sex im Alter

Juristisch lag der Fall von Anfang an in einem Graubereich. Die Gesetze in Iowa definieren Sex mit einer Person, die an einem "psychischen Defekt oder Unzurechnungsfähigkeit" leidet, als sexuellen Missbrauch. Was genau mit einem psychischen Defekt gemeint ist, wird aber nicht näher ausgeführt.

Medizinische Experten bezeichnen das Argument, ein Alzheimer-Patient könne kein Einverständnis zu sexuellen Handlungen geben, dem Bericht der "Washington Post" zufolge zudem als verzwickt. Sicherlich beeinträchtige Demenz die geistigen Fähigkeiten - so konnte Henry R. Ehefrau zum Beispiel die Wörter "Socke" und "blau" nicht nachsprechen. Doch der Wunsch nach körperlicher Nähe könne davon unberührt bleiben. Intimität tue Patienten in vielen Fällen gut.

"Sehr, sehr wenige Pflegeheime haben sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, weil es so kompliziert ist", sagte Daniel Kuhn dem "New York Magazine". Der Sozialarbeiter bietet für Pflegekräfte Schulungen zum Thema Demenz und Sex an. Die meisten Einrichtungen seien überempfindlich, wenn es darum gehe, das Thema Sex zwischen Senioren anzusprechen.

Das Bedürfnis alter Menschen nach Sex ist auch in Deutschland oft ein Tabuthema. Pfleger und Angehörige von Demenzkranken lernen erst langsam damit umzugehen, wie ein Artikel im aktuellen SPIEGEL zeigt.

wit

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Im Grunde normal
puma. 23.04.2015
dass diese Bedürfnisse weiter wach bleiben. Vielleicht nicht bei allen, wie auch in jüngeren Jahren. Trotzdem stelle ich es mir für Pfleger-innen schwierig vor, wenn jemand grabscht oder erregt ist. Aber da gibt es Schlimmeres? Die sexuelle Revolution fing mit den Frauen und Recht auf Selbstbestimmung an, ging mit Schwulen und Lesben weiter und nun nimmt man die Realitäten auch bei Betagten zur Kenntnis.
2.
asentreu 23.04.2015
Das muss nicht pauschal Missbrauch gewesen sein. Jeder der Demenz und Alzheimer kennt, weiß das vieles bei den Patienten von der "Tagesform" abhängig ist, es gibt insb. am Anfang der Erkrankung viele klare Tage an denen sie normal oder fast normal wirken und auch genau wissen was um sie herum und mit ihnen geschieht und eben auch die dementen Tage an denen es nicht so ist. Es ist gut möglich, dass die Dame in der Situation sehr genau wusste was da passiert und es hat geschehen lassen oder eben sogar es bewusst gewollt hat. Noch dazu reden wir vom Ehemann, also einer Person mit der sie (das unterstelle ich jetzt einfach mal) Intimität gewohnt war. Ich denke hier kann weder der Missbrauch, noch die Einvernehmlichkeit zweifelsfrei bewiesen werden. Schwieriges Thema!
3.
minsch 23.04.2015
Solche idiotischen Prozesse kommen dabei heraus, wenn aus religiösen Gründen völlig verklemmte die Gesetze machen: Was geht es Gerichte und den Staat an, wenn Eheleute Sex haben? Und das da eine Vergewaltigung stattgefunden hat, wird ja nicht behauptet.
4. Ist das
felisconcolor 23.04.2015
wirklich schon so schlimm? Kann ich in Zukunft mit m/einer Frau nur noch Sex haben wenn ich eine unterzeichnete schriftliche Einwilligung der Frau habe? Hier wurde doch soweit in die Privatsphäre der beiden Menschen eingegriffen das es mir wirklich "unangenehm" ist. Auf was für Zeiten gehen wir hin? Nur nebenbei die beiden waren verheiratet!!!
5. Das neurotische Verhältnis in den USA
ali.wie.brecht 23.04.2015
zur Sexualität lässt sich prima in einem Sorgerechtsstreit instrumentalisieren. wie sagt der Orinalartikel in der NYT: Wieso war die Dame nicht in einem Einzelzimmer? Ein langjähriger Abgeordneter müsste sich das doch leisten können. Oder wollten die Erbinnen kein Geld verplempern?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: