Kriminelle Jugendbanden in Italien Neapels Kampf gegen die "Baby Gangs"

In Neapel steigt die Zahl brutaler Überfälle durch marodierende Jugendbanden. Studenten demonstrieren gegen die Gewalt, der Innenminister verstärkt die Polizeipräsenz. Was treibt die "Baby Gangs" an?

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In den italienischen Medien kursieren derzeit Facebook-Selfies der besonderen Art: Da posieren Kinder mit Joint im Mundwinkel, halten stolz Schusswaffen, Messer oder Baseballschläger in die Kamera. "Wir machen Angst", schreibt ein jugendlicher Gangster aus Neapel großspurig unter sein Gruppenbild.

Die traurige Wahrheit ist: Es stimmt.

Die sogenannten Baby Gangs machen das Land unsicher - denn sie belassen es nicht bei Drohungen. Sie terrorisieren Nachbarn, pinkeln auf Obdachlose, verletzen Gleichaltrige, klauen Handys und provozieren die Sicherheitskräfte. Nicht nur in Neapel, das gerade am heftigsten mit dem Problem zu kämpfen hat. Auch in Mailand, Rom oder Turin, zunehmend auch in kleineren Gemeinden.

Demonstration gegen Gewalt in Neapel
ABBATE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Demonstration gegen Gewalt in Neapel

17 Raubüberfälle und 32 Opfer allein in Neapel zählt die Tageszeitung "Repubblica" von Oktober bis November 2017. Mitte Januar attackierten zwölf Teenager nahe der Metrostation Chiaiano den 15-jährigen Gaetano und verletzten ihn so schwer, dass seine Milz per Notoperation entfernt werden musste. Der Fall empörte viele in der Stadt: Hunderte Schüler und Studenten demonstrierten in Neapel. "Schluss mit der Gewalt. Gaetano, wir sind bei dir", war auf den Plakaten zu lesen.

Schon gibt es erste Forderungen nach einer Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters. Auch über härtere Strafen müsse nachgedacht werden, sagte der Präsident der Region Kampanien, Vincenzo De Luca. "Einen Elfjährigen ins Gefängnis zu stecken ist eine Bankrotterklärung", konterte Neapels Bürgermeister Luigi De Magistris. Vielmehr solle man verstärkt Eltern zur Verantwortung ziehen, "die ihre Kinder nicht in die Schule schicken".

"Wer bewaffnet durch die Gegend läuft, ist auch bereit, die Waffen zu benutzen"

Laut einer Studie der staatlichen italienischen Beobachtungsstelle für Heranwachsende sind geschätzt 6,5 Prozent aller Minderjährigen Mitglied in einer Jugendbande. 16 Prozent sind schon einmal durch Vandalismus aufgefallen, drei von zehn Teenagern haben an einer Prügelei teilgenommen.

"Jugendgewalt ist seit vielen Jahren ein Problem", sagt die Vorsitzende der Beobachtungsstelle, Maura Manca. "Neu ist, dass die Täter so jung sind, teilweise erst elf, zwölf Jahre." Die Gewaltbereitschaft sei gestiegen, auch bei Mädchen: "Wer bewaffnet durch die Gegend läuft, ist auch bereit, diese Waffen zu benutzen."

Man müsse allerdings unterscheiden zwischen Gewalt durch Gruppen der organisierten Kriminalität und Übergriffen durch die "Baby Gangs". Minderjährige Mafiosi stammten oft aus Familien mit entsprechendem Hintergrund. "Sie werden für Straftaten instrumentalisiert, weil sie noch nicht strafmündig sind und selbst bei Entdeckung nicht ins Gefängnis kommen. Sie gehen geplant und gut organisiert innerhalb der kriminellen Struktur vor." Ganz anders die "Baby Gangster", die impulsiv und unvorhersehbar agierten.

"Sie kommen in der Regel nicht aus kriminellen oder mafiösen Familien", sagt die Psychotherapeutin Manca. "Sie sind wie Waisen, Kinder der Straße, das Ergebnis einer verfehlten Erziehung." Die Eltern seien oft abwesend, es fehle an öffentlichen Räumen, wo die Jugendlichen sich aufgehoben fühlen könnten. "Sie verbringen ganze Nachmittage in der Gruppe, manche trinken Alkohol oder nehmen Drogen, sie rebellieren gegen alles, was für sie eine einschränkende Regel darstellt."

Neapel kämpft von jeher mit der Gewalt, hier herrscht die Camorra. Der Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano erklärte, Bildung sei der einzige Ausweg aus der Misere. "Nur eine Armee von Lehrern kann das Schicksal dieser Stadt verändern." Italien gibt laut OSZE nur etwa vier Prozent seines BIP für Bildung aus - im europaweit führenden Schweden sind es mehr als sieben Prozent.

Innenminister Marco Minniti (PD)
AP

Innenminister Marco Minniti (PD)

Neapel hat angesichts der wachsenden Gewalt einen Sicherheitsrat einberufen. Der sozialdemokratische Innenminister Marco Minniti (PD) eilte in die Stadt, traf Opfer der Übergriffe und versprach eine Aufstockung der Sicherheitskräfte um mindestens 100 Beamte. "Wir haben es mit einer Form nihilistischer Gewalt zu tun, die keinen Respekt vor dem Wert des Lebens hat und willkürlich ausgeübt wird. Das sind Methoden, die terroristische Züge tragen." Daher könne man dem Phänomen nur mit Null-Toleranz begegnen.

"Keine politische oder religiöse Agenda"

Terror? Ein völlig falscher Begriff, findet der Soziologe Fabio Armao von der Universität Turin. "Wir haben es mit Teenagern zu tun, die auf der Suche nach Identität sind, die sich mit ihrer Gruppe identifizieren. Für sie ist die Gewalt eine Art Initiationsritus. Sie sind keine Terroristen, sie haben keine politische oder religiöse Agenda, sie handeln nicht geplant."

Mit seinem Projekt "Gangcity" hat Armao 2016 das Phänomen Jugendbanden analysiert. "Sämtliche Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass eine Null-Toleranz-Strategie kaum Erfolg bringt und lediglich enorme Kosten verursacht." Geld, das Armao lieber in "vielleicht banal erscheinende, aber sinnvolle Programme" wie Skateparks stecken würde.

Auch eine Kultur der Gewalt spielt demnach eine Rolle. Hip-Hop und Rap seien unter Jugendlichen beliebt, die Musiker lebten Modelle vor, die Gewalt implizierten. Serien wie "Gomorrha" nach dem Buch von Roberto Saviano stilisierten Gewalt, auch wenn sie die Mafia kritisch unter die Lupe nähmen.

Und nicht zuletzt sorgen die "Baby Gangster" selbst für eine Reproduktion ihrer Taten: Viele von ihnen sind in sozialen Netzwerken unterwegs, die sie für die Selbstdarstellung und manchmal auch die Verabredung eines Treffpunkts nutzen. Armao sieht das mit Sorge: "Das sind perfekte Vorlagen für Nachahmer, leider."

Doku über die Ndrangheta



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