Italien Kriminelles Netzwerk hört Tausende Prominente ab

Es klingt wie ein Spionagethriller: In Italien hat die Polizei einen gewaltigen kriminellen Abhörring aufgedeckt, der Tausende Prominente belauscht und erpresst haben soll. Die Abhör-Mafia soll sogar Verbindungen zum Geheimdienst gehabt haben - erst kürzlich starb ein Kronzeuge durch einen dubiosen Selbstmord.


Rom - 21 Verdächtige hat die Mailänder Staatsanwaltschaft gestern festnehmen lassen, unter ihnen mit Giuliano Tavaroli der ehemaligen Sicherheitschef der Telecom Italia, außerdem Pirelli-Sicherheitschef Pierguido Iezzi, berichten italienische Zeitungen heute. Elf der Festgenommenen seien Mitglieder der Carabinieri und der Finanzpolizei. Stück für Stück kommt ein Spionagering ans Licht, der selbst das an Korruptionsskandale gewöhnte Italien erschüttert. Jahrelang soll die Organisation Industrielle, Politiker, Journalisten, Fußballspieler, Bankiers und Intellektuelle abgehört haben, insgesamt Tausende Menschen.

Unter den Belauschten sind nach Zeitungsberichten zum Beispiel Fabio Capello, der Trainer des Fußballvereins Real Madrid, Carlo de Benedetti, Präsident des Informatikkonzerns Olivetti, oder der Industrielle Diego della Valle, dem die Schuhmarke Tod's gehört. Auch abgehört wurden Gilberto Benetton, unter anderem Hauptaktionär der Telecom Italia, und Cesare Geronzi, Chef der Bankengruppe Capitalia. Die Zeitung "La Stampa" veröffentlichte auf ihrer Titelseite eine Art Who's who der Abgehörten und schrieb, "es fällt der Schleier von einem der mysteriösesten Fälle der vergangenen Jahre."

Den Festgenommenen werden Korruption und illegaler Zugriff auf Telefon- und Bankdaten zur Last gelegt. Die Daten dienten laut Staatsanwaltschaft als "Instrument für Druck, Drohungen und Erpressung in der Hand einer kleinen Gruppe". Die beim Abhören gewonnenen Erkenntnisse seien weiterverkauft oder für Erpressungen genutzt worden, heißt es unter Berufung auf Justizangaben. Die Kriminellen hätten auf diese Weise insgesamt rund 20 Millionen Euro eingenommen. In den beschlagnahmten Computern und Dokumenten seien Zehntausende Namen von mutmaßlichen Opfern gefunden worden.

Verbindungen zum italienischen Geheimdienst und zu CIA-Häschern?

Zeitungsberichten zufolge wurde das Abhörnetz zunächst bei Telecom Italia und deren Mutterkonzern Pirelli eingerichtet, um Angestellte zu überwachen. Dann sei es nach und nach ausgeweitet worden, bis schließlich Politiker, Geschäftsleute, Bankiers, Showgrößen, Fußballspieler und Schiedsrichter belauscht wurden. In italienischen Zeitungen wurde die Frage aufgeworfen, ob das weit verzweigte System ohne Wissen der Konzernspitzen von Pirelli und Telecom Italia hätte existieren können. Das Abhörnetz soll 1997 ins Leben gerufen worden sein.

Noch stehen die Fahnder erst am Anfang. Wie weit der Spionagering reicht, ist unklar. Immerhin, im Zentrum des "Spinnennetzes" soll auch die frühere "Nummer zwei" des italienischen Geheimdienstes, Marco Mancini, gesessen haben, der erst unlängst im Zusammenhang mit CIA-Entführungen inhaftiert worden war. Düstere Abgründe werden auch im Fall des ehemaligen Sicherheits-Beauftragten der Telecom-Mobilfunktochter TIM, Adamo Bove, sichtbar: Er hatte den Behörden unlängst erste Tipps über illegale Machenschaften der "Abhör-Mafia" gegeben - einen Monat später stürzte er in Neapel von einer Autobahnbrücke und starb. Angeblich Selbstmord, eine Ermittlung der Justiz läuft.

sön/dpa/AFP



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