Korruptionsfall in der Toskana "Was lassen wir dem Staat? Nichts"

Gebildet, bestens vernetzt, gerissen: In Pisa sind ein Richter und seine Kumpane angeklagt. Dank ihrer Beziehungen sollen sie sich bei Immobilienversteigerungen die Taschen vollgemacht haben.

Pisa
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Reich werden ist eigentlich ganz simpel, mit einer guten Idee und den richtigen Leuten. Immobilien beispielsweise gehen immer, wenn man sie billig kaufen und teuer verkaufen kann. Besonders jene, die von Amts wegen versteigert werden. Das erkannte ein scharfsinniger Richter im Laufe seiner ansonsten nicht sonderlich erfolgreichen Berufskarriere in der Toskana.

Er ist Verdächtiger in einem Verfahren, das die Justiz in Pisa beschäftigt. Dem Richter fielen vor ein paar Jahren all jene Mietwohnungen, Villen, Industriehallen, Ladenlokale und Grundstücke auf, die ihren meist überschuldeten Vorbesitzern von Amts wegen weggenommen und versteigert werden, um die Gläubiger zu bezahlen. Schäbige Mini-Apartments ebenso wie Millionen-Villen. Da, erkannte der Richter, sind viele Schnäppchen zu holen.

Laut Staatsanwaltschaft soll er es mit Komplizen geschafft haben, alle Kontrollen bei derlei Versteigerungen zu umgehen, etwa die Gebotsabgabe in verschlossenen Umschlägen. Das soll so gut funktioniert haben, dass er in einem überwachten Telefonat gewitzelt haben soll, er müsse sich "nicht mehr bücken, wenn ich auf der Straße tausend Euro fände, das wäre Zeitverschwendung!"

"Korruption, Fälschung und Veruntreuung"

Ganz allein, befand der Mann laut Anklage, lasse sich die Sache nicht bewerkstelligen. Deshalb scharte er mehrere Leute um sich. Top-Adressen allesamt, studierte, ehrenwerte Bürger im Norden der Toskana:

  • einen Architekten, der in der Region den Wert solcher Objekte im Auftrag der Justiz schätzt und damit den Mindestpreis bestimmt;
  • einen Ex-Friedensrichter, Präsident etlicher Stiftungen und Organisationen, mit besten Kontakten;
  • einen renommierten Steuerberater, der die finanzielle Abwicklung managt;
  • dessen Tochter, Rechtsanwältin, für die juristische Aufarbeitung;
  • einen zweiten Anwalt, mit 81 Jahren fürs Tagesgeschäft eher weniger geeignet, aber mit vorzüglichen Verbindungen, als Ex-Stadtrat, Träger des Ordenstitels "Cavaliere" und vor allem als Chef des I.V.G. in Pisa, des "Istituto Vendite Giudiziarie". Das ist die Institution, die den gesamten Versteigerungskomplex amtlicherseits handhabt;
  • und dessen Vize, erst 35, fürs Handwerkliche.

Die Staatsanwaltschaft in Pisa hat auf 140 Seiten aufgeschrieben, wie diese "kriminelle Vereinigung" sich mit "Korruption, Fälschung und Veruntreuung" mehrere Jahre lang reich gemacht haben soll.

Bei allen Projekten, die hohen Profit versprachen, sollen sich die Verdächtigen dank ihrer Beziehungen und wohl auch großzügiger Geldspenden eine Art Vorkaufsrecht gesichert haben. So kamen sie günstig an Immobilien, die sie dann teuer weiterverkauften.

Andere Bewerber wurden ferngehalten, zum Teil mit dreisten Lügen - etwa der Aussage, der Versteigerungstermin sei verschoben worden. Oder der Schwindelei, das Objekt werde nicht versteigert, weil die Mafia involviert sei. Mutmaßlich wurden wohl auch die Mängel der Objekte vom Gutachter drastisch überzogen dargestellt. So sanken das Interesse anderer Käufer und der Mindestpreis für die Immobilien-Abräumer gleichermaßen.

"Ehrlich zu sein, bringt gar nichts"

Der Schaden - zu Lasten der Gläubiger und des Staates - lässt sich noch nicht genau beziffern. Auch wie viel die Verdächtigen selbst kassiert haben sollen, ist unklar. Sie wollen nichts zur Aufklärung beitragen. So viel nur steht wohl fest: Es geht um sehr viel Geld.

"Wir müssen so viel wie möglich rauben", sagte der Steuerberater laut einem Telefonmitschnitt. "Genau", assistiert der Richter, "und was lassen wir dem Staat? Nichts". Der Steuerberater lacht: "Ehrlich zu sein, bringt gar nichts", antwortet er und der Richter sieht das genauso: "Nicht angreifbar und gnadenlos müssen wir sein".

Und nach jetzigem Stand waren sie das lange Zeit. Dafür hat die Staatsanwaltschaft offenbar viele Beispiele. Manche wurden von den Beteiligten selbst ins Telefon gesprochen - und von den Carabinieri mitgeschnitten: Was die jüngste Sache denn gebracht habe, fragt der Steuerberater den Richter, "50.000" sagt der. "11.000 haben wir für das Haus bezahlt, bleiben 39 für uns".

Dass der Richter deren Anführer war, steht für die Staatsanwaltschaft fest. Dabei war der mehr als sein halbes Leben bieder, brav und unauffällig, trug braune Anzüge zu blass-braunen Krawatten. Er war fleißig und hatte ein Faible für große Prozesse. Leider endeten die oftmals nicht gut.

Safari-Jacke statt Anzug

Als er noch ein junger Staatsanwalt in der nordtoskanischen Stadt Massa war, klagte er zum Beispiel eine große Zahl der dortigen Justiz-Angestellten des fortgesetzten Blaumachens an. Doch das Verfahren scheiterte kläglich, und er wurde in ein Bergdorf versetzt. So ging es ein paarmal.

Aber irgendwann, berichteten Ex-Kollegen den Lokalzeitungen, veränderte sich seine Körperhaltung, sein Auftreten. Er wurde locker und selbstbewusst. Statt Anzug trug er außer Diensten gern ein offenes Hemd unter der Safari-Jacke. Er engagierte sich in der Politik, präsentierte sich als Mann der Rechtsstaatlichkeit und Mafia-Jäger und kandidierte für alles Mögliche, bis hin zum Europaparlament. Nichts davon gelang. Aber es reichte, dass er karrieremäßig immer ein Stückchen weiterkam.

Geholfen hat vielleicht auch seine demonstrative Bewunderung von Italiens Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi. So trug er an dessen Geburtstag, dem 29. September, stets einen Anstecker am Jackett mit dessen Konterfei und verweigerte jede Arbeit. Denn dies sei schließlich ein Tag zum Feiern.

So erwischte er schließlich sogar den Platz, den er unbedingt haben wollte: Er durfte zurück nach Massa und wurde Konkursrichter. Damit stand er mittendrin in seiner ersehnten "Goldgrube". Und er grub.

Bis die Staatsanwaltschaft ihn und sechs weitere ehrbare Bürger abholen ließ. Drei dürfen die Verhandlung daheim, unter Hausarrest erwarten, vier Verdächtige sind in Untersuchungshaft. Darunter der Richter. Der bekommt nun, mit 56 Jahren, vermutlich doch noch einen richtig großen Prozess, von dem er immer geträumt hatte. Allerdings nicht als Ankläger oder Richter, sondern als Angeklagter.



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